Die überstresste Gesellschaft
Warum Reaktanz ein Schutzreflex der Freiheit ist – und wann sie zum Rückstoß wird, der demokratische Grundlagen ins Wanken bringt, beschreibt Ex-Kanzleramtschef Bodo Hombach in einem Essay.
Von Bodo Hombach, 21.01.2026, 5 Min
Der Ausgangspunkt: Sorge statt Pose
Dieses Essay entsteht aus einer Sorge. Aus der Sorge, dass aus berechtigter Kritik an der Einengung des Meinungsspektrums ein Rückstoß wird, der mehr zerstört als er an Notwendigem korrigiert.
Reaktanz: Der Trotz der Autonomie
Reaktanz ist zunächst ein schlichtes, fast sympathisches Phänomen. Sie beschreibt den inneren Widerstand, der entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben: Ihr schränkt unsere Freiheit ein, ihr verengt den erlaubten Rahmen der Meinungen. Es ist der Trotz der Autonomie gegen das Meinungskorsett.
Wo Freiheit normal ist, wird Bevormundung zur Zumutung. Ein „Du musst“ erzeugt ein „So nicht“. Ein moralisch aufgeladenes „Man sagt heute“ erzeugt ein trotziges „Ich nicht“.
Warum Demokratien diesen Reflex brauchen
Demokratien brauchen diesen Reflex. Ohne Reaktanz gäbe es keinen Widerspruch gegen Unsinn, keine Zivilcourage, keine Resistenz gegen Ideologen und Dilettanten. Reaktanz ist die erste, leise Form der Notwehr der Freiheit.
Wenn Reaktanz nicht abfließen kann: Der innere Druck
Gefährlich wird es, wenn Reaktanz nicht abfließen kann. Wenn Menschen über lange Zeit etwas denken, fühlen, sagen sollen, was nicht zu ihrer Erfahrung passt. Wenn sie Formeln wiederholen sollen, die an ihrem eigenen Erlebten geprüft nicht standhalten. Wenn sie merken: Der erlaubte Meinungskorridor wird schmaler – und wer draußen steht, wird markiert.
Dann beginnt der Rückfedern-Effekt. Nach außen ein filigraner Konsens, nach innen wachsendes Unbehagen. Man passt sich an, weil es bequemer scheint. Oder weil Nachteile drohen. Man lächelt, wo man zweifelt. Man schweigt, wo man reden möchte.
Die Überzeugungen verschwinden nicht. Sie werden nur nach unten gedrückt – wie eine Feder.
Je länger der Druck anhält, desto größer wird die Spannung. Aus Irritation wird Ärger. Aus Ärger wird Groll. Aus Groll wird der Wunsch, es jetzt erst recht anders zu machen.
Rückfedern: Wenn Entlastung zum Überschuss wirdWenn dann der Moment kommt – ein Skandal, ein Bruch, ein Sprachmächtiger, eine sichtbare Mehrheit –, schnellt die Feder zurück. Aber sie bleibt nicht in der Mitte stehen. Sie schießt darüber hinaus.
Die Entlastung wird nicht als Rückkehr zur Balance erlebt. Sondern als Recht auf Überschuss. Wer lange mäßigen musste, erlebt Übermaß als Ausgleich. Die Gegenbewegung will nicht Null, sie will Plus. Sie will Genugtuung.
Notwehr und Maß: Die gefährliche Verwechslung
An diesem Punkt berühren sich Reaktanz und Notwehr. Juristisch ist Notwehr die legitime Verteidigung gegen einen gegenwärtigen Angriff, mit einem erforderlichen, angemessenen Mittel. Politisch und moralisch gibt es eine ähnliche Idee: Wer bedrängt wird, hat das Recht, sich zu wehren.
Aber auch hier beginnt das Problem beim Maß. Ab wann kippt Verteidigung in Vergeltung? Ab wann wird aus Schutz Rache?
Das Recht kennt dafür den Notwehrexzess: Die Situation war real bedrohlich, die Reaktion war dennoch zu weitgehend. Man versteht den Menschen – entschuldigt ihn vielleicht – aber man nennt das Ergebnis trotzdem Unrecht.
Im Politischen gibt es diesen Exzess auch. Bewegungen, die aus echter Kränkung, Missachtung, Bevormundung entstehen, erklären sich zur reinen Notwehr. Sie beanspruchen, nur zurückzuholen, was uns zusteht. Doch Schritt für Schritt verschiebt sich der Schwerpunkt: vom Schutz zur Selbstherrlichkeit.
Aus „Wir wollen mitreden“ wird „Ihr sollt schweigen“. Aus „Wir wollen ernst genommen werden“ wird „Wir nehmen euch das Recht zu reden“. Die Rolle wechselt, die Logik der Übergriffigkeit bleibt.
Genau hier wird der Rückfedern-Effekt gefährlich. Was als berechtigte Reaktanz gegen Bevormundung beginnt, endet in neuen Formen der Bevormundung. Was als Notwehr der Freiheit anfängt, kann in einen Furor kippen, der die Freiheit der anderen nicht mehr gelten lässt.
Die überstresste Gesellschaft: Resonanzraum der Eskalation
Die gesellschaftliche Bühne verschärft diese Dynamik. Moderne Gesellschaften sind Stresstest-Systeme: hoch belastbar, hoch komplex, permanent gefordert. Sie können viele Krisen absorbieren – ökonomische, ökologische, kulturelle –, aber sie können nicht dauerhaft überstresst werden, ohne zu erodieren.
