„Die Gymnasialquote von rund 50 Prozent ist durch Intelligenzforschung nicht zu rechtfertigen“ (WELT)
Von Matthias Heine
Dabei sei allerdings schon die Idee, man könne familiäre Faktoren
eliminieren, eine negative Utopie, die sich nur in einem totalitären
System, das die Kinder den Eltern wegnimmt, verwirklichen lasse. In
ihrem „reichhaltigen Anregungsmilieu“ hören Kinder aus bildungsnahen
Gruppen bis zum Alter von vier Jahren (also in dem Zeitraum, der fast
alles entscheidet) 45 Millionen Wörter, Kinder aus bildungsfernen
Schichten hören nur 15 Millionen oder weniger.
Ganztagsschulen – eines der vielen Wundermittel, die deutsche Bildungsquacksalber empfehlen – helfen da wenig. Laut einer Studie
liegt bei ihnen „kein kompensatorischer Effekt für
bildungsbenachteiligte Schülergruppen vor“. Denn Kinder aus
bildungsnahen Milieus könnten auch die Ganztagsangebote besser nutzen
als Kinder aus bildungsfernen Milieus. Zierer und Brodkorb resümieren:
„Der Zufall der Geburt“, dessen Folgen seit Jahrzehnten alle deutsche
Bildungspolitik ausgleichen will, „hat auch eine
evolutionsgeschichtliche Komponente.“
Deutsche Schulen sind allerdings – anders als ihnen nachgesagt wird – durchaus in der Lage, die Folgen des Geburtszufalls in Maßen zu begradigen. Im Weltvergleich steht das Land nicht so schlecht da: „Anders als bei der Standardposition erwartet, verstärken sich auch im gegliederten deutschen Schulsystem wie überall auf der Welt die herkunftsbezogenen Leistungsunterschiede nur mäßig.“ Und auch die unbestreitbaren Leistungseinbrüche hätten, so Zierer und Brodkorb, wenig mit auseinanderklaffenden sozialen Voraussetzungen zu tun: „Die ärmsten deutschen Schüler sind in Mathematik nicht schlechter als anderswo. Schlechter geworden sind vor allem die Kinder sozial besser gestellter Eltern.“
Anders als immer wieder behauptet, deckelt das deutsche Schulsystem nachgewiesenermaßen Herkunftseinflüsse, und es profitieren davon vor allem Schüler aus bildungsfernen Milieus. Die Autoren berufen sich dabei auf die Soziologen Hartmut Esser und Julian Scheuring. Diese greifen auf die National Educational Panel Study zurück, in der – anders als bei PISA – auch Daten über die Grundintelligenz der Schüler berücksichtigt werden. Das Ergebnis, so Zierer und Brodkorb, könne man feiern als eine „geradezu fantastische Leistung des deutschen Bildungssystems“.
Viel gerechter kann das System nicht werden
Über 80 Prozent der Unterschiede in den Schulleistungen, so die Buchautoren mit Berufung auf Statistiken und Zahlen, hätten nichts mit dem Elternhaus zu tun: „Viel gerechter und erfolgreicher als das Bildungssystem heute ist, kann es realistischerweise gar nicht werden.“
Die natürlichen Intelligenzunterschiede bleiben allerdings in jedem noch so gerechten System erheblich. Dahrendorf ging davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Schüler gymnasiumstauglich seien. Die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern sieht das heute noch ähnlich. Ausdrücklich, so referieren Zierer und Brodkorb, erklärte sie, dass sich die deutsche Gymnasialquote von rund fünfzig Prozent „aus der Sicht der Intelligenzforschung nicht rechtfertigen“ lasse, „wenn es darum geht, besonders Begabte auf eine akademische Tätigkeit vorzubereiten“. Eine Gymnasialbesuchsquote von 50 Prozent sei eine „Perversion“.
Stern hält eine Quote von 20 Prozent, wie in der Schweiz, für wünschenswert, weil nur etwa 16 Prozent aller Schüler kognitiv überdurchschnittlich leistungsfähig sind. Eine etwas höhere Quote und eine gewisse Großzügigkeit seien notwendig, weil Lehrer in der Beurteilung ihrer Schüler irren können und natürlich keine Begabung verloren gehen soll.
Doch diese Fakten über natürliche Intelligenzunterschiede werden in Deutschland ignoriert. Sie sind „der blinde Fleck der Bildungsdebatte“, über den so wenig gesprochen werden dürfe wie über Lord Voldemort in den „Harry-Potter“-Romanen.
