So sieht eine Welt aus, in der nur Linke das Sagen haben
Der Ökonom Rudi Bachmann wiederum wurde als „extrem verfetteter Populist“ begrüßt, der seinen Weg in den blauen Himmel nur gefunden habe, weil er die „intellektuelle Leere“ auf X nicht mehr ertrage („Eigentlich sind wir hier, damit wir uns ohne Nulpen deines Kalibers unterhalten können. So, wie man auf den eigenen Geburtstag nicht die Bahnhofspenner einlädt“).
Keine Ahnung, womit sich Bachmann derlei Beschimpfungen verdient hat. Aber das ist der Umgangston. Ich hatte mir den Himmel irgendwie anders vorgestellt, glücklicher und entspannter. „Wir wollten diesen Schmutz nicht länger legitimieren“, hatte Frau Dröge schließlich als Grund für den X-odus genannt. Und nun sind die Zentralworte „Scheiße“ und „fucking“?
So sieht eine Welt aus, in der Linke das Sagen haben
Ich musste unwillkürlich an eine dieser Puritanergemeinden denken,
die Nathaniel Hawthorne in seinem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“
mustergültig beschrieben hat und die in der Republik Gilead im „Report
der Magd“ ihre bislang letzte große Inkarnation fand. Der einzige
Unterschied ist, dass bei Bluesky nicht die biologische Unfruchtbarkeit
das Problem ist, sondern intellektuelle Sterilität.
Antirassismus-Expertin „legt Zeugnis ab”
Einmal im Jahr trifft sich die Szene in Berlin auf der „Re-publica”, das ist dann jedes Mal ein großes Hallo. Aus nah und fern kommt man zusammen, um auf der „Re“ drei Tage lang eine Art Kirchentag der Bluesky-Gemeinde zu feiern.
Der Reporter René Pfister hat im aktuellen „Spiegel“ Zeugnis von der Veranstaltung gegeben, wie man dort sagen würde. Kein Witz, das ist der Sound. Sie sehe es als ihre Aufgabe, als „schreibende Person“ „Zeugnis abzulegen“, erklärte die Antirassismus-Expertin Alice Hasters auf einem der Eröffnungspanels. Dass viele der Protagonisten kaum in der Lage sind, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen, geschweige denn zu äußern, wird ihnen großmütig verziehen. Hier zählt der Gestus.
Andere Meinungen gibt es nur als warnendes Beispiel
Immerhin, ökonomisch ist die Veranstaltung ein Erfolg. Vier Bundesministerien, die Bundesbank, die Europäische Kommission und die Berliner Senatskanzlei finden sich auf der Liste der Unterstützer. Dass die Veranstaltung großzügig mit Staatsgeld gefördert wird, tut dem Widerstandsgeist keinen Abbruch. Durchgesponsert bis zur Halskrause, aber im Brustton des Aufrührers erklären, wie man die Verhältnisse zum Tanzen bringe: Den Trick hatte das Milieu immer schon raus.
Sitzt
ausnahmsweise einmal jemand von der anderen Seite auf einem Podium,
dann, um ihn als warnendes Beispiel vorzuführen. „Wir brauchen einen
Wertekompass, mit dem wir uns verbinden können. Und innerhalb dieses
Wertekompasses dürfen wir auch anderer Meinung sein“, fasst eine
Moderatorin das Verständnis von Meinungsfreiheit zusammen. Wenn schon
ein umgänglicher CSU-Mann wie der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume als Figur des rechten Randes gilt, ahnt man, wie streng der Wertekompass ist.
Der Aufstieg der AfD verleiht der ausgelaugten Bewegung Elan
Der Aufstieg der AfD ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil er einer ausgelaugten Bewegung noch einmal Sinn und Elan verleiht. Selbst in den lendenlahmsten Prediger fährt der Heilige Geist, wenn er vor der Ankunft des Bösen warnen kann. Aber am Ende sind es doch nur Abwehrhandlungen, müde Reflexe, um noch einmal die Gemeinschaft der Gläubigen zu beschwören.
Weshalb weltweit rechte Parteien im Aufwind sind, dafür gibt es nicht mal im Ansatz eine Erklärung. Weil ihnen analytische Begriffe und Vorstellungen fehlen, erscheint der Aufstieg am Ende wie eine Naturgewalt. Aber gegen Naturgewalten gibt es keine wirkliche Abhilfe. Alles, was man tun kann, ist, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Dass der Siegeszug der AfD auch etwas mit der Rigidität zu tun haben könnte, mit der man jedem hinterhersteigt, der nicht hundertprozentig auf Linie ist, liegt völlig außerhalb des Erkenntnishorizonts. Pfister erinnerte in seinem Text daran, dass es ja ursprünglich Linke waren, die von der egalitären Macht des Internets schwärmten. Die davon sprachen, dass der Dialog desto freier werde, je unkontrollierter er sei und je mehr Nutzer sich daran beteiligten.
Die
Grünen haben die Zahl ihrer Follower radikal reduziert. Auf X hatte die
Partei 592.000 Follower, auf Bluesky bringt man es gerade mal auf
39.000. Dafür träumt man jetzt von einer neuen digitalen Ordnung.
Das wäre der Traum: Bluesky für alle
Angela Merkel hat den Ton gesetzt, als sie anregte, die sozialen Netzwerke wirksam zu regulieren. Merkel hatte immer ein Faible für autokratische Lösungen. Der autoritäre Kern war bei ihr durch die ihr eigene Bonhomie verdeckt. Aber unter der freundlichen Oberfläche gab es immer die eiserne Kanzlerin, die Wahlen annullieren lassen wollte, wenn sie ihr nicht passten. Auch auf EU-Ebene und in den Landesmedienanstalten arbeitet man an Plänen zur Neuordnung des digitalen Raums. Das ist der nächste Schritt.
Sozialen Netzwerken soll künftig vorgeschrieben werden, Inhalte von Medien mit „öffentlichem Mehrwert“ („Public Value“) bevorzugt anzuzeigen. Es sei eine „demokratische Kernfrage“, den Einfluss „desinformierender“ und „polarisierender“ Inhalte auf Social Media zurückzudrängen, heißt es in einem Papier, das in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in Vorbereitung des neuen Medienstaatsvertrags erarbeitet wurde und von dem „Apollo News“ diese Woche als Erste berichteten.
Das wäre der Traum: Bluesky für alle. Nur noch politisch garantiert unbedenkliche Nachrichten und an der Spitze eine Wahrheitskommission, die darüber wacht, dass niemand aus der Reihe tanzt. Wer sich bei einem unkeuschen Gedanken erwischen lässt, wird erst an den Netzpranger gestellt und dann, bei Wiederholung, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Republik Gilead lebt.

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