VON PETER WELCHERING am 3. September 2026 12 min
Vor einem Jahr hauten die ARD-Hierarchen so richtig auf die Pauke. Am 24. Juni 2025 gab die ARD-Pressestelle bekannt, dass ein senderübergreifendes Faktencheck-Netzwerk in Dienst gestellt werde. Bisher waren sowohl der Faktenfinder der Tagesschau als auch der Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks vor allen Dingen mit einseitigen Bewertungen und anderen Verstößen gegen die Grundsätze der Faktenprüfung aufgefallen.
Das sollte nun anders werden. Leiter der „AG Faktencheck“ der ARD wurde Frank Beckmann, Programmdirektor des NDR. Und der hatte Großes vor. „Mit dem neuen Netzwerk setzen wir ein klares Zeichen für journalistische Verlässlichkeit und für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als vertrauenswürdige Quelle in digitalen Zeiten“, lobte der oberste Factchecker der ARD.
Beim Mitteldeutschen Rundfunk hatten die Hierarchen größtes Interesse an der Faktencheck-Initiative der ARD und wollten unbedingt mitmachen. Denn bisher mussten sich die Programmverantwortlichen des MDR von unabhängigen Faktenprüfern immer mal wieder Manipulationen nachweisen lassen.
Scrollende Journalisten
Mal handelte es sich dabei um ganz banale Dinge. So wurde etwa in einem Bericht über die Anklageerhebung gegen die Tatverdächtigen des Raubes im Grünen Gewölbe am 2. September 2021 im Sachsenspiegel den MDR-Programmverantwortlichen nachgewiesen, dass sie Bildmaterial vom Statement des Staatsanwalts manipuliert hatten. Die MDR-Journalisten hatten das Bild-Logo vom Windschutz des Mikrofons wegretuschiert. Der Sender entschuldigte sich dafür. In einem Beitrag von MDR-Investigativ über „Polizeigewalt gegen Klimaaktivisten“, der im April 2023 auf mehreren Kanälen ausgespielt wurde, stellten mehrere unabhängige Faktenprüfer eine massive Manipulation der Tonspur fest. Im Video zu hörende Schmerzensschreie eines Demonstranten waren erheblich nachbearbeitet und verstärkt worden. „Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Tonspur manipuliert ist“, stellte der Informatikprofessor Florian Gallwitz fest.
Der MDR räumte in einer Richtigstellung einige Tage später ein: „Bei einer Überprüfung haben wir festgestellt, dass uns in einem ‚Short‘ auf YouTube (sic) beim Abmischen der Tonspur ein unerklärliches bedauerliches Missgeschick passiert ist, wodurch die Tonspur verändert worden ist. Auf allen anderen vom MDR veröffentlichten Videos, inklusive der Komplettversion des exactlys auf YouTube, und dem Reel auf Instagram ist die Tonspur im Original veröffentlicht.“
Es war natürlich peinlich, wie die MDR-Programmverantwortlichen hier von unabhängigen Faktenprüfern vorgeführt wurden. Factchecking musste deshalb unbedingt als Kompetenz im eigenen Haus stärker verankert werden. Der Nachholbedarf war riesig. Das ARD-Factchecking-Netzwerk sollte dabei helfen.
Vom Fact Check zum Fake Check Ob das funktioniert hat, ließ sich anhand der Faktenchecks während und nach der Politikerdiskussion der Talksendung „Fakt ist“ am 26. August 2026 beobachten. Das Ergebnis vorneweg: Nein, die Faktenprüfung hat da größtenteils nicht funktioniert. Die MDR-Factchecker lieferten als Faktenchecks getarnte Meinungschecks, nahmen zwingend vorgeschriebene Gegenchecks nicht vor, wählten willkürlich Aussagen für die Überprüfung aus, sodass völlig falsche Aussagen ungeprüft blieben.
Wesentliche Standards der Faktenprüfung wurden schlicht missachtet. So etwa die Regel, dass politische oder weltanschauliche Vorstellungen bei einer Faktenprüfung nichts zu suchen haben. Auch gegen die Regel, dass Tatsachen immer konkret anhand von Zahlen, Daten und Fakten aus dokumentierten Quellen geprüft werden müssen, haben die MDR-Checker grob verstoßen.