Doch Kinder gebildeter Eltern werden immer bessere Chancen haben. Daran kann auch Geld, das man den Erziehungsberechtigten gibt, nichts ändern. Zierer und Brodkorb verweisen auf ein Experiment in den USA, das beweisen sollte, dass Geld die Ursache für eine Verbesserung von kindlichen Lebensverläufen sei. Es wurden zwei Gruppen von Eltern mit kleinen Kindern gebildet. Die eine erhielt über drei Jahre hinweg zusätzlich 20 Dollar für die Versorgung der Kinder, die andere 333 Dollar. Die Eltern der zweiten Gruppe erhöhten die Ausgaben zugunsten ihres Kindes aber um nicht einmal 68 Dollar. 80 Prozent des Geldes wurde für ganz andere Zwecke verausgabt als für das eigene Kind. Nach Einschätzung der Buchautoren belegt das Experiment vor allem „wie man Steuergeld effektiv verschwenden kann.“
Finanzielle Faktoren könnten allerdings Bildungsanstrengungen auf ganz andere Weise beeinflussen. Eine „wahrscheinliche Mitursache“ dafür, dass es für Jugendliche attraktiver sei, nach der Schule zu arbeiten, statt eine Berufsausbildung abzuschließen, sehen die Autoren in „gutgemeinten sozialen Einrichtungen wie Bürgergeld und Mindestlohn“. Diese würden sich vor allem auf das Bildungsstreben von Menschen mit niedrigem Bildungsstand negativ auswirken. Während ein Friseurlehrling im ersten Lehrjahr monatlich 700 Euro bekommt, kann ein Arbeiter ohne Berufsausbildung unter Mindestlohnbedingungen ab 2026 rund 2200 Euro verdienen: „Der Sozialstaat kann in bester Absicht auch zur Dequalifizierung der Gesellschaft führen.“
Mangelnder Respekt beeinflusst den Lernerfolg
Am Schulsystem liegt das alles nicht. Daten, die oft herangezogen werden, um zu zeigen, dass unser Schulsystem sozial Schwache benachteiligt, können laut Zierer und Brodkorb ganz anders interpretiert werden. Wenn Kinder einkommensstarker Eltern in Gymnasien und Universitäten überrepräsentiert sind, läge das auch daran, dass Menschen mit einer hohen Intelligenz oft ein höheres Einkommen hätten – und sie diese Intelligenz dann oft an ihre Kinder mit den Genen weitergeben. Und der historisch hohe Anteil von Studenten, deren Eltern schon Abitur hatten, sei weniger eine Klassenungerechtigkeit und die Folge sozial ungerechter Auslese. Sondern er sei das logische Ergebnis von fünf Jahrzehnten egalitärer Bildungspolitik und der extrem hohen deutschen Gymnasiumsbesucherquote. Die abgebremste Aufwärtsentwicklung beruhe schlicht auf einem „Echoeffekt“.
Doch nicht nur die Bildung der Eltern beeinflusst den Schulerfolg: „Erziehungsstile, Elternaspirationen und kulturelle Überzeugungen einer Gesellschaft wirken sich immer auch auf die Schule aus.“ Eltern, die ihren Kindern keinen Respekt vor Lehrern vermitteln, verminderten zum Beispiel unweigerlich deren Einfluss auf die Lernentwicklung der eigenen Kinder. Und es sei gewiss kein Zufall, dass die besten global gemessenen Schulleistungen in asiatischen Ländern erbracht werden, in denen traditionell ein „stringenter Erziehungsstil“ gepflegt werde.
Dabei ignorieren Zierer und Brodkorb nicht die immer besorgniserregender werdende Lage junger Menschen in Deutschland – keineswegs nur, wenn es um Schulleistungen geht. Die Selbstmordrate steige. Einsamkeit, Angst und Stress würden immer häufiger. Die Zufriedenheit sinke allgemein und die körperliche Verfassung werde auch immer schlechter: Motorische Prüfungen wie Reaktionstests, Einbeinstand, Standweitsprung und Liegestütze verharren auf niedrigem Niveau. Kinder in den Siebziger- und Achtzigerjahren waren deutlich fitter. Kein Wunder, wenn sie sich heute laut einer Postbank-Studie 71 Stunden pro Woche in den digitalen Welten aufhalten.
Doch die Antwort darauf könne nicht ein Bildungssystem sein, das alle
sozialen, familiären und intelligenzbedingten Unterschiede ausgleichen
will. Das Streben danach habe zu einer systemischen Überforderung der
Schulen geführt. Man müsse sich vom Ideal der Ergebnisgleichheit
verabschieden und stattdessen „Chancengerechtigkeit“ anstreben:
„Gerechtigkeit bedeutet, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu
behandeln. Je besser ein Bildungssystem diese Unterschiede fördert,
desto mehr trägt es auch der Idee der Menschenwürde Rechnung.“

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