VON THOMAS MAYER am 11. Juni 2026 6 min
Der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson beschrieb den Niedergang
erfolgreicher Gesellschaften als Folge ihres eigenen Erfolgs. Mit
wachsendem Wohlstand entstehen immer mehr organisierte Interessen, die
den Status quo verteidigen. Reformen werden dadurch kaum noch möglich,
Anpassungen bleiben auf der Strecke und die Fähigkeit zur Erneuerung
schwindet. Probleme können nicht mehr einvernehmlich, sondern nur noch
durch Disruption gelöst werden. Hätte Bundeskanzler Merz Olson gelesen,
hätte er sich den „Gipfel der Sozialpartner“ ersparen können. Hat er
aber nicht. „Gute Lösungen entstehen im Dialog“, schrieb er auf X – und
will weitere Gespräche führen. Die werden vermutlich ebenso ergebnislos
bleiben wie der „Gipfel“.
Tatsächlich ist die ganze jüngere
Geschichte Deutschlands geradezu ein Lehrstück für Olsons Theorie.
Blicken wir zurück in die achtziger Jahre. Als die DDR in ihre letzte
Krise geriet, fehlte es ihren führenden Funktionären nicht an
Informationen. Die Staatssicherheit berichtete detailliert über die
wirtschaftlichen Probleme, die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung
und die zunehmende Zahl der Ausreisewilligen. Die Parteiführung wusste,
dass das Land vor gewaltigen Herausforderungen stand. Dennoch hielt sie
am Bestehenden fest.
Dabei war der Reformbedarf offensichtlich. Die Sowjetunion unter
Michail Gorbatschow hatte mit Glasnost und Perestroika einen Kurswechsel
eingeleitet. In Polen und Ungarn entstanden neue politische Freiräume.
Die technologische Entwicklung im Westen beschleunigte sich. Die DDR
verlor wirtschaftlich und gesellschaftlich den Anschluss. Doch die
SED-Führung zog aus diesen Entwicklungen nicht den Schluss, dass das
eigene Modell grundlegend reformiert werden müsse. Stattdessen sah sie
darin einen Grund, am bisherigen Kurs erst recht festzuhalten. Die
Reformen der Nachbarn erschienen als Gefahr, nicht als Vorbild. Denn
„den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“, reimte
Erich Honecker noch am 14. August 1989.
Interessen verteidigen das Bestehende selbst dann, wenn sich die Umwelt grundlegend verändert Aus
heutiger Sicht wirkt diese Haltung extrem kurzsichtig und verbohrt.
Doch sie folgt einer Logik, die in Gesellschaften mit der Zeit immer
wieder anzutreffen ist. Institutionen, die über Jahrzehnte Stabilität
und vielleicht auch nur bescheidenen Wohlstand ermöglicht haben,
erzeugen mächtige Interessen. Diese Interessen verteidigen das
Bestehende selbst dann, wenn sich die Umwelt grundlegend verändert. Das
macht das Beispiel der späten DDR für uns aktuell.
Natürlich ist
die Bundesrepublik kein autoritärer Staat. Freie Wahlen, unabhängige
Gerichte und eine freiheitliche Gesellschaftsordnung unterscheiden sie
fundamental von der DDR. Dennoch gibt es deutliche Parallelen bei der
Fähigkeit zur Anpassung. Auch die Bundesrepublik beruht auf einem
Gesellschaftsmodell, das über Jahrzehnte erfolgreich war. Die soziale
Marktwirtschaft, der ausgedehnte Wohlfahrtsstaat, die exportorientierte
Industrie und die Einbindung in den amerikanischen Sicherheitsschirm
bildeten die Grundlagen eines beispiellosen Wohlstands. Doch die Umwelt,
in der dieses Modell entstand, existiert nicht mehr.
Die Bevölkerung altert. Die Globalisierung verändert sich. Neue
Technologien stellen traditionelle Industrien infrage. Die geopolitische
Lage verlangt deutlich höhere Verteidigungsausgaben. Gleichzeitig sind
gewaltige Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung
notwendig. Da die Einnahmen nicht mehr ausreichen, dies alles zusätzlich
zu dem aufgeblähten Sozialstaat zu finanzieren, steigt die
Staatsverschuldung rasant. Auch wenn Arbeitsministerin Bärbel Bas
Einsparungen im Sozialstaat für „Bullshit“ hält (wie Erich Honecker
früher grundlegende Veränderungen in der DDR), lautet die eigentliche
Frage nicht, ob Deutschland Reformen braucht. Die eigentliche Frage ist,
ob das politische System überhaupt noch in der Lage ist, die
notwendigen Anpassungen durchzusetzen.
Die etablierten Parteien unterschätzen den Verlust ihrer eigenen Deutungshoheit
Olson
hat das Dilemma treffend beschrieben. Nahezu jeder Bürger, der die
Misere mit offenen Augen betrachtet, fordert Veränderungen. Bürokratie
soll abgebaut, die Wirtschaft gestärkt, die Infrastruktur modernisiert
und die Verteidigungsfähigkeit verbessert werden. Doch gleichzeitig
existieren für nahezu jeden Reformschritt organisierte Gruppen, die ihre
erworbenen Ansprüche verteidigen. Rentenansprüche, Sozialleistungen,
Subventionen, Verwaltungsstrukturen und Regulierungen haben jeweils ihre
politischen Schutzmächte in Verbänden und Funktionären der politischen
Parteien. Die Folge ist eine Politik, die – falls sie sich überhaupt
bewegen kann – allenfalls zu Minischritten fähig ist. Doch die
Herausforderungen werden immer größer.
Auch die Diskussion über
die AfD weist strukturelle Ähnlichkeiten zur früheren Krisensituation in
der DDR auf. Die Partei gewinnt ihre Unterstützung nicht primär wegen
ihrer Lösungsvorschläge. Viele ihrer Wähler bezweifeln selbst, ob sie
für die brennenden Probleme überzeugende Antworten hat. Entscheidend ist
vielmehr, dass sie Themen anspricht, bei denen viele Bürger den
Eindruck haben, die etablierten Parteien würden sie verschweigen. Die
Zustimmung speist sich daher weniger aus Vertrauen als aus Enttäuschung.
Eine ähnliche Dynamik war Ende der achtziger Jahre in der DDR zu
beobachten. Die Begeisterung vieler Ostdeutscher für Gorbatschow beruhte
nicht auf einem überzeugenden Reformprogramm der Sowjetführung. Sie
beruhte auf der Hoffnung, dass überhaupt wieder über Veränderungen
gesprochen werden durfte.
Ob die AfD tragfähige Antworten auf die Herausforderungen
Deutschlands besitzt, ist mehr als zweifelhaft. Doch ebenso wie die SED
angesichts der immer brennenderen Probleme den Verlust ihrer politischen
Bedeutung unterschätzte, könnten die etablierten Parteien den Verlust
ihrer eigenen Deutungshoheit unterschätzen. Die „Brandmauer“ bröckelt
schon, bald wird sie (wie die Berliner Mauer der DDR) nicht mehr zu
halten sein. Natürlich sind die politischen Systeme der DDR im Jahr 1989
und der Bundesrepublik von heute sehr unterschiedlich, aber die Frage
ihrer Anpassungsfähigkeit ist erschreckend ähnlich.
Ohne „schöpferische Zerstörung“ ist der Abstieg nicht mehr aufzuhalten
Gesellschaften
scheitern selten daran, dass sie ihre Probleme nicht erkennen. Häufiger
scheitern sie daran, dass die über die Zeit entstandenen Strukturen die
Lösungen blockieren. Olson hätte darin kein deutsches Sonderproblem
gesehen. Für ihn war es das Schicksal vieler erfolgreicher
Gesellschaften. Besonders Erfolg erzeugt jene Verkrustungen, die später
ihre Anpassungsfähigkeit schwächen. Die Blockade kann kaum überwunden
werden, indem man die Blockierer hofiert. Denn der gesunde
Menschenverstand sagt einem: Wer einen Sumpf trockenlegen will, darf
nicht die Frösche fragen. Er muss handeln.
Die Zerschlagung der politischen und gesellschaftlichen
Machstrukturen des Nationalsozialismus brachten den Westdeutschen nach
dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder, der Untergang der DDR den
Ostdeutschen Reisefreiheit und – ja, trotz aller bis heute andauernden
Mäkelei – Wohlstand. Die Reformen in Gerhard Schröders Agenda 2010
erneuerten die wirtschaftliche Dynamik des wiedervereinigten
Deutschlands.
Ohne erneute Disruption und „schöpferische
Zerstörung“ jetzt ist der Abstieg aus der Liga der führenden
Industrieländer nicht mehr aufzuhalten. Wer zu lange davon ausgeht, dass
die Institutionen von gestern auch die Probleme von morgen lösen
werden, riskiert das Schicksal vieler ehemals erfolgreicher
Gesellschaften: Nicht der Mangel an Wissen wird ihnen zum Verhängnis,
sondern die Unfähigkeit zur Anpassung. Wie hätte man diese Unfähigkeit
besser demonstrieren können als mit der Einberufung eines „Gipfels der
Sozialpartner“?
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