30 September 2026

Dieses erdrückende Gefühl der Unfreiheit: wenn sich Menschen nicht mehr getrauen, ihre Meinung zu sagen (NZZ)

Dieses erdrückende Gefühl der Unfreiheit: wenn sich Menschen nicht mehr getrauen, ihre Meinung zu sagen (NZZ)

Die Angst, eine abweichende Haltung offen zu vertreten, ist weit verbreitet. Damit dürfe man sich nicht abfinden, schreibt der Schriftsteller Jürg Halter.
Jürg Halter, 
Dieses Gefühl, das in einem hochkommt, nachdem man einen Gedanken für sich behalten hat, den man hätte aussprechen wollen, weil man mit einem Mal unsicher wird, wie er aufgenommen werden könnte.
Man schluckt leer. Weshalb sprechen in der Runde, die sich selbst doch als divers, reflektiert und kritisch versteht, alle wie aus einem Munde? Hier bestätigen sich alle fortwährend gegenseitig mit denselben Begriffen. Meinungsfreiheit wird hier offenkundig – und wohl uneingestanden – als Widerspruchsfreiheit zelebriert. So wähnt man sich beinahe in einer Glaubensgemeinschaft, deren Führung eine bestimmte Sprache vorgeschrieben hat, in der nach bestimmten Regeln zu kommunizieren sei.
Man wirft sich für das eigene Den-Mund-Halten, den eigenen stillschweigenden Opportunismus nun selbst Feigheit, ja Rückgratlosigkeit vor. In dieser Runde hat einen doch niemand explizit eingeschüchtert. Doch man weiss: Unter dem Applaus aus der eigenen Bubble einem politischen Gegner gegenüber Haltung zu demonstrieren, ist halt viel einfacher – oft gar gratismutig –, als Rückgrat gegenüber Wahrnehmungslücken und Unwahrheiten in der eigenen Bubble zu zeigen.
Wo aber die Angst, frei zu sprechen, zunimmt, bröckelt das, was eine demokratische, liberale Gesellschaft im Innersten zusammenhält: das Einverständnis darüber, dass eine Demokratie von Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit lebt und dass diese einander nur wechselwirkend am Leben erhalten.
Wer die eigene Position stets als die einzige richtige und vernünftige versteht und demnach alle, die diese Position nicht vertreten, offen oder implizit als Feinde der Demokratie bezeichnet und jegliche noch so sachliche Kritik am eigenen Weltbild von der angeblich falschen Seite als Hass und Hetze verleugnet; wer aus ideologischen Gründen gewisse Perspektiven auf Fakten und deren für einen nicht genehme Deutung als per se unzulässig ablehnt, schürt so mittelbar selbst Hass und Hetze.
Man räuspert sich und macht sich nun über die eigene Perspektivenprägung und die eigenen blinden Flecken Gedanken.
Pervertierte Begriffe
Der Mensch lernt aus der Geschichte, um das Gelernte wieder zu vergessen. So nehmen die Entgrenzung und Pervertierung von Begriffen und was daraus folgt heute wieder zu: Wenn rechte, linke und religiöse Populistinnen und Populisten, ihren starren Narrativen entsprechend, je nach Gusto, zum Beispiel Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern erklären, wenn einerseits religiöser Fundamentalismus im Namen der Religionsfreiheit verteidigt und andererseits vom Gesetz geschützte religiöse Praktiken zu religiösem Fundamentalismus erklärt werden, wenn Kritik an radikalen Christen einerseits als unerlässlich, doch Kritik am Islamismus andererseits als «islamophob» diskreditiert wird, wenn notwendige Massnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel als Angriff auf die Wirtschaft und die notwendige demokratische Legitimation solcher Massnahmen als Augenwischerei beschrieben wird, wenn biologisches Geschlecht und sexuelle Identität willentlich vermischt werden, wenn aktivistische Hochstapler zu wissenschaftlichen Instanzen und verdiente Wissenschafterinnen zu Hochstaplerinnen erklärt werden, zeigt sich der sprachliche Irrsinn allgegenwärtig. Und je mehr Begriffe entgrenzt und pervertiert werden, desto weniger sind vernünftige, sachliche und respektvolle Gespräche unter Nichtgleichdenkenden noch möglich.

Wenn Moral, Moralismus und Doppelmoral nicht mehr unterschieden oder gar verwechselt werden, wenn Zitate ohne Kontext gegen politische Gegnerinnen und Gegner eingesetzt werden, wenn es nicht mehr primär um die Aussagen selbst geht, sondern um den Absender derselben, wenn Ideologie über Nüchternheit siegt, wenn nicht mehr zwischen links und linksextrem, zwischen liberal und libertär, zwischen konservativ, rechts und rechtsextrem unterschieden wird, wenn Linke als Linksextreme und Rechte und Konservative als Rechtsextreme verflucht werden und sich Links- und Rechtsextreme gegenseitig als «Faschos» beschimpfen, wird Satire schreiend real.

