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Was hat der AfD-Spitzenkandidat verbrochen, um als Staatsfeind Nummer 1 zu gelten? Nun, er hat – die Reportage fängt mit dem schlimmsten Delikt an – am „heißesten Tag des Jahres“ bei einer Moped-Ausfahrt in Raguhn-Jeßnitz einen Witz über die Erderwärmung gemacht: „Ist das nicht ein tolles Wetter! Endlich ist der Sommer zurück, endlich ist er da, der Klimawandel.“ Der Verstoß gegen die politische Korrektheit wirkt besonders schwer, denn „später“ wird am selben Tag „eine Person am Straßenrand kollabieren“ und zwar „wahrscheinlich wegen der Hitze“ und „also vielleicht auch wegen des Klimawandels, über den Siegmund spottet“.
Wahrscheinlich wegen der Hitze, also vielleicht auch wegen des Klimawandels! Die Beweisführung der drei Top-Investigativjournalisten ist bewundernswert lückenlos – und läuft darauf hinaus, Siegmund zum Schuldigen am Schwächeanfall der „Person“ zu erklären. Reporterpech, dass es keine echten „Hitzetoten“ gab, sonst hätte die Anklage garantiert auf Mord gelautet. Trotzdem sind die Schreiber so stolz, Siegmund beim Klimaleugnen ertappt zu haben, dass sie dieses Kapitalverbrechen als Schlusspunkt ihrer Geschichte wieder aufgreifen: „Auch den Klimawandel kann man verspotten, am heißesten Tag des Jahres. Aber das hat dann Folgen: Am Tag nach der Simson-Ausfahrt, so ging es anschließend durch den Landesverband, sollen einige ziemlich angeschlagen gewesen sein. Zu viel Sonne abbekommen.“
Fassen wir, nur etwas verkürzt, zusammen: Ulrich Siegmund ist unter
anderem deshalb der gefährlichste Mann Deutschlands, weil er einen Witz
über den Klimawandel gemacht hat – und danach einige Leute „ziemlich
angeschlagen“ gewesen sein „sollen“. So ungefähr verläuft das
„Storytelling“ dieses Artikels, der auch stilistisch vom ersten bis zum
letzten Satz wie eine Produktion aus der Zurechtbiegungswerkstatt von
Claas Relotius klingt. Was dazwischen gesagt wird, ist
schaumstoffartiges Füllmaterial. So handelt es sich bei den schlimmsten
Taten, die Siegmund vorgeworfen werden, um Mutmaßungen anonym zitierter
Quellen: „Wenn er morgen die erste Strophe des Deutschlandlieds singen
müsste, um Bundeskanzler zu werden, dann würde er es tun“, spekuliert
etwa einer der namenloser Stichwortgeber.
Ulrich Siegmund würde nach Meinung von irgendwem, mit dem ein „Spiegel“-Reporter geredet hat, unter völlig hypothetischen Bedingungen die erste Strophe des Deutschlandlieds singen? Ein knallhart recherchierter Skandal! Genau wie Siegmunds Verhalten in der Corona-Pandemie: Damals, so zitiert der „Spiegel“ einen Bekannten, habe sich „etwas verändert“, und das wird dann auch ausgeführt: „Plötzlich redete er abstruses Zeug. Er wirkte wie ausgewechselt.“
Aber was genau soll Siegmund nun über die Pandemie gesagt haben? Offenbar hatte der rasende Reporter keine Zeit mehr, diese simple Nachfrage zu stellen, denn jedes Beispiel fehlt. Oder wurde die Konkretion weggelassen, um einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen? Vielleicht brachte Siegmund ja legitime Kritikpunkte an der in vieler Hinsicht fatalen Restriktionspolitik vor, die der „Spiegel“ damals mit ideologischer Verbissenheit verteidigte – wobei das Magazin oft genug selbst abstruse Theorien verbreitete, etwa über die Gefährlichkeit von Schulkindern.
