13 Juni 2026

Bildungsgerechtigkeit - „Die Gymnasialquote von rund 50 Prozent ist durch Intelligenzforschung nicht zu rechtfertigen“ (WELT)

In einer US-Studie erhielten Studienteilnehmer 3 jahrelang zusätzlich 333 Dollar für die Ausbildung ihres Kindes. Die Eltern  erhöhten die Ausgaben zugunsten ihres Kindes aber um nicht einmal 68 Dollar. 80 Prozent des Geldes wurde für ganz andere Zwecke verausgabt als für das eigene Kind. Ich gehe davon aus, ähnliches passiert mit den 255 Euro Kindergerld (Bürgergeld für Schulkinder: 390 bis 471 Euro) pro Kind in Deutschland.
Bildungsgerechtigkeit
„Die Gymnasialquote von rund 50 Prozent ist durch Intelligenzforschung nicht zu rechtfertigen“ (WELT)

Von Matthias Heine, Feuilletonredakteur, 12.06.2026, 8 Min
Nur 20 Prozent aller Kinder gehören aufs Gymnasium. Ein gerechtes Schulsystem wird Unterschiede fördern, statt sie zu leugnen, sagen zwei Autoren. Warum natürliche Intelligenz das größte Tabu ist und Familie immer Schicksal bleiben wird.
Zu den Gemeinplätzen, die in bildungspolitischen Debatten immer wieder nachgeplappert werden – sogar von Lehrern – gehört die Behauptung, Deutschland habe „das ungerechteste Schulsystem der Welt“. Die Rolle des Molochs, dem die Kinder geopfert werden, fällt in dieser Gruselgeschichte dem Gymnasium zu. Der Schulpädagogikprofessor Klaus Zierer und der Autor Mathias Brodkorb, ein ehemaliger SPD-Landesminister, vertreten nun mit vielen guten Argumenten die These, Deutschlands Problem sei vielmehr eine „Tyrannei der Gleichheit“ (so der Titel ihres Buches).
Vermeidbare Ungerechtigkeiten gibt es in Deutschlands Schulen ganz sicher. Zum Beispiel, dass Thüringen beim Abiturnotendurchschnitt bundesweiter Spitzenreiter ist: Im Jahr 2024 hatten dort 40 Prozent aller Abiturienten auf ihren Zeugnissen eine Eins vor dem Komma. In Bayern und Sachsen, den Ländern mit den messbar besten Schülerleistungen, waren es nur 32 beziehungsweise 35 Prozent. Obwohl die Schülerleistungen schlechter werden und die Leistungsspitze unter den Schülern regelrecht zusammenbricht, wird der bundesweite Durchschnitt der Abiturnoten immer besser. 2024 lag er bei 2,3, zehn Jahre zuvor bei 2,4 und nochmals zehn Jahre zuvor bei 2,5.
Die Autoren führen das alles auf einen seit 50 Jahren oder mehr anhaltenden Langzeittrend in der Bildungspolitik zurück, bei dem Chancengerechtigkeit mit Ergebnisgerechtigkeit verwechselt wird. Die Wurzeln dafür sehen sie u. a. bei Ralf Dahrendorfs wirkmächtigem „Plädoyer für eine neue Bildungspolitik“ aus dem Jahre 1965 und der 1971 erschienenen „Theorie der Gerechtigkeit“ des Philosophen John Rawls.
Die Pointe ist aber, dass Dahrendorf wünschte, jeder Mensch könne seine Begabungen entfalten, ohne ungerechtfertigt benachteiligt zu werden. Es ging darum, den verlorenen Talentschatz bei Arbeiterkindern zu heben, die damals nur ein Prozent der Abiturienten ausmachten, obwohl es mehr Arbeiter als heute gab. Doch in fünf Jahrzehnten hat sich etwas Entscheidendes verändert: „Aus dem Kampf für Chancengleichheit ist inzwischen etwas ganz anderes geworden: der Wunsch nach Gleichheit im Ergebnis (Egalitarismus).“ Dies führe mittlerweile dazu, dass Anforderungen kontinuierlich gesenkt werden, weil allzu viele sie nicht (mehr) erfüllen können.
Denn man wolle nicht wahrhaben, dass es natürliche Intelligenzunterschiede gibt, die immer noch übrig blieben würden, wenn man alle sozialen und familiären Faktoren, die Kinder benachteiligen, eliminierte: „Die unvermeidbare Folge von Chancengleichheit wäre mehr Ungleichheit im Ergebnis und gerade nicht mehr Gleichheit.“

Dabei sei allerdings schon die Idee, man könne familiäre Faktoren eliminieren, eine negative Utopie, die sich nur in einem totalitären System, das die Kinder den Eltern wegnimmt, verwirklichen lasse. In ihrem „reichhaltigen Anregungsmilieu“ hören Kinder aus bildungsnahen Gruppen bis zum Alter von vier Jahren (also in dem Zeitraum, der fast alles entscheidet) 45 Millionen Wörter, Kinder aus bildungsfernen Schichten hören nur 15 Millionen oder weniger.
Ganztagsschulen – eines der vielen Wundermittel, die deutsche Bildungsquacksalber empfehlen – helfen da wenig. Laut einer Studie liegt bei ihnen „kein kompensatorischer Effekt für bildungsbenachteiligte Schülergruppen vor“. Denn Kinder aus bildungsnahen Milieus könnten auch die Ganztagsangebote besser nutzen als Kinder aus bildungsfernen Milieus. Zierer und Brodkorb resümieren: „Der Zufall der Geburt“, dessen Folgen seit Jahrzehnten alle deutsche Bildungspolitik ausgleichen will, „hat auch eine evolutionsgeschichtliche Komponente.“

Deutsche Schulen sind allerdings – anders als ihnen nachgesagt wird – durchaus in der Lage, die Folgen des Geburtszufalls in Maßen zu begradigen. Im Weltvergleich steht das Land nicht so schlecht da: „Anders als bei der Standardposition erwartet, verstärken sich auch im gegliederten deutschen Schulsystem wie überall auf der Welt die herkunftsbezogenen Leistungsunterschiede nur mäßig.“ Und auch die unbestreitbaren Leistungseinbrüche hätten, so Zierer und Brodkorb, wenig mit auseinanderklaffenden sozialen Voraussetzungen zu tun: „Die ärmsten deutschen Schüler sind in Mathematik nicht schlechter als anderswo. Schlechter geworden sind vor allem die Kinder sozial besser gestellter Eltern.“

Anders als immer wieder behauptet, deckelt das deutsche Schulsystem nachgewiesenermaßen Herkunftseinflüsse, und es profitieren davon vor allem Schüler aus bildungsfernen Milieus. Die Autoren berufen sich dabei auf die Soziologen Hartmut Esser und Julian Scheuring. Diese greifen auf die National Educational Panel Study zurück, in der – anders als bei PISA – auch Daten über die Grundintelligenz der Schüler berücksichtigt werden. Das Ergebnis, so Zierer und Brodkorb, könne man feiern als eine „geradezu fantastische Leistung des deutschen Bildungssystems“.

Viel gerechter kann das System nicht werden

Über 80 Prozent der Unterschiede in den Schulleistungen, so die Buchautoren mit Berufung auf Statistiken und Zahlen, hätten nichts mit dem Elternhaus zu tun: „Viel gerechter und erfolgreicher als das Bildungssystem heute ist, kann es realistischerweise gar nicht werden.“

Die natürlichen Intelligenzunterschiede bleiben allerdings in jedem noch so gerechten System erheblich. Dahrendorf ging davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Schüler gymnasiumstauglich seien. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern sieht das heute noch ähnlich. Ausdrücklich, so referieren Zierer und Brodkorb, erklärte sie, dass sich die deutsche Gymnasialquote von rund fünfzig Prozent „aus der Sicht der Intelligenzforschung nicht rechtfertigen“ lasse, „wenn es darum geht, besonders Begabte auf eine akademische Tätigkeit vorzubereiten“. Eine Gymnasialbesuchsquote von 50 Prozent sei eine „Perversion“.

Stern hält eine Quote von 20 Prozent, wie in der Schweiz, für wünschenswert, weil nur etwa 16 Prozent aller Schüler kognitiv überdurchschnittlich leistungsfähig sind. Eine etwas höhere Quote und eine gewisse Großzügigkeit seien notwendig, weil Lehrer in der Beurteilung ihrer Schüler irren können und natürlich keine Begabung verloren gehen soll.

Doch diese Fakten über natürliche Intelligenzunterschiede werden in Deutschland ignoriert. Sie sind „der blinde Fleck der Bildungsdebatte“, über den so wenig gesprochen werden dürfe wie über Lord Voldemort in den „Harry-Potter“-Romanen.

