10 Januar 2026

Postkolonialismus wirkt fort - Warum die „Zivilgesellschaft“ zum Aufstand im Iran schweigt (Cicero)

„Ohne X wüsste man nicht, dass im Iran in diesen Stunden eine Revolution stattfindet“, sagte Armin Laschet und kritisierte damit direkt ARD und ZDF wegen fehlender Sondersendungen zu den aktuellen Ereignissen. Der Mut der Menschen auf den Straßen im ganzen Iran sei heldenhaft und habe die volle Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit verdient.
Postkolonialismus wirkt fort
  
Warum die „Zivilgesellschaft“ zum Aufstand im Iran schweigt (Cicero)
Den sonst so eifrigen Demokratie-Verteidigern der deutschen „Zivilgesellschaft“ scheint der Aufstand gegen das islamistische Mullah-Regime im Iran egal. Denn der passt nicht in ihr Weltbild – im Gegensatz zur „islamischen Revolution“ von 1979.
VON FERDINAND KNAUSS am 9. Januar 2026 8 min
Wenn es in der deutschen Gesellschaft, jedenfalls in jenen Organisationen, die sich selbst zur „Zivilgesellschaft“ zählen, an einer Kompetenz nicht mangelt, so ist es jene, spontan große Demonstrationen zu organisieren. Das haben sie im vergangenen Jahr mehrfach gezeigt, etwa als der damalige Oppositionsführer Friedrich Merz einen Antrag zur Begrenzung der Migration im Bundestag einbrachte oder er später als Bundeskanzler eine von ihnen als rassistisch interpretierte Aussage zum „Stadtbild“ machte. 
Der Anspruch dieser Demonstrationen ist stets, die Demokratie und die universellen Menschenrechte zu verteidigen. Und dieser Anspruch der deutschen Zivilgesellschaft ist durchaus nicht auf Deutschland begrenzt. Gegen Israels Militärschläge und Deutschlands Unterstützung dieses angeblichen „Genozids“ demonstrierten monatelang Zigtausende.
In diesen Tagen gäbe es nun tatsächlich einen sehr akuten Anlass für selbsterklärte deutsche Demokratie-Kämpfer, all das zu zeigen und von der deutschen Regierung einzufordern, was man sonst so fordert: internationale Solidarität mit jenen, die gegen ein mörderisches Unterdrückungsregime aufstehen. Denn der Aufstand gegen die islamistischen Mullah-Herrscher im Iran hat nach so vielen Niederlagen in vorangegangenen Versuchen nun tatsächlich womöglich eine Chance auf Erfolg. Es wäre das Ende eines Regimes, das von Anfang an, seit 1979, nur Krieg und Terror gegen die Länder der Region (nicht nur Israel) und Unterdrückung und Armut für seine eigene Bevölkerung gebracht hat.
Doch von Massendemonstrationen in deutschen und europäischen Städten oder anderen Solidaritätsbekundungen ist nicht viel zu vernehmen. Die iranische Diaspora demonstriert, aber die deutsche Zivilgesellschaft schweigt. Und Außenminister Johann Wadephul begnügt sich mit mauen Worten:
"Seit Tagen gehen Menschen in #Iran auf die Straße. Ihre Meinung friedlich zu vertreten, ist ihr Recht! Ich verurteile daher exzessive Gewaltanwendung gegen friedliche Demonstranten und fordere die iranischen Machthaber auf, sich an die internationalen Verpflichtungen zu halten."
US-Präsident Donald Trump dagegen kündigte schon am 2. Januar direkte Unterstützung an und drohte den Mullahs: 
„Wenn der Iran friedliche Demonstranten erschießt und gewaltsam tötet, wie es seine Gewohnheit ist, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen. Wir sind bereit und einsatzbereit.  Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit!“
Das Schweigen der sonst so empörungsfreudigen NGO-Zivilgesellschaft kann man nicht rechtfertigen, aber man kann es ideologisch und historisch nachvollziehen. Die Revolution gegen die islamische Revolution von 1979 passt nämlich nicht in ihr Weltbild. Dieses Bild ist vor allem bestimmt von einer Ideologie, die ihre Vordenker an nordamerikanischen und westeuropäischen Universitäten seit einigen Jahren
Postkolonialismus“ nennen, deren Wurzeln aber bis zur Protestbewegung der späten 1960er Jahre zurückreichen. Das Dogma fasst Susanne Schröter so zusammen: „Auf der einen Seite der Weltgeschichte stehen Täter, denen man alle Übel der Welt anlastet. Diese sind immer weiß, meist männlich und heterosexuell und werden der Kategorie des Westens zugeschlagen. Auf der anderen Seite stehen die nach äußeren Merkmalen definierten Opfer, zu denen an oberster Stelle auch Muslime gezählt werden.“ 

Wenn man in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nach der ersten lauten Äußerung dieses Weltbildes des immer und überall schuldigen Westens sucht, wird man da fündig, wo auch die Wurzeln jener Zivilgesellschaft liegen: in der Protestbewegung 1967/68. Deren antiwestlicher Höhepunkt war der Berliner Vietnam-Kongress am 17. und 18. Februar 1968, auf dem Rudi Dutschke und Mitstreiter zum „Kampf ... gegen den barbarischen US-Imperialismus“ aufriefen. Deren erstes Großereignis aber war bekanntlich so schließt sich der Kreis die Demonstration gegen den Besuch des damals noch im Iran herrschenden Schahs Mohammad Reza Pahlavi in Berlin am 2. Juni 1967. Das pro-westliche, aber autoritäre Regime des Schah galt den marxistischen Demonstranten als Inbegriff einer Statthalterschaft „imperialistischer“ Interessen in der Dritten Welt. Dass der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs nun offenbar unter den Aufständischen viele Anhänger hat, dürfte für deutsche NGO-Aktivisten ebenso wie die Unterstützung Trumps zumindest emotional bereits ein Grund für die Distanz zur iranischen Aufstandsbewegung sein.