Gerüchte und Nicht-Nachrichten
Außer solchen halbgaren Gerüchten und Nicht-Nachrichten, für die ein „Spiegel“-Chefredakteur alter Schule seine Reporter hochkant aus dem Büro geworfen hätte, liefert der Artikel wenig. Deshalb werden selbst positive Beobachtungen, die jeder Laie machen kann – Siegmund lächelt, er ist professionell und hat einen Draht zu den einfachen Leuten – so protokolliert, als machten sie die Hauptfigur verdächtig: „Siegmund hat ein enormes Namensgedächtnis. Das ist wohl eines seiner größten politischen Talente: Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie sieht.“ Da behandelt jemand die Bürger also so, dass sie sich ernstgenommen fühlen? In einer Republik, in der Politiker systematisch das Gegenteil tun, ist das offenbar eine hochgefährliche Fähigkeit.
Und was ist mit dem „rechtsextremen Netzwerk“ hinter dem Kandidaten, vor
dem die Unterzeile der Titelgeschichte warnt? Nun, es besteht laut
„Spiegel“ aus wenigen Weggefährten, die vor Jahrzehnten in der
rechtsextremen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ aktiv waren. Nun
engagierten sich etliche Bundesminister der letzten Jahrzehnte – von den
Grünen Joschka Fischer und Jürgen Trittin bis zur Sozialdemokratin Ulla
Schmidt – in jungen Jahren in linksextremen Gruppen. Sogar Olaf Scholz
hat als Stamokap-Kommunist angefangen. Sie alle haben sich im Lauf ihrer
Biografie gewandelt.
Belege dafür, dass Siegmunds Umfeld heute noch rechtsextremistische
Ziele verfolgt, bleibt der „Spiegel“ allerdings schuldig. Den fehlenden
Link soll offenbar der Umstand ersetzen, dass die völkische
„Artgemeinschaft“ unlängst ein Treffen „in einem 100-Seelen-Dorf in der
Altmark“ veranstaltet hat: „Der Hof liegt rund 50 Kilometer von Ulrich
Siegmunds Wohnort entfernt. Die Feier findet am Gelände eines Kandidaten
statt, der für Siegmunds AfD bei der Landtagswahl antritt.“ Aha, nur 50
Kilometer entfernt von Siegmunds Wohnort, und dann noch „am“, also
ausdrücklich nicht auf dem Gelände eines AfD-Kandidaten? Allein schon
diese suggestive Topografie, die argumentative Leerstellen überspielt,
erinnert an das berüchtigte Potsdamer „Geheimtreffen“, das laut „Correctiv“ nur „knapp acht Kilometer entfernt“ vom Haus der Wannseekonferenz stattfand.
Was hätten gute Reporter, die in Sachsen-Anhalt gründlich und vorurteilsfrei recherchiert hätten, nicht alles herausfinden können! Über die politischen Probleme, welche die Wähler beschäftigen, und über die Lösungen, die Ulrich Siegmund – offenbar sehr erfolgreich – anbietet. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit in der Provinz und die Frage, wie sie von den Prioritäten der Hauptstadtpolitik abweicht. Über AfD-Leute, die nicht dem „Spiegel“-Klischee der „Ewiggestrigen“ entsprechen. Und vielleicht auch über wirklich gefährliche Extremisten in der Partei oder unter ihren Anhängern – unwahrscheinlich, dass sie in der sprunghaft wachsenden Protestbewegung, die eine immer größere Repräsentationslücke schließt, nicht existieren.
Aber das, was der „Spiegel“ mit seiner Ulrich-Siegmund-Geschichte abliefert, ist kein guter Journalismus. Es ist eine Kapitulation vor der Wirklichkeit. Den „gefährlichsten Mann Deutschlands“, der eh schon hohe Sympathiewerte hat, macht diese substanzlose Anklageschrift ungewollt noch sympathischer. Vermutlich bewegt diese Titelgeschichte einige Unentschlossene dazu, ihm eine Chance zu geben.


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