Linksextremismus-Forscher zum Terroranschlag auf das Berliner Stromnetz: «Wäre es ein Anschlag von rechts gewesen, hätten wir hier eine Lichterkette von Zehlendorf bis nach Pankow» (NZZ)
Medien, Politik und Wissenschaft in Deutschland würden notorisch die Gefahr des Terrors von links verharmlosen, stellt der Politologe Klaus Schroeder nach dem Anschlag auf die Starkstromleitungen in Berlin am 3. Januar fest.
Michael Radunski, Berlin, 11.01.2026, 5 Min
Interview mit Klaus Schroeder
Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin gilt als Experte für Linksextremismus. Bis 2021 leitete er den Forschungsverbund SED-Staat, eine fächerübergreifende Einrichtung der FU Berlin, die sich der Aufarbeitung des Regimes in der DDR widmete.
Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin gilt als Experte für Linksextremismus. Bis 2021 leitete er den Forschungsverbund SED-Staat, eine fächerübergreifende Einrichtung der FU Berlin, die sich der Aufarbeitung des Regimes in der DDR widmete.
Herr Schroeder, haben Sie dieser Tage auch Tennis gespielt wie Berlins Bürgermeister, als der Anschlag auf die Hochspannungskabel verübt wurde und der Strom ausfiel?
Klaus Schroeder: Nein. Im Gegensatz zu Kai Wegner, unserem Regierenden Bürgermeister hier in Berlin, habe ich versucht, unser Haus etwas warm zu bekommen.
Sie gehören zu den rund 100 000 Bewohnern, die direkt vom Stromausfall betroffen waren?
Ja. Ich wohne mit meiner Frau in Zehlendorf. Und eines kann ich Ihnen sagen: Fünf Grad im Wohnzimmer – das ist kein Spass. Meine Frau und ich mussten zeitweise zu meiner Tochter nach Brandenburg, um die kalten Tage zu überstehen.
Wenn nach dem jüngsten Anschlag auf die Berliner Stromversorgung nun vor allem über das Tennisspielen des Regierenden Bürgermeisters diskutiert wird, was zeigt das?
Das zeigt, dass in Deutschland Linksextremismus noch immer nicht ernst genommen wird. Wäre es ein Anschlag von rechts gewesen, hätten wir hier eine Lichterkette von Zehlendorf bis nach Pankow. Stattdessen diskutieren die Medien darüber, wann Wegner Tennis spielt.
Aber hätte der Bürgermeister nicht auch vor Ort mithelfen sollen?
Das können die Fachleute vom THW, von den Stadtwerken, der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz dann vielleicht doch besser. Davon abgesehen: Schlimm an der Diskussion finde ich, dass die Ursache, nämlich der Linksextremismus, wieder verkannt wird.
Woran liegt das?
Das hat viele Gründe, auch bei den Medien selbst. Journalisten beim Rundfunk und bei den Zeitungen sind in der grossen Mehrheit doch selbst links. Sie wollten nicht zugestehen, dass es linken Extremismus gibt, von Terrorismus ganz zu schweigen. Man konzentriert sich stattdessen ganz auf den Kampf gegen rechts.
Der ohne Zweifel ein wachsendes Problem in Deutschland ist.
Sicherlich. Aber eben nicht nur. Deutschland definiert seine politische Identität sehr stark über «Nie wieder rechts». Das ist angesichts unserer Geschichte wichtig und richtig. Aber eben doch nur die halbe Erzählung.Wie wirkt sich dieser erinnerungspolitische Imperativ auf die Wahrnehmung linksextremistischer Gewalt aus?
Er überlagert den linken Terrorismus vollkommen. Bei vielen herrscht das Motto: Diejenigen, die sich als links bezeichnen, haben ja ein gutes Ziel – nie wieder Faschismus, nie wieder Nazis. Da mögen die Mittel nicht ganz in Ordnung sein, aber das Ziel ist moralisch vertretbar. Das wird zu einer Art Entschuldungsschild, nach dem Motto: Das sind diejenigen, die einen neu aufkommenden Faschismus verhindern wollen.
Auch jetzt spricht man ja nur noch von einem Anschlag und lässt weg, dass er links war. Die Medien sprechen nicht einmal von Extremisten, sondern von Aktivisten. Das ist eine klare Verharmlosung. Wenn ich zum Beispiel lese, «Aktivisten haben die Strasse blockiert», ist mir klar, dass das linke Extremisten gewesen sind. Aber es klingt weicher. Und das wird dann von vielen Medien so übernommen.
Sie sagten, das Gros der Journalisten verorte sich tendenziell links der Mitte. Gleiches mag dann für Kulturschaffende, aber auch für Wissenschafter wie Sie gelten. Wie wirkt sich das auf die Forschung aus?
Es gibt regelrecht blinde Flecken. Kaum jemand forscht mehr über Linksextremismus. In Berlin war ich einer der wenigen, die das gemacht haben. Jeder, der studiert, weiss: Wenn ich über das Thema Linksextremismus arbeite und promoviere, habe ich überhaupt keine Chance – weder im Wissenschaftsbereich noch ausserhalb. Es gibt sozusagen keine Kraft, sich diesem Extremismus, der jetzt in Terrorismus umschlägt, entgegenzustellen.