Seit 1968 bekundeten viele Linksintellektuelle und aus der damaligen Bewegung hervorgegangene Netzwerke (die manchmal in der Grünen Partei und später in sogenannten „Non-Governmental Organisations“ mündeten) in wachsendem Maße ihre Sympathie für vermeintliche Befreiungsbewegungen in der islamischen Welt. Dass diese schon damals sich allmählich von Marx zu Mohammed umorientierten, störte die wenigsten. Hauptsache, sie waren gegen den Westen, also Amerika, Israel und ihre Verbündeten (wie den Schah) gerichtet.

Zu den großen intellektuellen Helden der heutigen Zivilgesellschaft gehörten nicht nur die Vordenker des Postkolonialismus wie Edward Said, dessen Hauptwerk Orientalismus“ (1978) eine einzige Anklageschrift gegen den Westen ist und Israel vorwarf, den Kolonialismus der Europäer fortzuführen. Als intellektuelle Heroen der Zivilgesellschaft gelten neben Jürgen Habermas, der den Begriff unter Rückgriff auf den marxistischen Revolutionstheoretiker Antonio Gramsci überhaupt erst etablierte, bekanntlich auch die Franzosen Jean-Paul Sartre und Michel Foucault. Beide, der marxistische Existenzialist Sartre und der postrukturalistische Machttheoretiker und Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung Foucault, waren begeisterte Unterstützer der islamischen Revolution im Iran.

Sartre und Foucault schwärmten von Khomeini

Sartre und seine Frau Simone de Beauvoir setzten sich in einem medienwirksam inszenierten Komitee offen für die Sache des Ayatollah Khomeini ein. Im Oktober 1978 begeisterte sich auch Foucault für die islamische Revolution der Mullahs, die die anderen, säkularen Kräfte des damaligen Aufstands gegen den Schah allmählich zu dominieren begann. Sie erinnere ihn an etwas, „das der Westen seit der Renaissance und den großen Stätten der Christenheit vergessen hat, nämlich die Möglichkeit einer politischen Spiritualität“. Auch später, als Khomeini die Macht übernommen und seine säkularen Kontrahenten vertreiben, einsperren und töten ließ, distanzierte sich Foucault nicht.

Seither hat nicht nur keine Distanzierung der in Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik dominierenden Linken gegenüber dem politischen Islam stattgefunden, sondern im Gegenteil ist es vielerorts zu verdeckten oder offenen Formen von Islamogauchisme gekommen, wie das Bündnis von Islamisten und Linken in Frankreich genannt wird. Samuel Schirmbeck, in den 90er jahren ARD-Korrespondent in Algerien, hat in seinem Buch „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“ 2016 ein sehr aufschlussreiches Kapitel über die „wert(e)lose Linke als Komplize des Islamismus-Islam“ geschrieben, das sich gut in die Gegenwart fortschreiben ließe.

Iranischer Kopftuchzwang gegen deutschen Rassismus? 
Geradezu symbolisch für diese Komplizenschaft mag man die Auftritte deutscher Politikerinnen, nicht zuletzt Claudia Roth, mit dem Kopftuch im Iran empfinden. Dass Iran-Korrespondentinnen in der Tagesschau mit Kopftuch vor die Kamera treten, während gleichzeitig aufbegehrende Iranerinnen auf den Straßen das Zeichen ihrer Unterdrückung öffentlich ablegen, wirkt ebenso unweigerlich unterwürfig, auch wenn es natürlich vom Regime vorgeschrieben ist.
Die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, empörte sich als Spiegel-Kolumnistin. Aber nicht über den Kopftuchzwang des Mullah-Regimes, sondern über jene, die sich über die Kopftuchträgerin bei der ARD beschwert hatten: „Das ist das perfide an der Debatte über das Kopftuch: dass sich hier oft antimuslimischer Rassismus mit Sexismus paart. Und ja: Eine Journalistin mit Kopftuch im deutschen Fernsehen abschaffen zu wollen, hat gelinde gesagt rassistische Züge.“ Als Mittel im Kampf gegen den vermeintlichen Rassismus der Deutschen ist der Kopftuchzwang der iranischen Mullahs also offenbar willkommen.
Ibn Warraq zitiert in seinem Buch „Warum ich kein Muslim bin“ ein iranisches Mädchen, das dem von der islamischen Revolution so begeisterten Foucault schrieb: „Die liberale Linke im Westen sollte begreifen, was für eine erdrückende Last das islamische Gesetz für eine sich nach Veränderung sehnende Gesellschaft sein kann. Sie sollte daher nicht der Versuchung einer Kur erliegen, die schlimmer ist als die Krankheit.“ Der Versuchung widersteht die westliche Linke auch fast ein halbes Jahrhundert später noch nicht.

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