"Das Leben wird nach vorn gelebt und rückwärts verstanden"
Bodo Hombach ist einer – und auch das verbindet uns –, der dieses Rückwärtsverstehen für eine Kapitulation vor der Gegenwart hält. Er bemüht sich – ob als SPD-Kanzleramtsminister, als späterer Chef der WAZ-Mediengruppe und heute als Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung – um Erkenntnisgewinn im Hier und Jetzt. So entstand der Essay „Die überstresste Gesellschaft. Betrachtung zur Notwehr der Freiheit“, den er exklusiv für die Leserin und den Leser von The Pioneer verfasst hat.
Die Langfassung gibt es in der The-Pioneer-App, die kuratierte Kurzfassung lesen Sie hier. Bodo Hombach hat das Wort:
Reaktanz ist ein schlichtes, fast sympathisches Phänomen. Sie beschreibt den inneren Widerstand, der entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben: „Ihr schränkt unsere Freiheit ein, ihr verengt den erlaubten Rahmen der Meinungen“.
Es ist der Trotz der Autonomie gegen das Meinungskorsett. Wo Freiheit normal ist, wird Bevormundung zur Zumutung. Ein „Du musst“ erzeugt ein „So nicht“. Ein moralisch aufgeladenes „Man sagt heute“ erzeugt ein trotziges „Ich nicht“.
Gefährlich wird es, wenn Reaktanz nicht abfließen kann. Wenn Menschen über lange Zeit etwas denken, fühlen oder sagen sollen, was nicht zu ihrer Erfahrung passt. Wenn sie Formeln wiederholen sollen, die an ihrem eigenen Erlebten geprüft nicht standhalten.
Wenn sie merken: Der erlaubte Meinungskorridor wird schmaler – und wer draußen steht, wird markiert. Dann beginnt der Effekt des Rückfederns. Man passt sich an, weil es bequemer scheint. Man lächelt, wo man zweifelt. Man schweigt, wo man reden möchte. Die Überzeugungen verschwinden nicht. Sie werden nur nach unten gedrückt – wie eine Feder.
Je länger der Druck anhält, desto größer wird die Spannung. Aus Irritation wird Ärger. Aus Ärger wird Groll. Aus Groll wird der Wunsch, es „jetzt erst recht“ anders zu machen.
Wenn dann der Moment kommt – ein Skandal, ein Bruch, ein Sprachmächtiger, eine sichtbare Mehrheit –, schnellt die Feder zurück. Aber sie bleibt nicht in der Mitte stehen. Sie schießt darüber hinaus. Die Gegenbewegung will nicht Null, sie will Plus.
Menschen erleben diese Überstressung als Dauererregung. Sie sehen zunehmende Widersprüche: Rekordsteuern und kaputte Schulen, Fachkräftemangel und Arbeitsvermeider, üppiger Sozialstaat und Staatsverschuldung, ererbter Superreichtum und Kinderarmut, Verantwortliche, die Wasser predigen und Wein trinken. Tucholskys Satz trifft den Punkt:
"Das Volk weiß nichts, aber ahnt alles"
Einfacher.
Sie geben, was die alte Sprache verweigert hat:
Klarheit.
Zugehörigkeit.
Eindeutigkeit.
In diesem Klima spielen Medien eine zentrale Rolle. Nach dem Krieg wurde in Deutschland bewusst ein Mediensystem geschaffen, das nicht privaten Besitzern gehören sollte, sondern der Öffentlichkeit: der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Er sollte ein Ort sein, an dem sich ein ganzes Volk wiederfindet. Er sollte nicht eine Parteilinie verstärken, sondern Vielfalt abbilden. Nicht Moral predigen, sondern Wirklichkeit spiegeln.
Heute erleben viele Menschen das anders. Ein relevanter Teil der Bürger gewinnt den Eindruck, in solchen Medien komme ihre Lebenswirklichkeit und Wahrnehmung nur noch randständig vor. Wo ein Spiegel sein sollte, sehen sie eine Schautafel. Nicht „unser Leben“, sondern „deren Linie".
Für eine ohnehin gestresste Gesellschaft ist das kein Detail. Es ist eine Kränkung. Hier verdichtet sich die Dynamik von Reaktanz und Rückfedern. Wer sich unsichtbar fühlt, reagiert zuerst mit Rückzug. Dann mit Misstrauen. Dann mit Spott. Und schließlich mit organisierter Gegenrede – in alternativen Medien, in Bewegungen, an Wahlurnen.
Die Gefahr liegt darin, dass berechtigte Kritik an realer Einengung des Meinungsspektrums in eine generelle Verachtung wichtiger Institutionen umschlägt. Aus notwendiger Distanz wird pauschale Ablehnung. Aus gezielter Kritik wird pauschaler Furor.
Ich bin in Sorge: In Sorge um eine überforderte Gesellschaft, die sich zu Recht wehrt – und doch aufpassen muss, dass sie ihre eigene demokratische Grundlage nicht im Zorn unterspült.


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