So hat MDR-Obercheckerin Sabine Falk-Bartz in einer Schalte nach dem Duell von Sven Schulze und Ulrich Siegmund die vorgetragene Bewertung verifiziert, dass die AfD die Bildungspolitik auf den Kopf stellen wolle. Sie verwies für diese Verifikation auf programmatische Leitlinien der AfD für den Geschichtsunterricht, mit denen „mehr Bismarck“ gefordert werde. Ob die Forderung nach „mehr Bismarck“ im Geschichtsunterricht dazu beiträgt, dass eine Bildungspolitik auf den Kopf gestellt werde, ist eine freie Bewertung. Sie kann weder verifiziert noch falsifiziert werden.
Dümmer als der Factchecking-Kodex erlaubt
In dieser Schalte wurde ebenfalls die Aussage, Deutschland habe die zweithöchsten Strompreise der Welt, in einen Kontext gesetzt. Die Kontextualisierung diente dabei eher der Vernebelung. Deutschland rangiere damit in der Gruppe der Staaten wie Bermuda oder Italien, trug die Checkerin vor.
Eine Faktenprüfung hätte erfordert, Einblick in Rankings wie Energyfactbook oder Energiemarie zu nehmen. Dort steht Deutschland im Ranking der Strompreise tatsächlich an zweiter Stelle. Damit hätte man diese Aussage klar verifizieren können. Das geschah aber nicht in diesem Factcheck.
Dann hat Sabine Falk-Bartz in derselben Schalte die Aussage von Ulrich Siegmund geprüft: „Hunderte von Millionen von Euro werden an Migranten verschenkt.“ Sie bezeichnete diese Aussage als „schwierig“. Begründung: „Weil sie nämlich auf rechtlich verankerten Sozialleistungen basiert.“
Auch hier hätten die MDR-Prüfer die Aussage anhand von Zahlen aus dokumentierten Quellen prüfen müssen. So sind im Jahr 2025 laut Bundestagsdrucksache 21/6289 in diesem Bereich 24,8 Milliarden Euro aufgewandt worden. Nach einer solchen Prüfung wäre die Aussage als korrekt deklariert worden.
In der etwas später erfolgten Schalte mit MDR Live aktuell nach der Wahlarena führt Sabine Falk-Bartz dann die hohe Kunst der Ablenkung vor. Sie checkt die Aussage von Ulrich Siegmund, 50 Prozent der Bürgergeldbezieher seien nicht Deutsche. Ihre Antwort wird recht weitschweifig.
52 Prozent der Bürgergeldempfänger seien nämlich Deutsche, 13 Prozent Ukrainer, der Rest bestehe aus Menschen aus anderen Herkunftsländern, führt sie aus, um sodann direkt anzufügen, dass sich aber die Integration von Ausländern in den deutschen Arbeitsmarkt sehr positiv gestaltet habe.
Gesinnungsjournalistische Prüfunfähigkeit
Diese Art des Verstoßes gegen die Regeln der Faktenprüfung wiederholt sich. Statt eine detaillierte Prüfung der Zahlen lege artis vorzunehmen, wird hier mit einer unvollständigen Zahlenbasis gearbeitet. „13 Prozent Ukrainer“ werden noch benannt. Der Rest bleibt im Dunkeln. Dann wird schnell auf eine völlig andere Frage eines verwandten Themas ausgewichen, um diese unvollständige Zahlenbasis ein wenig zu vernebeln, nämlich auf das Thema der Integration in den Arbeitsmarkt.
Eine Faktenprüfung nach allen Regeln der Kunst hätte hier das Ergebnis erbracht: Ulrich Siegmund sagt, 50 Prozent der Bürgergeldempfänger seien nicht Deutsche. Laut Destatis sind es 48 Prozent. Immerhin wird der Komplex in der später auf mdr.de veröffentlichten Faktenbasis dann mit genaueren Zahlen nachgetragen. Bleibt zu fragen, ob das den öffentlichkeitswirksamen vernebelnden Auftritt in einer Schalte wettmachen kann.
Ausgesprochen kritisch muss man auch einen Meinungscheck auf Grundlage einer zumindest äußerst zugespitzt vorgetragenen bewertenden Forderung von Thomas Schulze vom BSW betrachten. Man könnte hier sogar von einem verfälschten Zitat sprechen.
Der Hintergrund: Thomas Schulze hatte Folgendes angemerkt: „Also muss man preiswertes Gas und Öl, was wir auch als Rohstoff brauchen, vom preiswertesten Anbieter holen. Und das hat Deutschland immer schon gemacht. Und selbst in kalten Kriegszeiten haben die Russen hier geliefert. Und ich sage Ihnen noch was, weil Sie das BSW immer so vorwerfen, von Russland, von Putin. Das heißt also, im Gegensatz, muss ich entnehmen, von Trump, der die Hälfte der Welt gerade angreift und Präsidenten entführt, da ist das vollkommen egal? Da können wir, da können wir Gas holen, Öl holen.“
Chronische Faktenallergie
Bei der sich daran anschließenden Abstimmung über einen Gaskauf aus Russland votieren AfD und BSW dafür, CDU, SPD, Linke, FDP und Grüne dagegen. Sven Schulze trägt dabei vor, dass er sich durchaus vorstellen könne, nach Beendigung des Ukraine-Krieges wieder Gas von Russland zu kaufen.
