11 Januar 2026

Ein Land in heller Aufregung: Die Deutschen haben verlernt, was Winter heisst (NZZ)

Ein Land in heller Aufregung: 
Die Deutschen haben verlernt, was Winter heisst (NZZ)
Manche Politiker würden am liebsten jeden Bürger vor dem Ausrutschen schützen. Das beschreibt die Lage des staatsverwöhnten Landes gut.
Sebastian Lange, Berlin 09.01.2026, 3 Min
Davon werden die heute lebenden Deutschen noch künftigen Generationen berichten können: Damals, im Januar 2026, trat ein, womit niemand gerechnet hatte: Es wurde plötzlich Winter in Deutschland. Mit Schnee. Die Deutsche Bahn stellte im Norden den Fernverkehr ein, vielerorts wurden Schulen geschlossen, das Bundesliga-Spiel St. Pauli gegen Leipzig wurde abgesagt, die «Bild-Zeitung» berichtete über das «Winterchaos» – zum Glück warnte der Deutsche Wetterdienst rechtzeitig vor dem Sturmtief «Elli».
Nicht, dass jemand diese Zeilen falsch versteht: Natürlich dürfen und sollen Behörden vor Gefahren warnen. Und in manchen Situationen ist es besser, zu Hause zu bleiben. Auch mit der so gebeutelten Deutschen Bahn kann man in Zeiten eines Sturmtiefs nachsichtig sein: Oberleitungen können vereisen, Weichen einfrieren.
Doch das, was in Deutschland derzeit geschieht, geht weit über diese Vorsichtsmassnahmen hinaus. Wer die Berichterstattung verfolgte, musste bald den Eindruck haben, das Land stehe vor einer Schneekatastrophe wie Ende der siebziger Jahre, als ganze Dörfer von der Aussenwelt abgeschnitten waren. Auch die Massnahmen wirkten an diesem Freitag mancherorts überzogen.
In einer Reihe von Bundesländern fiel die Schule aus, oder die Präsenzpflicht im Unterricht wurde aufgehoben. Die Bahn stellte den Fernverkehr in Norddeutschland zeitweilig komplett ein, und was der Bahn-Sprecher dazu im Fernsehen sagte, klang unfreiwillig komisch: «Wir können uns um unsere Fahrgäste viel besser in den Bahnhöfen kümmern als auf freier Strecke.»
Der Kümmerer-Staat treibt Blüten
Auch der Kümmerer-Staat treibt dieser Tage die seltsamsten Blüten. Beispielhaft illustriert das eine Initiative der oppositionellen Grünen im Land Berlin: Kommende Woche wollen sie im Wirtschaftsausschuss einen Gesetzentwurf einbringen, der die Stadtreinigungsbetriebe des Landes dazu verpflichten soll, künftig auch die Gehwege der Metropole von Eis und Schnee zu befreien. Bisher lag die Verantwortung bei den Immobilienbesitzern. Ein jeder streue und schippe vor seiner Tür.
Doch für Oda Hassepass, die verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen, reichte das offenbar angesichts der derzeit kaum auszuhaltenden Witterungsverhältnisse nicht aus. Sie rief nach dem Staat.Die heutige Regelung berge Gefahren gerade für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. «Es ist die Fürsorgepflicht einer Stadt, dass auch die Schwächsten sicher unterwegs sein können. Berlin braucht einen professionell organisierten, effizienten Winterdienst aus einer Hand», so Hassepass.

Mal abgesehen davon, dass das Land Berlin einen defizitären Haushalt aufweist und schon jetzt nicht dafür bekannt ist, besonders saubere Strassen zu haben: Der Vorstoss steht beispielhaft für den in Deutschland verbreiteten Wunsch, die Regierung möge doch bitte alle Gefahr und Unbill von den Bürgern fernhalten.
Versuchsanordnung Berlin

Die deutsche Hauptstadt dient derzeit als kleine Versuchsanordnung, wie sich der fürsorgliche Staat weiter ausbauen lässt. Das Land zeigt auch das Hauptproblem dieser Versuchsanordnung auf: In grossen Krisenlagen wie dem Berliner Stromausfall in der Kälte reagiert es zunächst ineffizient; beim anschliessenden Sturmtief dann mit Aktionismus.

Dabei kann der Staat nicht ersetzen, was die Bürger verlernt haben: mit Widrigkeiten wie einem heftigen Kälteeinbruch umzugehen. Es ist Winter. Es schneit. Strassen vereisen, Gehwege müssen geräumt werden. Das soll auch früher schon vorgekommen sein. Womöglich sogar ohne Schulausfälle.

Etwas mehr Gelassenheit würde den Deutschen guttun, am besten auch ein paar hochgekrempelte Ärmel. Gegen die Schwerkraft, die einen auf den vereisten Gehweg knallen lässt, werden sie auch künftig nichts ausrichten können. Nicht einmal ein Gesetzentwurf wird daran etwas ausrichten.

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