Doch Kinder gebildeter Eltern werden immer bessere Chancen haben. Daran kann auch Geld, das man den Erziehungsberechtigten gibt, nichts ändern. Zierer und Brodkorb verweisen auf ein Experiment in den USA, das beweisen sollte, dass Geld die Ursache für eine Verbesserung von kindlichen Lebensverläufen sei. Es wurden zwei Gruppen von Eltern mit kleinen Kindern gebildet. Die eine erhielt über drei Jahre hinweg zusätzlich 20 Dollar für die Versorgung der Kinder, die andere 333 Dollar. Die Eltern der zweiten Gruppe erhöhten die Ausgaben zugunsten ihres Kindes aber um nicht einmal 68 Dollar. 80 Prozent des Geldes wurde für ganz andere Zwecke verausgabt als für das eigene Kind. Nach Einschätzung der Buchautoren belegt das Experiment vor allem „wie man Steuergeld effektiv verschwenden kann.“

Finanzielle Faktoren könnten allerdings Bildungsanstrengungen auf ganz andere Weise beeinflussen. Eine „wahrscheinliche Mitursache“ dafür, dass es für Jugendliche attraktiver sei, nach der Schule zu arbeiten, statt eine Berufsausbildung abzuschließen, sehen die Autoren in „gutgemeinten sozialen Einrichtungen wie Bürgergeld und Mindestlohn“. Diese würden sich vor allem auf das Bildungsstreben von Menschen mit niedrigem Bildungsstand negativ auswirken. Während ein Friseurlehrling im ersten Lehrjahr monatlich 700 Euro bekommt, kann ein Arbeiter ohne Berufsausbildung unter Mindestlohnbedingungen ab 2026 rund 2200 Euro verdienen: „Der Sozialstaat kann in bester Absicht auch zur Dequalifizierung der Gesellschaft führen.“

Mangelnder Respekt beeinflusst den Lernerfolg

Am Schulsystem liegt das alles nicht. Daten, die oft herangezogen werden, um zu zeigen, dass unser Schulsystem sozial Schwache benachteiligt, können laut Zierer und Brodkorb ganz anders interpretiert werden. Wenn Kinder einkommensstarker Eltern in Gymnasien und Universitäten überrepräsentiert sind, läge das auch daran, dass Menschen mit einer hohen Intelligenz oft ein höheres Einkommen hätten – und sie diese Intelligenz dann oft an ihre Kinder mit den Genen weitergeben. Und der historisch hohe Anteil von Studenten, deren Eltern schon Abitur hatten, sei weniger eine Klassenungerechtigkeit und die Folge sozial ungerechter Auslese. Sondern er sei das logische Ergebnis von fünf Jahrzehnten egalitärer Bildungspolitik und der extrem hohen deutschen Gymnasiumsbesucherquote. Die abgebremste Aufwärtsentwicklung beruhe schlicht auf einem „Echoeffekt“.

Doch nicht nur die Bildung der Eltern beeinflusst den Schulerfolg: „Erziehungsstile, Elternaspirationen und kulturelle Überzeugungen einer Gesellschaft wirken sich immer auch auf die Schule aus.“ Eltern, die ihren Kindern keinen Respekt vor Lehrern vermitteln, verminderten zum Beispiel unweigerlich deren Einfluss auf die Lernentwicklung der eigenen Kinder. Und es sei gewiss kein Zufall, dass die besten global gemessenen Schulleistungen in asiatischen Ländern erbracht werden, in denen traditionell ein „stringenter Erziehungsstil“ gepflegt werde.

Dabei ignorieren Zierer und Brodkorb nicht die immer besorgniserregender werdende Lage junger Menschen in Deutschland – keineswegs nur, wenn es um Schulleistungen geht. Die Selbstmordrate steige. Einsamkeit, Angst und Stress würden immer häufiger. Die Zufriedenheit sinke allgemein und die körperliche Verfassung werde auch immer schlechter: Motorische Prüfungen wie Reaktionstests, Einbeinstand, Standweitsprung und Liegestütze verharren auf niedrigem Niveau. Kinder in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren deutlich fitter. Kein Wunder, wenn sie sich heute laut einer Postbank-Studie 71 Stunden pro Woche in den digitalen Welten aufhalten.
Doch die Antwort darauf könne nicht ein Bildungssystem sein, das alle sozialen, familiären und intelligenzbedingten Unterschiede ausgleichen will. Das Streben danach habe zu einer systemischen Überforderung der Schulen geführt. Man müsse sich vom Ideal der Ergebnisgleichheit verabschieden und stattdessen „Chancengerechtigkeit“ anstreben: „Gerechtigkeit bedeutet, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Je besser ein Bildungssystem diese Unterschiede fördert, desto mehr trägt es auch der Idee der Menschenwürde Rechnung.“

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