15 Juni 2026

Der andere Blick - Mythen pflastern den Weg zur Klimaneutralität: Die vier folgenreichsten Fehlannahmen zur Energiewende (NZZ)

Der andere Blick
Mythen pflastern den Weg zur Klimaneutralität: Die vier folgenreichsten Fehlannahmen zur Energiewende (NZZ)
Regelmässig mahnen Klimaaktivisten und grüne Politiker mehr Tempo beim Klimaschutz an. Dabei stellen sie immer wieder irreführende Behauptungen auf.
Von Morten Freidel, Berlin, 15.06.2026, 5 Min 
Wer es wagt, die Energiewende in Deutschland zu kritisieren, muss mit Gegenwind aus dem linken Lager rechnen. Jüngst hat das Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU erfahren. Ein grüner Bundestagsabgeordneter warf ihr gar «viele PR-Phrasen, wenig Inhalt» vor.
Doch mit diesem Vorwurf sollten Befürworter der bisherigen Energiewende vorsichtig sein. Denn auch sie stellen immer wieder irreführende Behauptungen in den Raum.
Die vier folgenreichsten Fehlannahmen über die deutsche Energiewende.
1. Wer Erneuerbare ausbaut, senkt die Stromkosten
Dieses Argument bringen linke Politiker immer wieder. Die Grünen versprechen auf ihrer Website etwa «bezahlbare Energie- und Strompreise» durch die Energiewende. Windräder und Solardächer garantierten «auf Dauer wettbewerbsfähige Strompreise für die Wirtschaft» und stellten eine «langfristige, finanzielle Entlastung» für die Verbraucher dar.
Meist argumentieren sie mit den sogenannten Stromgestehungskosten. Man rechnet aus, wie viel ein einzelnes Kraftwerk kostet, wie lange es laufen kann, und setzt das ins Verhältnis zur Menge an Strom, die es erzeugen kann. Tatsächlich schneiden Windräder und Solardächer hier am besten ab, vor Atomreaktoren oder Gas- oder Kohlekraftwerken.
Es gibt nur ein Problem mit dieser Rechnung: Sie blendet die Kosten des Gesamtsystems aus. Und die steigen, je mehr Erneuerbare darin enthalten sind. Dann nämlich fällt ihr grösster Nachteil immer stärker ins Gewicht, ihre Volatilität.
Um die Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen, braucht es umfangreiche Absicherungen. Speicher müssen errichtet werden und Gaskraftwerke in Reserve gehalten werden. Auch die Netze müssen deutlich stärker ausgebaut werden, denn der Strom muss ständig von einem Ort zum anderen geschoben werden.
Wer Atomkraftwerke im Mix hat, bezahlt am Ende womöglich weit weniger. Der französische Stromnetzbetreiber RTE hat das vor einigen Jahren einmal verglichen. Das Ergebnis war eindeutig: Das Mischsystem kostet Frankreich jedes Jahr 18 Milliarden Euro weniger als eines, das nur Erneuerbare enthält. Trotz dem Atommüll, trotz der Wartung der Meiler, trotz dem geplanten Neubau von insgesamt 14 Reaktoren. Das war alles mit eingerechnet. Dafür können sich die Franzosen Investitionen an anderer Stelle sparen.
Wenn Politiker also sagen, mit Erneuerbaren werde am Ende alles günstiger, lassen sie entscheidende Informationen aus.
2. Klimaschutz schafft Wohlstand
Viele Politiker argumentieren, Klimaschutz sei nicht nur notwendig, er lohne sich auch. Der vormalige Kanzler Olaf Scholz etwa versprach 2023 ein Wirtschaftswunder wie in der Nachkriegszeit.

Doch Skepsis ist angebracht. Das Geld, das die Menschheit für den Klimaschutz ausgibt, ist eine freiwillige Massnahme, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Es erhöht weder die Produktivität noch das Angebot an verfügbarer Energie, wie etwa Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft argumentiert. Es wird nur ein teurer Kapitalstock ersetzt durch einen anderen, fossile Kraftwerke durch erneuerbare Energieträger. Es handelt sich also um ein Nullsummenspiel, es sei denn, ein Land erhöht das Energieangebot, wie zum Beispiel China, das neben den erneuerbaren Energien auch Kohle- und Kernkraftwerke baut.