Armin Willingmann von der SPD führt daraufhin dann aus, dass Deutschland zurzeit zwischen acht und zehn Prozent seines Gasbedarfs mit LNG aus den USA deckt, daneben Gas aus Norwegen, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien beziehe. Man hätte viel früher diversifizieren müssen.
Im Faktencheck für MDR Live aktuell nimmt Sabine Falk-Bartz dann eine Einordnung der Meinung von Thomas Schulze vor. Dabei zitiert sie ihn nicht ganz korrekt: „Von Herrn Schulze vom BSW-Kandidaten die Aussage, dass wir jetzt hier große Mengen Gases aus, also LNG, aus den USA beziehen würden. Dabei könnten wir doch günstiges Öl und günstiges Gas aus Russland bekommen.“
Thomas Schulze hat zu keiner Zeit von „großen Mengen Gases aus den USA“ gesprochen. Insofern ist die von Checkerin Falk-Bartz vorgenommene Konfrontation mit den von Armin Willingmann vorgetragenen „acht bis zehn Prozent“ LNG aus den USA nicht folgerichtig und erzeugt einen falschen Eindruck beim Zuschauer.
Schulze hatte generell kritisiert, dass der Kauf von Gas aus Russland aus moralischen Gründen abgelehnt werde. Der Kauf von Gas aus den USA, das aber auch Krieg führe, werde hingegen nicht abgelehnt.
Kunst der postfaktischen Recherche
Die von Falk-Bartz vorgenommene Zuspitzung „große Mengen Gases“ – man kann auch sagen: das von ihr vorgetragene falsche Zitat – nimmt sie dann zum Anlass, um die bewertende Forderung von Thomas Schulze nach Gaskauf aus Russland insgesamt zu diskreditieren. Hier liegen also gleich zwei sehr massive Verstöße gegen die Regeln der Faktenprüfung vor: Ein zugespitztes bzw. falsches Zitat als Ausgangspunkt und der Check einer Meinung, der als Faktencheck ausgegeben wird.
Ganz aufschlussreich ist auch, welche Aussagen keinem Faktencheck unterzogen wurden – weder in den beiden Live-Schalten noch in der nachgelieferten Faktenbasis auf mdr.de. Zum Beispiel wurde diese Aussage von Susan Sziborra-Seidlitz nicht von den MDR-Factcheckern überprüft, wohl aber von der Twitter-Community: „Wir haben zum Beispiel beim Oktoberfest in München seit Jahrzehnten solche Sicherheitsmaßnahmen wegen eines rechtsextremen Anschlages.“
Sie bezieht sich damit vermutlich auf den Anschlag vom 26. September 1980. Die massiven Maßnahmen auf dem Oktoberfest mit Pollern und Barrieren wurden hingegen erst ab 2016 nach einem islamistischen Anschlag eingeführt. Hier wäre also ein Faktencheck angebracht gewesen. Ob er aus Tendenzgründen nicht durchgeführt wurde, lässt sich natürlich nicht ohne Weiteres sagen. Eine entsprechende Anfrage des Beitragsautors hat der MDR bisher nicht beantwortet.
In der auf mdr.de nachgereichten Faktenbasis sind einige Daten bestätigt worden, so zum Beispiel die Aussage von Armin Willingmann von der SPD, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Migrationshintergrund sei in den letzten zehn Jahren von 20.000 auf 75.000 gestiegen. Auch die Zahl von nur 12.000 Geburten, die Sven Schulze von der CDU vorgetragen hat, wird bestätigt. Ebenso die Studienanfängerquote, die Armin Willingmann nannte. In diesen wenigen Fällen haben die MDR-Factchecker sauber gearbeitet.
Eingreiftruppe des Wahrheitsministeriums
Warum wird dann aber in so vielen Fällen das gesamte Regelwerk für die Faktenprüfung von den MDR-Factcheckern über Bord geworfen? Sollten da doch ideologische Gründe dahinter stecken? Erheblich fragwürdig wird deren Vorgehensweise nämlich erstaunlicherweise beim Verfertigen der schriftlichen Faktenbasis bei Aussagen Ulrich Siegmunds. So bei der Aussage: „Sie haben unzählige Klimamaßnahmen auch in dieser Landesregierung mitgetragen, die sich mit dem Weltklima in 500 Jahren beschäftigen.“
Die „Einschätzung“ des MDR: „Siegmunds Aussage, die CDU habe unzählige Klimamaßnahmen mitgetragen, ist verkürzt. Sie hat zahlreiche Klimaschutzmaßnahmen angestoßen, die auch kurzfristige Auswirkungen haben. Andere Maßnahmen lehnt sie aber ab.“ Hier wird Siegmunds Bewertung derjenigen des MDR entgegengesetzt – ein typischer Meinungscheck also.
Sehr breit diskutieren die MDR-Factchecker dann auch in ihrem Papier die Frage, ob der AfD-Bundestagsabgeordnete Torben Braga der AfD in Sachsen-Anhalt die Fähigkeit abspricht, Führungspositionen nach einer Regierungsübernahme besetzen zu können. Die Regeln der Faktenprüfung sind in einem solchen Fall ganz einfach: Man fragt den Urheber der streitgegenständlichen Äußerung direkt, wie er seine Aussage denn gemeint habe. Das haben die Meinungschecker beim MDR aber nicht hinbekommen.
Extrem auffällig ist der Umgang mit Aussagen des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven Schulze. „Wenn wir mal ins Jahr 1995 zurückschauen, da hatten wir fast doppelt so viele Straftaten hier in Sachsen-Anhalt und die Aufklärungsquote war fast halb so hoch wie heute“, sagt der Landesvater.
Und der MDR verkündet: „Über das Wort ‚fast‘ lässt sich sowohl bei der Anzahl der Straftaten als auch bei der Aufklärungsquote streiten. Fakt ist aber: Die erfassten Straftaten sind seit 1995 deutlich zurückgegangen, während weitaus mehr Fälle inzwischen aufgeklärt werden.“
Die Prüf-Deserteure vom Mitteldeutschen
Dabei wissen die MDR-Kollegen eigentlich, wie es geht, so nach den Regeln der Faktenprüfung. Denn in der zur redaktionellen Einschätzung hinleitenden „MDR Faktenbasis“ stellen sie fest: „Da die Einwohnerzahl in Sachsen-Anhalt im genannten Zeitraum von rund 2,7 Millionen (1995) auf rund 2,1 Millionen (2025) gesunken ist, bildet die Häufigkeitszahl je 100.000 Einwohnern das genauere Bild.“ Demzufolge ist die Zahl der Straftaten von 11.585 pro 100.000 Einwohner im Jahr 1995 auf 8090 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2025 gesunken. Die Aussage des Ministerpräsidenten, die Zahl sei 1995 „fast doppelt so hoch“ gewesen, lässt sich so nicht halten.
Ähnlich auch bei der landesväterlichen Aussage: „Wir verlieren im Moment zwei Menschen aus dem Arbeitsmarkt und einer kommt nur nach.“ Der MDR beurteilt diese so: „Die Berechnung, dass derzeit auf zwei Menschen, die in den Ruhestand gehen, nur ein Erwerbstätiger nachkommt, stimmt grob.“ Nur wie grob, teilen die Checker vom Dienst nicht mit. Denn in ihrem Faktenteil davor geben sie korrekt die Zahlen des Demografie-Portals wieder, demzufolge derzeit der Anteil der 20- bis 64-Jährigen bei 63 Prozent liegt. Das wäre also schon ziemlich grob.
Die in zwei Schalten und einer schriftlichen Ausarbeitung vorgelegten Faktenchecks des MDR zeigen also eine deutliche Sympathie-Schlagseite zugunsten der Regierungsparteien im Lande Sachsen-Anhalt. Nur wenige Faktenchecks sind korrekt nach den Regeln der Faktenprüfung durchgeführt.
Einige öffentlich durchaus intensiver diskutierte Aussagen, wie die der Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz zum Oktoberfest, werden bei der Prüfung außen vor gelassen. Aus welchen Gründen, fragt sich da der evidenzbasierte Faktenprüfer.
Da immer mal wieder auf die korrekten Prüf-Zusammenhänge im hinleitenden Teil der schriftlichen Ausarbeitung hingewiesen wird, können wir davon ausgehen, dass die MDR-Faktenchecker die Rechercheregeln für eine Faktenprüfung prinzipiell kennen. Warum sie sie dann nicht anwenden, sondern im Gegenteil in den hier aufgezeigten Fällen massiv dagegen verstoßen, müssen sie sich fragen lassen. UAwg.
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