Terrororganisationen werden zu Freiheitsbewegungen

Wo der Kommunismus geschichtsvergessen als demokratische Alternative zum Kapitalismus verharmlost wird und regulierende Leitplanken gegen den eskalierenden Kapitalismus als Planwirtschaft verschrien werden, wo Erben als Leistung und eine vernünftige Erbschaftssteuer als Enteignung verstanden wird, wo man sich einerseits für einen souveränen Staat ausspricht, aber gleichzeitig erhöhte Verteidigungsausgaben als Kriegstreiberei verunglimpft, wo die staatliche Kulturförderung die Freiheit der Kunst preist, aber dann vor allem Projekte unterstützt, die den Förderstellen ideologisch genehm sind, wo Bildung und Intelligenz verwechselt werden, wo aktivistische Stimmen selbstgerecht behaupten, für eine Mehr- oder Minderheit zu sprechen, als wären diese jeweils homogen denkend, wo das Recht auf Asyl zum Recht auf Migration umgedeutet wird und wo vermeintliche Patrioten Mitbürger mit Migrationshintergrund remigrieren wollen, droht der gesunde Menschenverstand auszusterben.
Wo Terrororganisationen zu Freiheitsbewegungen und zivilgesellschaftlicher Widerstand zum Terrorismus erklärt wird, wo vermeintlich antirassistische Progressive Parolen zur Auslöschung eines Landes und einer Minderheit brüllen, wo ein Land mit anderen moralischen Massstäben als alle anderen Länder der Welt kritisiert bis dämonisiert wird, wo Lügen als Fakten und Fakten als Lügen präsentiert werden, wo Teilfakten so präsentiert werden, als bildeten sie die objektive Wahrheit ab, wo Mainstreammedien in Demokratien als systematisch gelenkt und aus Diktaturen finanzierte Medien als unabhängig bezeichnet werden, wo hassgetriebenes Parolen-Rumgeschreie als Haltung gepriesen wird, wo die Demokratie als Gefährdung der eigenen Identität gesehen wird, wo Rechte und Pflichten nicht mehr als einander bedingend verstanden werden, wo Freiheit und Sicherheit gegeneinander ausgespielt werden und wo Meinungseinseitigkeit als Diversität verkauft wird, da zerfällt das gesellschaftliche Gefüge mehr und mehr. Sozusagen Wort für Wort, Satz für Satz.

Und alle, die sich als keiner bestimmten ideologischen Blase zugehörig verstehen, fühlen sich sprachlich wie politisch zunehmend heimatlos. Und geraten gerade deswegen von verschiedenen Seiten zunehmend unter Druck, weil sie sich nicht fraglos zu einer bekennen. Als wäre der Individualismus an sich eine unverschämte Provokation.

Die wachsende, allseitige identitär-verblödete Denk- und also Differenzierungsfaulheit, diese abermals grassierende Entgrenzung, Pervertierung, Verarmung und Verrohung der Sprache, verschlägt einem die eigene. Da hilft kein leeres Schlucken mehr.

Faschistoide gibt es auf allen Seiten

Während sich dieses erdrückende Gefühl von Unfreiheit in einem ausbreitet, kommt einem unvermittelt das Wort «faschistoid» in den Sinn. Man sitzt erschöpft da und stellt sich nun doch vor, wie befreiend es wäre, Teil einer Runde zu sein, in der verschiedene Ansichten angehört, in der konstruktiv kritisiert wird, mit präziser Sprache, aus unterschiedlichen Perspektiven, über komplexe Probleme gesprochen wird, die eigenen blinden Flecken offen thematisiert werden, eine Runde, in der niemand Angst hätte, frei zu sprechen, und in der nicht zuletzt auch über sich selbst wie über andere gelacht würde. Eine Runde aber, in der man sich gleichwohl auf humane Grundsätze und auf Fakten, auch wenn man diese unterschiedlich interpretiert und lebt, einigen kann. Ja, das ist ein Ideal, doch eines, an dem sich zu orientieren nicht das Dümmste ist, meine ich. Und klar, eine solche Runde würde jegliche Extremisten zwangsläufig ausschliessen oder diese vielmehr sich selbst, weil Toleranz und Respekt Andersdenkenden gegenüber mit keinem Extremismus zu vereinen sind.

Ein ausreichend mündiger, aufgeklärter und empathischer Mensch ist also nicht bloss ein Antifaschist, sondern ein – Achtung, neues Wort – Antifaschistoid. Zur Erinnerung: «Faschistoid» bedeutet «faschistische Züge tragend»: etwas, das fundamentalistische Bewegungen jeglicher Couleur gemein haben. Dies mag nun für manche spitzfindig klingen, aber in wieder allseits stärker aufgeheizten Zeiten, in denen sich die verschiedenen toxischen Populismen gegenseitig befeuern – zulasten von allen zwischen den Fronten –, da brauchen wir nicht zuletzt standhafte und vielleicht auch neue Begriffe, um dieser vielseitigen Entmenschlichung mittels Sprache multipel mutig entgegenzuwirken. Denn eine liberale Demokratie verteidigt sich nun einmal nicht von allein und niemals bloss an einer Front. Ein vernünftiger, nicht blauäugiger Humanismus ist dringend geboten. Das Ringen um eine wahrhaftige und wehrhafte Vielstimmigkeit geht weiter. Hoffentlich!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen