Business Class Edition
Merz und Medien
Medien als Merz-Retter: Ein Missverständnis
"Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten."
"Es gibt Meinungen und es gibt Fakten."
"Da sehnt man sich fast zurück nach den Zeiten des Kanzlerwahlvereins. Ein bisschen Stabilität, bitte."
Auch Robin Alexander, einst Vize der Welt, jetzt freischaffend, drückt – inspiriert durch Hoffmann, wie er bereitwillig zugab – ebenfalls den Alarmknopf: „Die Fliehkräfte nehmen weiter zu.“
Dieser demokratischen Weltuntergangsstimmung muss widersprochen werden, da sie zur Distanzlosigkeit gegenüber der Regierung und am Ende zu dem führt, was der kluge Kopf der Zeit, Bernd Ulrich, „das journalistisch betreute Regieren“ nennt.
Niemand
ist berechtigt, die eisernen Grundregeln des Journalismus zu
suspendieren – nur weil die AfD in Sachsen-Anhalt vor der Union liegt.
Und wer es dennoch tut, ist Aktivist und nicht länger Journalist.
Er sollte sich dann allerdings auch im Lobbyregister als NGO eintragen.
Die Demokratie in Deutschland ist nicht in Gefahr. Sie ist in Gebrauch.
Das ist nicht dasselbe.
Zurück zu den Fakten:
57 • 90 • 63 • 46 • 37 • 34
Das waren die Popularitätswerte von Präsident George W. Bush laut den Gallup-Umfragen der Jahre 2001 (Amtsantritt), 2001 (September), 2003, 2005, 2007 und 2009.
Warum das wichtig ist:
Diese sechs Zahlen erzählen die Geschichte eines Republikaners, der
nach den Anschlägen von 9/11 das Land auf sich vereinte und mit dem
falschen Krieg (Irak-Feldzug) und seinen erfundenen Kriegsgründen
(Massenvernichtungswaffen) diesen Rückhalt wieder verlor. Tragisch, aber wahr.
60 • 77 • 41 • 46 • 74 • 68
Dies ist die vergleichbare Zahlenreihe von Angela Merkel,
beginnend mit dem ersten Amtsjahr über die Jahre 2005, 2007, 2010,
2015, 2020 bis zum letzten ARD-Deutschlandtrend ihrer Amtszeit im
Oktober 2021. Gefragt wurde nach der Zufriedenheit mit der politischen
Arbeit der Bundeskanzlerin. Sie hat die Flughöhe nicht nur gehalten,
sondern ausgebaut, trotz Eurorettung, Flüchtlingskrise und Corona.
Womit wir bei Friedrich Merz wären:
30 • 42 • 27 • 21 • 16 • 13
Das sind die Popularitätswerte von Friedrich Merz, gemessen ebenfalls vom ARD-Deutschlandtrend, aus dem März, Juli, Oktober 2025 sowie dem April, Mai und Juli 2026. Gleiche Frage wie bei Merkel, andere Antworten. Diese Zahlenreihe erzählt die Geschichte eines Kanzlers, der nie sonderlich beliebt war, bevor er richtig unbeliebt wurde.
Man könnte auch sagen: Schwach gestartet und dann stark nachgelassen.
Die unbequeme Wahrheit dieser Zahlen lautet: Die Union hat in der Not des Jahres 2024 – nachdem die Ampel-Koalition vorzeitig zerbrach – den falschen Mann nach vorne gestellt.
Wobei auch hier die Nahaufnahme lohnt: Ohne dass es den 9/11-Moment der nationalen Einheit für Merz je gegeben hätte, hat es sehr wohl den Irak-Moment gegeben, nämlich den Verfall seiner Popularitätswerte, der schon unmittelbar vor Amtsantritt einsetzte, ausgelöst durch das Freischalten einer 500-Milliarden-Euro-Zusatzverschuldung.
Der Experte für klare Kante und ökonomischen Sachverstand betrat plötzlich als Mann in Spendierhosen die Bühne. Er verbündete sich, um diese Kreditsumme loseisen zu können, mit Grünen und Linkspartei. Das Ganze war verstörend und für seine Anhänger kein schöner Anblick.
Wäre Merz nicht Kanzler, sondern eine Firma, würde man sagen, seine politische Eigenkapitalbasis ist seither weitgehend aufgebraucht. Er lebt heute vorwiegend von Fremdkapital.
Insbesondere drei Gruppen von Gläubigern sind bei
ihm investiert. Da sind zum einen die ehemaligen Sozialdemokraten, die
den weiteren Sozialstaatsausbau mit der daraus folgenden Verteuerung des
Faktors Arbeit ablehnen. Sobald ein neuer Gerhard Schröder auftauchen würde, wären sie weg.
Dann sind da die ehemaligen FDP-Anhänger, denen die Partei ihrer Sehnsüchte abhanden kam. Die Sprengung der Ampelkoalition bleibt für sie ein Stück unverstandene Geschichte. Aus den Kratern wächst bisher kein Neuanfang.
Die wichtigsten politischen Kapitalgeber von Friedrich Merz sind nunmehr jene bürgerlichen Wähler, deren Abneigung gegen die AfD größer ist als die Abneigung gegen ihn. In Summe reicht das aber nur für einen Bruchteil der Zustimmungswerte, die Angela Merkel im Durchschnitt ihrer sechzehn Jahre erzielte.
Und so bleibt die Frage aller Fragen bisher unbeantwortet: Was passiert eigentlich, wenn die AfD das engstirnig Nationale und das völkisch Unappetitliche abstreift und ihre Politik nicht rechts vom Rand, sondern rechts der Mitte konzipiert? Wenn sie sich nicht an Höcke und Trump orientiert, sondern an Strauß und Reagan?
Merz kann, jetzt, wo er im Amt ist, mit den niedrigen Zustimmungswerten leben. Aber kann seine Partei es auch?
Diese Frage muss – da bin ich mit Christiane Hoffmann einig – nicht im täglichen Getöse von Abgeordneten und Präsidiumsmitgliedern beantwortet werden. Aber sie muss, zumal nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin und rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2029 beantwortet werden. Und im besten Fall nicht von der AfD, sondern von der CDU selbst.
Fazit: Wer den Christdemokraten in dieser Lage ein Schlaflied singen will, ist ein schlechter Journalist und auch kein guter Demokrat. Deutschlands große Volkspartei der Mitte braucht jetzt keine journalistische Klangschalen-Therapie, sondern erhöhte Wachsamkeit und eine Extraportion Tapferkeit. Die Wahrheit liegt nicht in den Meinungen. Sie liegt in den Fakten:
30 • 42 • 27 • 21 • 16 • 13

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