„Wenn der Iran friedliche Demonstranten erschießt und gewaltsam tötet, wie es seine Gewohnheit ist, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen. Wir sind bereit und einsatzbereit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit!“
Das Schweigen der sonst so empörungsfreudigen NGO-Zivilgesellschaft kann man nicht rechtfertigen, aber man kann es ideologisch und historisch nachvollziehen. Die Revolution gegen die islamische Revolution von 1979 passt nämlich nicht in ihr Weltbild. Dieses Bild ist vor allem bestimmt von einer Ideologie, die ihre Vordenker an nordamerikanischen und westeuropäischen Universitäten seit einigen Jahren „Postkolonialismus“ nennen, deren Wurzeln aber bis zur Protestbewegung der späten 1960er Jahre zurückreichen. Das Dogma fasst Susanne Schröter so zusammen: „Auf der einen Seite der Weltgeschichte stehen Täter, denen man alle Übel der Welt anlastet. Diese sind immer weiß, meist männlich und heterosexuell und werden der Kategorie des Westens zugeschlagen. Auf der anderen Seite stehen die nach äußeren Merkmalen definierten Opfer, zu denen an oberster Stelle auch Muslime gezählt werden.“
Wenn man in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nach der ersten lauten Äußerung dieses Weltbildes des immer und überall schuldigen Westens sucht, wird man da fündig, wo auch die Wurzeln jener Zivilgesellschaft liegen: in der Protestbewegung 1967/68. Deren antiwestlicher Höhepunkt war der Berliner Vietnam-Kongress am 17. und 18. Februar 1968, auf dem Rudi Dutschke und Mitstreiter zum „Kampf ... gegen den barbarischen US-Imperialismus“ aufriefen. Deren erstes Großereignis aber war bekanntlich – so schließt sich der Kreis – die Demonstration gegen den Besuch des damals noch im Iran herrschenden Schahs Mohammad Reza Pahlavi in Berlin am 2. Juni 1967. Das pro-westliche, aber autoritäre Regime des Schah galt den marxistischen Demonstranten als Inbegriff einer Statthalterschaft „imperialistischer“ Interessen in der Dritten Welt. Dass der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs nun offenbar unter den Aufständischen viele Anhänger hat, dürfte für deutsche NGO-Aktivisten ebenso wie die Unterstützung Trumps zumindest emotional bereits ein Grund für die Distanz zur iranischen Aufstandsbewegung sein.
Seit 1968 bekundeten viele Linksintellektuelle und aus der damaligen Bewegung hervorgegangene Netzwerke (die manchmal in der Grünen Partei und später in sogenannten „Non-Governmental Organisations“ mündeten) in wachsendem Maße ihre Sympathie für vermeintliche Befreiungsbewegungen in der islamischen Welt. Dass diese schon damals sich allmählich von Marx zu Mohammed umorientierten, störte die wenigsten. Hauptsache, sie waren gegen den Westen, also Amerika, Israel und ihre Verbündeten (wie den Schah) gerichtet.
Zu den großen intellektuellen Helden der heutigen Zivilgesellschaft gehörten nicht nur die Vordenker des Postkolonialismus wie Edward Said, dessen Hauptwerk „Orientalismus“ (1978) eine einzige Anklageschrift gegen den Westen ist und Israel vorwarf, den Kolonialismus der Europäer fortzuführen. Als intellektuelle Heroen der Zivilgesellschaft gelten neben Jürgen Habermas, der den Begriff unter Rückgriff auf den marxistischen Revolutionstheoretiker Antonio Gramsci überhaupt erst etablierte, bekanntlich auch die Franzosen Jean-Paul Sartre und Michel Foucault. Beide, der marxistische Existenzialist Sartre und der postrukturalistische Machttheoretiker und Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung Foucault, waren begeisterte Unterstützer der islamischen Revolution im Iran.
Sartre und Foucault schwärmten von Khomeini
Sartre und seine Frau Simone de Beauvoir setzten sich in einem medienwirksam inszenierten Komitee offen für die Sache des Ayatollah Khomeini ein. Im Oktober 1978 begeisterte sich auch Foucault für die islamische Revolution der Mullahs, die die anderen, säkularen Kräfte des damaligen Aufstands gegen den Schah allmählich zu dominieren begann. Sie erinnere ihn an etwas, „das der Westen seit der Renaissance und den großen Stätten der Christenheit vergessen hat, nämlich die Möglichkeit einer politischen Spiritualität“. Auch später, als Khomeini die Macht übernommen und seine säkularen Kontrahenten vertreiben, einsperren und töten ließ, distanzierte sich Foucault nicht.
Seither hat nicht nur keine Distanzierung der in Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik dominierenden Linken gegenüber dem politischen Islam stattgefunden, sondern im Gegenteil ist es vielerorts zu verdeckten oder offenen Formen von Islamogauchisme gekommen, wie das Bündnis von Islamisten und Linken in Frankreich genannt wird. Samuel Schirmbeck, in den 90er jahren ARD-Korrespondent in Algerien, hat in seinem Buch „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“ 2016 ein sehr aufschlussreiches Kapitel über die „wert(e)lose Linke als Komplize des Islamismus-Islam“ geschrieben, das sich gut in die Gegenwart fortschreiben ließe.


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