Merz hatte Recht - und handelt falsch. Warum die Brandmauer der Demokratie schadet
AfD
Wer mauert, kapituliert
Die
Brandmauer schützt nicht die Demokratie – sie schwächt sie. Wer eine
Position aufgibt, sobald die AfD ihr zustimmt, räumt ihr faktisch ein
Vetorecht ein. Ein Schweizer Blick auf einen deutschen Denkfehler. Von
dem ehemaligen Feuilletonchef der NZZ und Philosoph René Scheu. 09.06.2026, 6 Min
Viele Schweizer blicken auf die deutsche Politik mit einer Mischung
aus Ehrfurcht und Erstaunen. Ehrfürchtig ist ihr Blick, weil die
Debatten in den großen Arenen eine rhetorische Eleganz entfalten, wie
man sie nur im Land der Dichter und Denker findet. Erstaunen mischt sich
bei, weil der helvetische Pragmatismus sich immer wieder an der
deutschen Neigung bricht, das Richtige lieber zu beschwören als zu tun.
Es war der 29. Januar 2025, und Friedrich Merz äußerte im Deutschen Bundestag zwei bedenkenswerte Sätze:
"Eine richtige Entscheidung wird nicht dadurch falsch, dass die Falschen zustimmen. Sie bleibt richtig."
Die Sätze fielen während einer Debatte über die Migrationspolitik, nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz
die Union scharf angegriffen hatte. Im Zentrum des Streits stand eine
Frage, die Deutschland bis heute beschäftigt: Verliert ein politischer
Vorschlag seine Gültigkeit, wenn ihm auch die AfD zustimmt?
Für
einen Moment sprach nicht der Parteipolitiker, sondern der Denker
Friedrich Merz. Und es lohnt sich, die Sätze in ihrer ganzen Konsequenz
zu bedenken. Das Richtige ist das Richtige. Es wird nicht falsch, weil
die Falschen es richtig finden. Und wer das Richtige aufgibt, sobald die
Falschen ihm zustimmen, hat nicht etwa eine Grenze gezogen – er hat
seine Definitionsmacht abgetreten. Er hat den Falschen das Recht
eingeräumt zu bestimmen, was richtig ist. Wer so handelt, vertritt keine
Haltung, wie er womöglich selber meint. Stattdessen hat er kapituliert.
Denn
genau das ist es, was die Brandmauer im Verborgenen tut. Wer eine
Position allein deshalb aufgibt, weil die AfD ihr zustimmt, räumt ihr
faktisch ein Vetorecht über die eigene Politik ein. Die AfD erhält damit
eine Autorität, die ihr niemand verliehen hat, weder Wähler noch
Umfragen. Sie wird zum Massstab des Falschen – und damit,
paradoxerweise, zum heimlichen Massstab des Richtigen. Eine absurdere
Aufwertung lässt sich kaum denken.
Seit über einem Jahr ist Merz
amtierender Bundeskanzler. Und seine beiden Sätze scheinen vergessen.
Die Devise lautet heute wie ehedem: Die Brandmauer steht. Die Macht hat
den Philosophen geschluckt.
Dabei beruht die Idee der Brandmauer auf einem logischen Kurzschluss.
Sie verwechselt parteipolitische Hygiene mit realpolitischer
Erkenntnis. Nicht das Argument wird geprüft, sondern der Absender. Weil
die AfD über illegale Migration spricht, über hohe Energiepreise, über
Integrationsprobleme, über den Zustand der deutschen Industrie, wird oft
schon ihre Thematisierung als populistisch verdächtigt.
Die
demokratische Diskussion verarmt. Und die AfD setzt die Themen. Sie
agiert, die anderen Parteien reagieren. Damit retten die wehrhaften
Demokraten nicht die Demokratie, wie sie glauben (oder sich einreden),
sondern untergraben jene offene Streitkultur, von der jede wehrhafte
Demokratie lebt. Es gibt zweifellos gute Gründe, Distanz zur AfD
zu wahren. Teile der Partei werden vom Verfassungsschutz beobachtet,
einzelne Funktionäre sind durch politische Grenzüberschreitungen
aufgefallen. Doch daraus folgt nicht, dass die von ihr angesprochenen
Probleme unter politische Quarantäne gestellt werden sollten. Wer Themen
ausgrenzt, weil ihm ihre Überbringer missfallen, macht Politik zur
moralischen Komfortzone.
Die AfD lässt sich nicht wegmauern, nicht canceln und wohl auch nicht
in toto verbieten. Sie lässt sich aber besiegen – ganz altmodisch:
indem politische Konkurrenten bessere Antworten auf reale Probleme
anbieten und glaubwürdiges Personal aufstellen. Das Richtige im Blick –
und nicht bloß die Abgrenzung von den Falschen.
In der Schweiz
fanden in den 1990er Jahren heiß geführte politische Diskussionen statt,
die den deutschen Debatten von heute ähnlich sehen. Die Schweizerische
Volkspartei (SVP) – 1971 aus der bäuerlich geprägten Bauern-, Gewerbe-
und Bürgerpartei hervorgegangen, lange eine eher unscheinbare
Regierungspartei – stieg unter der Ägide des Unternehmers Christoph Blocher 1999
zur wählerstärksten Partei und 2003 zur sitzstärksten Partei im
Nationalrat auf, der großen Kammer des Schweizer Parlaments. Das
helvetische politische Establishment reagierte damals auf die SVP gleich
wie heute die deutschen Parteien auf die AfD: mit Abgrenzung, Empörung
und eigener moralischer Überhöhung.
Das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht lehrreich. Der Erfolg der SVP
hat das bürgerliche Lager entzweit – andere bürgerliche Parteien haben
sich nach links abgewendet, weil diese meinten, sich von ihr abgrenzen
zu müssen. Zugleich hat die SVP die helvetische Politik nicht nur
härter, sondern auch ehrlicher und bürgernäher gemacht; sie hat Themen
auf die politische Agenda gesetzt, die zuvor oft nur hinter
vorgehaltener Hand diskutiert wurden.
An den Urnen siegt die SVP
oft, während sie im Parlament trotz nominell bürgerlicher Mehrheit einen
schweren Stand hat. Sagen wir es so: Die SVP hat insgesamt geholfen,
die Schweizer Politik zu versachlichen – auch wenn sie ihren Gegnern
dabei das Leben schwer gemacht hat und bis heute macht.
Die
Schweiz ist mit ihren direktdemokratischen Elementen nicht Deutschland,
die SVP nicht die AfD. Doch die Lektion gilt dessen ungeachtet
beiderseits des Rheins: Erfolg haben Parteien nicht, weil sie behaupten,
die Sorgen der Bürger ernstzunehmen (was für ein zynischer Satz!).
Erfolg haben sie, wenn sie gesellschafts- und wirtschaftspolitische
Probleme erkennen, benennen und dafür Lösungen anbieten. Ob diese
überzeugen, entscheidet der politische Wettbewerb – nicht die Mauer.
Die
Schweiz hat unter Schmerzen gelernt, dass man politische Probleme nicht
dadurch kleiner macht, dass man sie den Anderen überlässt. Man muss sie
selber lösen und sich vor den Wählern verantworten. Das ist mühsamer
als die Aufrichtung einer Brandmauer, hinter der man den Kopf einziehen
kann. Aber es ist nun mal das Wesen demokratischer Politik. Denn
Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man es den Falschen überlässt,
auf sie hinweisen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen