VON MATHIAS BRODKORB am 3. September 2026 5 min
Die Russen waren es also. Sie sollen für einen versuchten Sprengstoffanschlag auf dem Leipziger Flughafen verantwortlich sein. Als Belege für diese Behauptung führte Innenminister Dobrindt (CSU) vor zwei Tagen ins Feld: Einzelne Bauteile des Sprengsatzes seien aus anderen Zusammenhängen bekannt, zum Beispiel in der Ukraine.
Zudem sei eine hohe technische Professionalität feststellbar. Man vermute den Einsatz von Low-level-Agenten. Der Bundesinnenminister wortwörtlich: „Die Gesamtbetrachtung fügt sich in das bekannte Muster russischer hybrider Operationen in Europa ein.“ Das wisse man auch aus „nachrichtendienstlichen Erkenntnissen“.
Dennoch hat die Bundesregierung Sanktionen ausgesprochen: Das russische Konsulat in Bonn soll ebenso geschlossen werden wie das Russische Haus in Berlin. Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter geht das nicht weit genug, während Russland sich empört zeigt. Präsident Putin sprach von einer „Eskalation“ und einem „schweren Fehler“ der deutschen Regierung. Und von fehlenden Beweisen. Unterdessen hat Russlands Außenminister Lawrow Konsequenzen angekündigt: die Schließung der deutschen Goethe-Institute in Russland als Gegenschlag.
Für die Sprengung von Nord Stream 2 wurde ebenfalls Russland verantwortlich gemacht Wenn Sie mich fragen: Ich habe bei der ganzen Angelegenheit ein ungutes Gefühl. Aus Prinzip. Ich habe einfach zu viele geheime Dokumente deutscher Nachrichtendienste gelesen, um als Journalist deren „Erkenntnissen“ ungeprüft vertrauen zu können. Zu oft habe ich bei dürftiger Faktenlage manische und an den Haaren herbeigezogene Schlussfolgerungen gelesen, weil das Ergebnis offenbar schon immer vor der Analyse feststehen sollte. Viele Vorgänge erinnerten mich immer wieder an den großartigen Film „Burn After Reading“ der Coen-Brüder. Ich rate Ihnen dringend dazu, ihn sich anzusehen.
Ich habe im Fall Russland außerdem gute Gründe für meine Skepsis. Es geht um die Sprengung von Nord Stream 2. Erinnern sie sich noch daran, dass vor ein paar Jahren auch völlig erwiesen sein sollte, dass der Russe dahintersteckt?
Da wäre zum Beispiel Johannes Peters. Er arbeitet als Wissenschaftler am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK). Für ihn war damals ebenfalls ohne eindeutige Beweise klar: „Wenn man sich die staatlichen Akteure im Ostseeraum ansieht, fällt einem nur einer ein, der sowohl Interesse als auch Möglichkeiten hat, die Pipelines zu zerstören, und das ist Russland.“ In dasselbe Horn stieß ausgerechnet der ehemalige Chef des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler: „Hierfür kommt eigentlich nur Russland in Betracht, zumal es von diesem Sabotageakt die meisten Vorteile hat.“ Welche genau, blieb unklar.
In der Politik wurde ebenso eifrig spekuliert, alles passte einfach ins gewünschte Bild. Vorne mit dabei: wieder der Bundestagsabgeordnete und Sicherheitsexperte Roderich Kiesewetter (CDU): „Russland war an diesem Anschlag beteiligt.“ Und viele Medien machten mit.
Ich beschränke mich stellvertretend auf eine eher löbliche Ausnahme. Es war der Spiegel. Auch er verbreitete zwar die Nachricht, Russland könnte hinter den Anschlägen stecken, bezeichnete dies allerdings ausdrücklich als „Spekulationen“. Das war eine redaktionell kluge Entscheidung. Monate später deckte dasselbe Magazin auf, dass der Anschlag auf das Konto von Ukrainern ging, angeblich unter Beteiligung von Mitarbeitern ukrainischer Sicherheitsbehörden.
Die Regierung täte gut daran, die „nachrichtendienstlichen Erkenntnisse“ offenzulegen
Welches Interesse hätte Russland auch gehabt haben sollen, eine Leitung zu zerstören, über die es irgendwann vielleicht wieder Geld mit Deutschland und Europa verdienen könnte? Deutschland hatte sich in eine Hysterie hineingeredet. Aus Indizien wurden durch politisch interessierte Rahmungen angeblich erwiesene Tatsachen. Die Wahrheit stirbt in Kriegen zuerst.
nteresse an der Zerstörung der Pipeline hatten von Anfang an eher die Ukraine und die USA. Die Amerikaner, um die Energieabhängigkeit Europas von Russland in eine mit den USA zu verwandeln und dabei viel Geld zu verdienen. Und die Ukraine, um Deutschland und Europa noch stärker von Russland zu lösen und die Spannungen zwischen beiden Seiten zu erhöhen. Auf diese Weise hätte die Ukraine darauf hoffen können, dass ihr Europa nicht mehr von der Seite weicht. Diese Hoffnung ging auf.
Gut möglich also, dass es sich beim versuchten Drohnenanschlag auf den Leipziger Flughafen ganz ähnlich verhält, also anders als behauptet. Die bisher vorgelegten Beweise tragen jedenfalls nicht die Schlussfolgerung, Russland stecke eindeutig hinter dem Anschlag. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Zuzutrauen wäre Putin ein solches Vorgehen, und ich traue ihm selbstverständlich noch weniger als deutschen Nachrichtendiensten. Aber wer einmal von einer Schlange gebissen wurde, fasst keinen Gartenschlauch mehr an.
Deutschlands Regierung täte daher gut daran, die ominösen „nachrichtendienstlichen Erkenntnisse“ offenzulegen, die die derzeitige Eskalation der Lage als gerechtfertigt erscheinen lassen sollen und auf die sie sich beruft, um bloße Indizien in einen echten Beweis zu verwandeln. Sollten die „nachrichtendienstlichen Erkenntnisse“ aber selbst wiederum bloß „Indizien“ nach der Logik der Coen-Brüder sein, ist Deutschland möglicherweise eine regelrechte außenpolitische Torheit unterlaufen.
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