Menschen erleben diese Überstressung als Dauererregung. Sie sehen zunehmende Widersprüche: Rekordsteuern und kaputte Schulen, Fachkräftemangel und Arbeitsvermeider, üppiger Sozialstaat und Staatsverschuldung, ererbter Superreichtum und Kinderarmut, Verantwortliche, die Wasser predigen und Wein trinken. Die offizielle Legende lautet: Stabilität. Die erlebte Wirklichkeit fühlt sich an wie: Zerreißprobe oder Gratwanderung.
Kurt Tucholskys Satz trifft den Punkt: Das Volk weiß nichts, aber ahnt alles. Die Menschen kennen nicht jedes Detail. Aber sie spüren die Unstimmigkeit der großen Erzählung.
Wenn das „Wir“ kalt wird: Sprache als Trennlinie
Hinzu kommt die Sprache der Politik. Wenn Politiker wir sagen und viele das Gefühl haben, sie seien nicht gemeint, wird aus dem „Wir“ eine kalte Distanz. Sprache, die einbeziehen will, schließt aus.
Wer sich dauerhaft nicht repräsentiert fühlt, hört auf, sich als Teil des Ganzen zu sehen. Zuerst kommt der Rückzug. Man schaltet ab. Man liest nicht mehr. Man wählt nicht mehr.
Resignation ist die stille Form der Notwehr.
Wer sich vom Wir der Politik ausgeschlossen fühlt, lässt sich von den Rändern rufen. Dann kommen andere Stimmen. Die lauter sprechen. Härter. Einfacher. Sie geben, was die alte Sprache verweigert hat: Klarheit. Zugehörigkeit. Eindeutigkeit. Das Gefühl: Endlich sagt‘s mal einer.
Medien: Vom Spiegel zur Schautafel
In diesem Klima spielen Medien eine zentrale Rolle. Nach dem Krieg wurde in Deutschland bewusst ein Mediensystem geschaffen, das nicht privaten Besitzern gehören sollte, sondern der Öffentlichkeit: der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Er sollte ein Ort sein, an dem sich ein ganzes Volk wiederfindet.
Er sollte nicht eine Parteilinie verstärken, sondern Vielfalt abbilden. Nicht Moral predigen, sondern Wirklichkeit spiegeln. Nicht Lagerfunk, sondern Gemeinwesenfunk.
Heute erleben viele Menschen das anders. Ein relevanter Teil der Bürger gewinnt den Eindruck, in solchen Medien komme ihre Lebenswirklichkeit und Wahrnehmung nur noch randständig vor. Wo ein Spiegel sein sollte, sehen sie eine Schautafel. Nicht unser Leben, sondern deren Linie.
Für eine ohnehin gestresste Gesellschaft ist das kein Detail. Es ist eine Kränkung.
Wenn Institutionen, die für alle sprechen sollen, große Teile der Gesellschaft nicht mehr innerlich erreichen, entsteht das Gefühl: Ihr redet über uns, aber nicht mit uns. Oder härter: Ihr meint uns nicht.
Hier verdichtet sich die Dynamik von Reaktanz und Rückfedern. Wer sich unsichtbar fühlt, reagiert zuerst mit Rückzug. Dann mit Misstrauen. Dann mit Spott. Und schließlich mit organisierter Gegenrede – in alternativen Medien, in Bewegungen, an Wahlurnen.
Von Kritik zur Verachtung: Der gefährliche Sprung
Die Gefahr liegt darin, dass berechtigte Kritik an realer Einengung des Meinungsspektrums in eine generelle Verachtung wichtiger Institutionen umschlägt. Aus notwendiger Distanz wird pauschale Ablehnung. Aus gezielter Kritik wird pauschaler Furor.
Die doppelte Pointe: Schutzreflex und Risiko
Der Kern dieses Essays ist deshalb doppelt.
Erstens: Reaktanz ist kein Defekt, sondern ein Schutzreflex der Freiheit. Sie ist die innere Notwehr gegen Bevormundung, gegen moralisierende Verkürzung, gegen die Verengung des Sagbaren. Ohne Reaktanz wäre eine demokratische Öffentlichkeit nicht lebendig.
Zweitens: Reaktanz ist nicht immun gegen Exzess. Sie kann in einen Rückfedern-Effekt kippen, der Notwehr zur Ausrede macht und die eigene Enthemmung als notwendige Gegenwehr verklärt. Dann entsteht das, was Demokratien am meisten fürchten müssen: eine Befreiungsaggression, die keine Grenzen mehr kennt.
Die Linie, die wir verteidigen müssen
Die Aufgabe besteht darin, diese Linie sichtbar zu machen. Zwischen dem berechtigten „So nicht“ und dem gefährlichen „Jetzt sind wir dran, alles heimzuzahlen“.
Demokratische Kultur heißt: Reaktanz ernst nehmen – und zugleich das angemessene Maß der Notwehr wahren. Institutionen kritisieren – ohne sie in einem Akt der moralischen Selbstermächtigung niederzureißen. Freiheit schützen – ohne sie zur Waffe gegen die Freiheit der anderen zu machen.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich alles, was folgen sollte: Die Analyse von Reaktanz. Das Verstehen des Rückfederns. Die Sorge um eine überforderte Gesellschaft, die sich zurecht wehrt – und doch aufpassen muss, dass sie ihre eigene demokratische Grundlage nicht im Zorn unterspült.

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