Am Mittwoch will das Kabinett Merz die Einkommensteuerreform von Finanzminister Lars Klingbeil verabschieden, die in Summe keine Entlastung, sondern eine Belastung für die Wirtschaft bringt. Das wird der nächste Wortbruch des Kanzlers, weshalb Katherina Reiche aufbegehrte – in Form eines Schreibens ihres Staatssekretärs Thomas Steffen:
„Zusätzliche Belastungen, insbesondere im Rahmen der direkten Besteuerung, sind abzulehnen.“
Denn geradezu planmäßig verschlechtert die Regierung hier die Angebotsbedingungen für die Wirtschaft:
#1: Die kalte Enteignung der Steuerzahler
Wer im kommenden Jahr ein mittleres Einkommen von 40.000 oder 50.000 Euro verdient und eine Gehaltserhöhung bekommt, die sich auf dem Niveau der Inflation bewegt, hat am Ende weniger als vorher. Im Klartext: Er zahlt drauf.
Der Grund: Das deutsche Steuerrecht verläuft progressiv, das heißt, ein zusätzlich verdienter Euro wird mit einem höheren Tarif besteuert. Steigen Gehalt und Inflation um je drei Prozent, sinkt die Kaufkraft, weil der Zusatzverdienst höher besteuert wird.
Seit 2015 hat es jede Bundesregierung geschafft, die kalte Progression noch im gleichen Jahr auszugleichen. 2027 wird das – erstmals – nicht der Fall sein, und zwar obwohl die Union sich dies ins Wahlprogramm geschrieben hatte. Katherina Reiche hat den Trick bemerkt. Ihr Staatssekretär weist im Schreiben an das BMF darauf hin:
„Die aktuelle Bundesregierung wäre die erste Bundesregierung seit 2015, die keinen vollständigen Abbau der kalten Progression gesetzlich veranlasst. Ergebnis ist eine inflationsbedingte heimliche Steuererhöhung.“
Expertin fordert automatischen Ausgleich
Auch die Wissenschaft stärkt ihr den Rücken. Professor Johanna Hey, Direktorin des Instituts für Steuerrecht der Universität zu Köln und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium, stimmt ihr in ihrer Analyse zu:
„Wir sprechen da über eine Einkommensteuerreform, aber das ist eigentlich keine.“
Für die Zukunft fordert die Steuerexpertin im Gleichklang mit der Wirtschaftsministerin „einen automatischen Mechanismus zum Ausgleich der Inflation“, einen sogenannten „Tarif auf Rädern“.
#2: Die Benachteiligung der kleinen Firmeneigentümer
Viel ist immer eine Frage der Relation. Das gilt auch für das Einkommen. 250.000 Euro pro Jahr mögen viel klingen. Ab dieser Grenze greift künftig die Reichensteuer. Aber Unternehmer finanzieren mit ihren Gewinnen nicht nur die private Eigentumswohnung, sondern auch Investitionen in die Zukunft.
Die Einkommensteuerreform trifft damit auch Personengesellschaften. Theoretisch könnten sie in die Körperschaftsteuer wechseln. De facto tun es dieses Jahr laut Finanzministerium nur 360 von ihnen – das sind nicht mal 0,1 Prozent der existierenden Personengesellschaften.
Die Folge: Die Erhöhung der Spitzensteuer geht auf Kosten der Investitionen in Deutschland. Ein Mitglied der Unionsfraktion sagt: „Steuerpolitik ist auch Standortpolitik.“
#3: Die kommunikative Mogelpackung
Klingbeil und Merz haben vereinbart: Die Bundesregierung senkt die Steuer für kleinere und mittlere Einkommen. So steht es im Koalitionsvertrag. Das inzwischen angestrebte Entlastungsvolumen beträgt rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Die Wahrheit sieht anders aus.
2027 entlastet die Regierung die Bürger bei der Einkommensteuer nur um drei Milliarden Euro, 2028 dann um weitere sieben Milliarden Euro. Aber wo Entlastung draufsteht, ist Belastung drin. Der Grund: Eigentlich wären acht Milliarden Euro pro Jahr nötig, um die kalte Progression abzufedern.
Klingbeil trickst mit dem Kindergeld
Die zweite Nebelkerze: Um die Reform zu feiern, stellt das Finanzministerium eine mittlere Einkommensfamilie mit zwei Kindern ins Schaufenster, die „über 600 Euro mehr im Jahr“ zur Verfügung haben wird.
Aber: Die Hälfte des behaupteten Finanzvorteils hat mit dem Steuertarif nichts zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kindergeld, das bis 2028 um 13 Euro pro Monat steigt. Allein daraus ergeben sich 312 Euro Entlastung für das Familienbudget.
Zu dieser Reform wäre Klingbeil ohnehin gezwungen, wenn im Herbst der wissenschaftliche Existenzminimumbericht und der Progressionsbericht vorgelegt werden – die Grundlage für Steueranpassungen. Klingbeil nimmt also vorweg, was er ohnehin hätte tun müssen. Und er addiert das Kindergeld zur Steuerentlastung, um überhaupt eine vorzeigbare Zahl ausweisen zu können.
Merz erinnert mehr an Trickbetrüger als an Reformkanzler
Fazit: Merz wollte Reformkanzler werden und weist jetzt alle Züge eines Trickbetrügers auf – enttarnt von der eigenen Wirtschaftsministerin. Das erste begründet, das zweite verstärkt das Grummeln innerhalb der Union. Die Unzufriedenen können sich auf den französischen Philosophen Albert Camus berufen:
„Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“

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