Mythen pflastern den Weg zur Klimaneutralität: Die vier folgenreichsten Fehlannahmen zur Energiewende (NZZ)
Doch Skepsis ist angebracht. Das Geld, das die Menschheit für den Klimaschutz ausgibt, ist eine freiwillige Massnahme, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Es erhöht weder die Produktivität noch das Angebot an verfügbarer Energie, wie etwa Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft argumentiert. Es wird nur ein teurer Kapitalstock ersetzt durch einen anderen, fossile Kraftwerke durch erneuerbare Energieträger. Es handelt sich also um ein Nullsummenspiel, es sei denn, ein Land erhöht das Energieangebot, wie zum Beispiel China, das neben den erneuerbaren Energien auch Kohle- und Kernkraftwerke baut.
Nun
könnte man meinen, die gewaltigen Investitionen in die erneuerbaren
Energien kurbelten das Wachstum an. Doch es ist vor allem der Staat, der
den Ausbau der erneuerbaren Energien treibt, und nicht der Markt. Über
eine Umlage, die Verbraucher zahlen mussten, förderte Deutschland Wind-
und Solardächer seit der Jahrtausendwende mit mehr als 200 Milliarden
Euro. Diese Umlage bezahlt mittlerweile die Regierung. Im vergangenen Jahr allein waren das 16,5 Milliarden Euro.
Ausserdem entschädigt der Staat die Betreiber von Windrädern, wenn ihr
Strom nicht abtransportiert werden kann. Diese Subventionen mögen in der
Windkraft- und Solarbranche tatsächlich einen Aufschwung herbeiführen,
er belastet aber die Staatskasse und damit mittelbar die Bürger, ohne
dass gesamtwirtschaftlich etwas gewonnen wäre.
3. Wenn Deutschland vorangeht, werden andere Länder folgen
Immer wieder heisst es, Deutschland müsse beim Klimaschutz vorangehen und besonders ambitionierte Massnahmen beschliessen. Häufig ist damit die Hoffnung verknüpft, dass andere Staaten folgen werden. Ist sie berechtigt?
Es kommt darauf an. Entscheidend wird für andere Länder nicht sein, wie schnell Deutschland klimaneutral wird, sondern, ob es dabei seinen Wohlstand erhält. Nur eine klimaneutrale und zugleich prosperierende Wirtschaft wird Nachahmer finden. Selbst der vormalige Kanzler Olaf Scholz, der eine Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz forderte, hat das grundsätzlich anerkannt. Deutschlands Antwort auf den Klimawandel, schrieb er in der «FAZ», müsse «so attraktiv und technologisch überzeugend sein, dass andere Länder uns nacheifern wollen».
Bislang sieht es aber nicht danach aus, im Gegenteil. Die Strompreise in Deutschland gehören zu den höchsten der Welt; ein mittelständisches Unternehmen in Deutschland zahlte im Jahr 2024 beispielsweise 55 Prozent mehr dafür als in Frankreich und Spanien. Noch grösser ist der Abstand zu China und den USA. Der deutsche Mittelstand sieht die hohen Energiepreise mittlerweile als eine der grössten Gefahren für sein Geschäft, wie aus einer aktuellen Umfrage hervorgeht.
Trotz
den Milliarden, die Deutschland in die Energiewende gesteckt hat, fällt
die Gesamtbilanz ernüchternd aus. Strom ist teuer und noch dazu
vergleichsweise klimaschädlich.
Die Folge ist eine rasante Deindustrialisierung des Landes. Allein im vergangenen Jahr haben Industrieunternehmen mehr als 120 000 Arbeitsplätze gestrichen, seit 2019 sind Hunderttausende Jobs weggefallen.
Es ist deshalb zweifelhaft, dass die Welt Deutschland ausgerechnet auf diesem Weg folgt.
4. Die Erneuerbaren machen einen Staat unabhängig
Politiker der Grünen und der SPD weisen gerne auf einen besonderen Vorteil der Erneuerbaren hin: Sie machen ein Land unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland. Mit jedem Windrad, jedem Solarpanel, so das Argument, müssten weniger Öl- und LNG-Tanker an den Häfen anlanden. Die Rohstoffkriege in der Welt können den Bürgern egal sein.
So
einfach ist es aber nicht. Zunächst: Wer Windräder und Solardächer
ausbaut, spart tatsächlich fossile Rohstoffe ein. Doch der einseitige
Ausbau von erneuerbaren Energien schafft neue fossile Abhängigkeiten,
Deutschland zeigt das exemplarisch. Wenn der Wind nicht weht und die
Sonne nicht scheint, müssen Gaskraftwerke einspringen. Die
Bundesnetzagentur geht in ihrem letzten Bericht zur
Versorgungssicherheit davon aus, dass bis 2035 mindestens 44 neue Gaskraftwerke gebaut werden müssen.
Schlimmstenfalls sind es sogar etwa 70 Kraftwerke. Gelingt das nicht,
steht aus Sicht des Eon-Chefs Leonhard Birnbaum der Kohleausstieg
infrage.
Im vergangenen Jahr hat Deutschland mehr als 55 Prozent der seltenen Erden aus China importiert. In Europa sieht es ähnlich aus. Damit wird nur eine Abhängigkeit ersetzt durch eine neue. Geostrategisch ist das Risiko sogar grösser. Schon jetzt ist absehbar, dass China den Rohstoffzugang als politisches Druckmittel einsetzt.
Im Ausland beurteilt man die deutsche Energiewende längst realistisch. Zeit, dass es die Deutschen ebenfalls tun. Andernfalls setzen sie nicht allein ihre ambitionierten Klimaziele aufs Spiel, sondern auch ihren Wohlstand.


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