Welche Folgen hat diese Blindheit bei links?
Da wird es dann bedenklich. Es gibt eine deutlich unterschiedliche Behandlung, vereinfacht gesagt: Milde bei links, Härte bei rechts. Man erwischt so gut wie niemanden bei linker Gewalt. Und die, die man erwischt, bekommen lächerliche Strafen.
Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Haben Sie dafür konkrete Beispiele?
Durchaus. Wenn ich an diese Reichsbürger denke – einige dieser komischen Rentner sind seit vier Jahren in Untersuchungshaft, als ob vier alte Männer und eine alte Frau einen Staatsstreich machen könnten!
Und wo erkennen Sie Nachsicht bei Linken?
Zum Beispiel bei Winfried Kretschmann.
Ein Grüner aus dem Realo-Flügel, respektierter Ministerpräsident von Baden-Württemberg und auch schon 77 Jahre alt . . .
Ja, ja, stimmt alles. Auch ich sage, der macht im Südwesten gute Arbeit. Aber Kretschmann war vier Jahre bei den Maoisten. Hält ihm keiner vor, im Gegenteil, es heisst, dass jeder eine zweite Chance verdient habe. Das Problem dabei: Das gilt für links, nicht für rechts. Rechten gibt man keine zweite Chance. Wenn einer einmal rechts aufgefallen ist und sagt, er sei das nicht mehr, dann heisst es: Der tarnt sich nur.
Welche der beiden Bedrohungen – links oder rechts – ist langfristig aus Ihrer Sicht gefährlicher für den demokratischen Rechtsstaat?
Das sind die Linksextremisten. Die Rechten haben ganz andere Feinde, sie zielen nicht auf den Staat und die Zerstörung des Staates. Die Linken hingegen wollen das staatliche Gewaltmonopol übernehmen.
Hat hier die Radikalität zugenommen?
Ja, und das liegt auch an den gegenwärtigen Entwicklungen. Die Linksextremisten spüren, dass sich dieser Staat selbst nicht mehr sicher ist. Also greifen sie zu härteren Mitteln, um ihn endgültig ins Wanken zu bringen. Hinzu kommt staatliche Inkompetenz, die man in diesem Milieu ausnutzen will. Warum gibt es keine Untersuchungsgruppe seit zehn Jahren, trotz der Vielzahl der Anschläge?
Wer verbirgt sich hinter der Vulkangruppe, die sich zu dem Anschlag in Berlin bekannt hat?
Das ist keine festgefügte Gruppe, sondern – wenn man so will – ein Franchise. Das heisst, Gruppen nennen sich so, kennen sich aber zum Teil gar nicht untereinander. Die Kampagne «Switch off» haben sie in den letzten Jahren in Berlin und anderswo zwölfmal gemacht. Das erinnert an die Revolutionären Zellen, eine linke Terrorgruppe der 1970er Jahre. Leute, die in kleinen Gruppen agierten, sich zum Teil gar nicht untereinander kannten. Diese Analogie zu den Revolutionären Zellen hat bisher keiner kapiert.
Klaus Schroeder: Nein. Im Gegensatz zu Kai Wegner, unserem Regierenden Bürgermeister hier in Berlin, habe ich versucht, unser Haus etwas warm zu bekommen.
Sie gehören zu den rund 100 000 Bewohnern, die direkt vom Stromausfall betroffen waren?
Ja. Ich wohne mit meiner Frau in Zehlendorf. Und eines kann ich Ihnen sagen: Fünf Grad im Wohnzimmer – das ist kein Spass. Meine Frau und ich mussten zeitweise zu meiner Tochter nach Brandenburg, um die kalten Tage zu überstehen.
Wenn nach dem jüngsten Anschlag auf die Berliner Stromversorgung nun vor allem über das Tennisspielen des Regierenden Bürgermeisters diskutiert wird, was zeigt das?
Das zeigt, dass in Deutschland Linksextremismus noch immer nicht ernst genommen wird. Wäre es ein Anschlag von rechts gewesen, hätten wir hier eine Lichterkette von Zehlendorf bis nach Pankow. Stattdessen diskutieren die Medien darüber, wann Wegner Tennis spielt.
Aber hätte der Bürgermeister nicht auch vor Ort mithelfen sollen?
Das können die Fachleute vom THW, von den Stadtwerken, der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz dann vielleicht doch besser. Davon abgesehen: Schlimm an der Diskussion finde ich, dass die Ursache, nämlich der Linksextremismus, wieder verkannt wird.
Woran liegt das?
Das hat viele Gründe, auch bei den Medien selbst. Journalisten beim Rundfunk und bei den Zeitungen sind in der grossen Mehrheit doch selbst links. Sie wollten nicht zugestehen, dass es linken Extremismus gibt, von Terrorismus ganz zu schweigen. Man konzentriert sich stattdessen ganz auf den Kampf gegen rechts.
Der ohne Zweifel ein wachsendes Problem in Deutschland ist.
Sicherlich. Aber eben nicht nur. Deutschland definiert seine politische Identität sehr stark über «Nie wieder rechts». Das ist angesichts unserer Geschichte wichtig und richtig. Aber eben doch nur die halbe Erzählung.Wie wirkt sich dieser erinnerungspolitische Imperativ auf die Wahrnehmung linksextremistischer Gewalt aus?
Er überlagert den linken Terrorismus vollkommen. Bei vielen herrscht das Motto: Diejenigen, die sich als links bezeichnen, haben ja ein gutes Ziel – nie wieder Faschismus, nie wieder Nazis. Da mögen die Mittel nicht ganz in Ordnung sein, aber das Ziel ist moralisch vertretbar. Das wird zu einer Art Entschuldungsschild, nach dem Motto: Das sind diejenigen, die einen neu aufkommenden Faschismus verhindern wollen.
Auch jetzt spricht man ja nur noch von einem Anschlag und lässt weg, dass er links war. Die Medien sprechen nicht einmal von Extremisten, sondern von Aktivisten. Das ist eine klare Verharmlosung. Wenn ich zum Beispiel lese, «Aktivisten haben die Strasse blockiert», ist mir klar, dass das linke Extremisten gewesen sind. Aber es klingt weicher. Und das wird dann von vielen Medien so übernommen.
Sie sagten, das Gros der Journalisten verorte sich tendenziell links der Mitte. Gleiches mag dann für Kulturschaffende, aber auch für Wissenschafter wie Sie gelten. Wie wirkt sich das auf die Forschung aus?
Es gibt regelrecht blinde Flecken. Kaum jemand forscht mehr über Linksextremismus. In Berlin war ich einer der wenigen, die das gemacht haben. Jeder, der studiert, weiss: Wenn ich über das Thema Linksextremismus arbeite und promoviere, habe ich überhaupt keine Chance – weder im Wissenschaftsbereich noch ausserhalb. Es gibt sozusagen keine Kraft, sich diesem Extremismus, der jetzt in Terrorismus umschlägt, entgegenzustellen.
Welche Folgen hat diese Blindheit bei links?
Da wird es dann bedenklich. Es gibt eine deutlich unterschiedliche Behandlung, vereinfacht gesagt: Milde bei links, Härte bei rechts. Man erwischt so gut wie niemanden bei linker Gewalt. Und die, die man erwischt, bekommen lächerliche Strafen.
Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Haben Sie dafür konkrete Beispiele?
Durchaus. Wenn ich an diese Reichsbürger denke – einige dieser komischen Rentner sind seit vier Jahren in Untersuchungshaft, als ob vier alte Männer und eine alte Frau einen Staatsstreich machen könnten!
Und wo erkennen Sie Nachsicht bei Linken?
Zum Beispiel bei Winfried Kretschmann.
Ein Grüner aus dem Realo-Flügel, respektierter Ministerpräsident von Baden-Württemberg und auch schon 77 Jahre alt . . .
Ja, ja, stimmt alles. Auch ich sage, der macht im Südwesten gute Arbeit. Aber Kretschmann war vier Jahre bei den Maoisten. Hält ihm keiner vor, im Gegenteil, es heisst, dass jeder eine zweite Chance verdient habe. Das Problem dabei: Das gilt für links, nicht für rechts. Rechten gibt man keine zweite Chance. Wenn einer einmal rechts aufgefallen ist und sagt, er sei das nicht mehr, dann heisst es: Der tarnt sich nur.
Welche der beiden Bedrohungen – links oder rechts – ist langfristig aus Ihrer Sicht gefährlicher für den demokratischen Rechtsstaat?
Das sind die Linksextremisten. Die Rechten haben ganz andere Feinde, sie zielen nicht auf den Staat und die Zerstörung des Staates. Die Linken hingegen wollen das staatliche Gewaltmonopol übernehmen.
Hat hier die Radikalität zugenommen?
Ja, und das liegt auch an den gegenwärtigen Entwicklungen. Die Linksextremisten spüren, dass sich dieser Staat selbst nicht mehr sicher ist. Also greifen sie zu härteren Mitteln, um ihn endgültig ins Wanken zu bringen. Hinzu kommt staatliche Inkompetenz, die man in diesem Milieu ausnutzen will. Warum gibt es keine Untersuchungsgruppe seit zehn Jahren, trotz der Vielzahl der Anschläge?
Wer verbirgt sich hinter der Vulkangruppe, die sich zu dem Anschlag in Berlin bekannt hat?
Das ist keine festgefügte Gruppe, sondern – wenn man so will – ein Franchise. Das heisst, Gruppen nennen sich so, kennen sich aber zum Teil gar nicht untereinander. Die Kampagne «Switch off» haben sie in den letzten Jahren in Berlin und anderswo zwölfmal gemacht. Das erinnert an die Revolutionären Zellen, eine linke Terrorgruppe der 1970er Jahre. Leute, die in kleinen Gruppen agierten, sich zum Teil gar nicht untereinander kannten. Diese Analogie zu den Revolutionären Zellen hat bisher keiner kapiert.

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