Nun könnte man meinen, die gewaltigen Investitionen in die erneuerbaren Energien kurbelten das Wachstum an. Doch es ist vor allem der Staat, der den Ausbau der erneuerbaren Energien treibt, und nicht der Markt. Über eine Umlage, die Verbraucher zahlen mussten, förderte Deutschland Wind- und Solardächer seit der Jahrtausendwende mit mehr als 200 Milliarden Euro. Diese Umlage bezahlt mittlerweile die Regierung. Im vergangenen Jahr allein waren das 16,5 Milliarden Euro. Ausserdem entschädigt der Staat die Betreiber von Windrädern, wenn ihr Strom nicht abtransportiert werden kann. Diese Subventionen mögen in der Windkraft- und Solarbranche tatsächlich einen Aufschwung herbeiführen, er belastet aber die Staatskasse und damit mittelbar die Bürger, ohne dass gesamtwirtschaftlich etwas gewonnen wäre.

3. Wenn Deutschland vorangeht, werden andere Länder folgen

Immer wieder heisst es, Deutschland müsse beim Klimaschutz vorangehen und besonders ambitionierte Massnahmen beschliessen. Häufig ist damit die Hoffnung verknüpft, dass andere Staaten folgen werden. Ist sie berechtigt?

Es kommt darauf an. Entscheidend wird für andere Länder nicht sein, wie schnell Deutschland klimaneutral wird, sondern, ob es dabei seinen Wohlstand erhält. Nur eine klimaneutrale und zugleich prosperierende Wirtschaft wird Nachahmer finden. Selbst der vormalige Kanzler Olaf Scholz, der eine Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz forderte, hat das grundsätzlich anerkannt. Deutschlands Antwort auf den Klimawandel, schrieb er in der «FAZ», müsse «so attraktiv und technologisch überzeugend sein, dass andere Länder uns nacheifern wollen».

Bislang sieht es aber nicht danach aus, im Gegenteil. Die Strompreise in Deutschland gehören zu den höchsten der Welt; ein mittelständisches Unternehmen in Deutschland zahlte im Jahr 2024 beispielsweise 55 Prozent mehr dafür als in Frankreich und Spanien. Noch grösser ist der Abstand zu China und den USA. Der deutsche Mittelstand sieht die hohen Energiepreise mittlerweile als eine der grössten Gefahren für sein Geschäft, wie aus einer aktuellen Umfrage hervorgeht.

Trotz den Milliarden, die Deutschland in die Energiewende gesteckt hat, fällt die Gesamtbilanz ernüchternd aus. Strom ist teuer und noch dazu  vergleichsweise klimaschädlich.

Die Folge ist eine rasante Deindustrialisierung des Landes. Allein im vergangenen Jahr haben Industrieunternehmen mehr als 120 000 Arbeitsplätze gestrichen, seit 2019 sind Hunderttausende Jobs weggefallen.

Es ist deshalb zweifelhaft, dass die Welt Deutschland ausgerechnet auf diesem Weg folgt.

4. Die Erneuerbaren machen einen Staat unabhängig

Politiker der Grünen und der SPD weisen gerne auf einen besonderen Vorteil der Erneuerbaren hin: Sie machen ein Land unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland. Mit jedem Windrad, jedem Solarpanel, so das Argument, müssten weniger Öl- und LNG-Tanker an den Häfen anlanden. Die Rohstoffkriege in der Welt können den Bürgern egal sein.

So einfach ist es aber nicht. Zunächst: Wer Windräder und Solardächer ausbaut, spart tatsächlich fossile Rohstoffe ein. Doch der einseitige Ausbau von erneuerbaren Energien schafft neue fossile Abhängigkeiten, Deutschland zeigt das exemplarisch. Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, müssen Gaskraftwerke einspringen. Die Bundesnetzagentur geht in ihrem letzten Bericht zur Versorgungssicherheit davon aus, dass bis 2035 mindestens 44 neue Gaskraftwerke gebaut werden müssen. Schlimmstenfalls sind es sogar etwa 70 Kraftwerke. Gelingt das nicht, steht aus Sicht des Eon-Chefs Leonhard Birnbaum der Kohleausstieg infrage.

Die Befürworter der Energiewende blenden ausserdem etwas aus: Wer Windräder und Solarpaneele bauen will, benötigt eine Menge seltener Erden.
Im vergangenen Jahr hat Deutschland mehr als 55 Prozent der seltenen Erden aus China importiert. In Europa sieht es ähnlich aus. Damit wird nur eine Abhängigkeit ersetzt durch eine neue. Geostrategisch ist das Risiko sogar grösser. Schon jetzt ist absehbar, dass China den Rohstoffzugang als politisches Druckmittel einsetzt.
Im Ausland beurteilt man die deutsche Energiewende längst realistisch. Zeit, dass es die Deutschen ebenfalls tun. Andernfalls setzen sie nicht allein ihre ambitionierten Klimaziele aufs Spiel, sondern auch ihren Wohlstand.

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