15 August 2026

„Spiegel“-Titel über Siegmund - Diese „Recherche“ ist ein journalistischer Offenbarungseid (WELT)

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„Spiegel“-Titel über Siegmund
Diese „Recherche“ ist ein journalistischer Offenbarungseid (WELT)
Von Andreas Rosenfelder Chefkommentator und Ressortleiter Meinungsfreiheit 14.08.2026, 7 Min
Für Ulrich Siegmund ist die neue „Spiegel“-Titelgeschichte ein Wahlkampfgeschenk. Sie dokumentiert das beschränkte Weltbild einer linken Medienblase, die dem Erfolg der Rechten ratlos gegenübersteht.
Wenn Ulrich Siegmund strategisch denkt und noch ein paar Euros in der Wahlkampfkasse hat, lässt er die gedruckte „Spiegel“-Auflage an diesem Wochenende restlos aufkaufen – und in Sachsen-Anhalt verteilen. Besseres Werbematerial als die neue Titelgeschichte des Hamburger Magazins wird der AfD-Spitzenkandidat, der bislang einen brillanten Wahlkampf führt, nicht finden.
„Der gefährlichste Mann Deutschlands“ – so lautet die Überschrift auf der „Spiegel“-Titelseite. Auf schwarzem Hintergrund ist ein kleines Foto abgebildet, auf dem Siegmund frontal, grell ausgeleuchtet und ohne Lächeln in die Kamera blickt. Die Kombination aus Zeile und Bild lässt nur eine Lesart zu: Dieses Cover ist ein Fahndungsplakat.
Netzfund
Welche Botschaft geht davon aus? Wenn wirklich kein illegal eingereister Terrorist, sondern ein demokratisch gewählter Landtagsabgeordneter aus Sachsen-Anhalt der „gefährlichste Mann Deutschlands“ ist, dann muss man ihn so schnell wie möglich unschädlich machen. Nur wie? Fußfessel? Verwahrungshaft? Oder sind angesichts des Superlativs der Bedrohung unorthodoxere Mittel geboten? Der „Spiegel“, das Hausblatt der politisch Korrekten, gibt hier den Politiker einer Partei, die keineswegs verboten ist und in den Umfragen 40 Prozent der Bürger von Sachsen-Anhalt hinter sich versammelt, symbolisch zum Abschuss frei. Würde die AfD ein analoges Wahlplakat mit Friedrich Merz, Bärbel Bas oder Angela Merkel drucken, es würde mit Sicherheit in der Akte des Verfassungsschutzes landen.
Das Weltbild der Medienblase
Für Siegmund ist dieser „Spiegel“ ein Geschenk. Denn er dokumentiert das beschränkte Weltbild einer linken Medienblase, die dem längst nicht mehr linken Zeitgeist ebenso ratlos wie hilflos gegenübersteht – und als Reaktion darauf genau jene Mischung aus Desinformation, Hass und Hetze mobilisiert, die sie am liebsten staatlich verbieten lassen würde.
Noch aussagekräftiger als das Titelbild, das schon vor dem Erscheinen des Hefts zum rechten Meme der Stunde avancierte, ist allerdings die zugehörige Geschichte. Man kann sich vorstellen, wie AfD-Sympathisanten sie – nicht nur in Sachsen-Anhalt – unter Gelächter vorlesen, was immerhin Unterhaltungsprogramm für eine halbe Stunde liefert. Denn diese „Recherche“, wie die drei Autoren ihre Titelstory nennen, ist ein journalistischer Offenbarungseid. Ihr Informationsgehalt geht gegen Null: Es handelt sich um ein Amalgam aus suggestiven Klischees, raunenden Unterstellungen und Nachrede vom Hörensagen. Einen Beweis für die Gefährlichkeit des Kandidaten, der sich „an die Macht lächeln“ will, bleibt der „Spiegel“ schuldig.

Was hat der AfD-Spitzenkandidat verbrochen, um als Staatsfeind Nummer 1 zu gelten? Nun, er hat – die Reportage fängt mit dem schlimmsten Delikt an – am „heißesten Tag des Jahres“ bei einer Moped-Ausfahrt in Raguhn-Jeßnitz einen Witz über die Erderwärmung gemacht: „Ist das nicht ein tolles Wetter! Endlich ist der Sommer zurück, endlich ist er da, der Klimawandel.“ Der Verstoß gegen die politische Korrektheit wirkt besonders schwer, denn „später“ wird am selben Tag „eine Person am Straßenrand kollabieren“ und zwar „wahrscheinlich wegen der Hitze“ und „also vielleicht auch wegen des Klimawandels, über den Siegmund spottet“.

Wahrscheinlich wegen der Hitze, also vielleicht auch wegen des Klimawandels! Die Beweisführung der drei Top-Investigativjournalisten ist bewundernswert lückenlos – und läuft darauf hinaus, Siegmund zum Schuldigen am Schwächeanfall der „Person“ zu erklären. Reporterpech, dass es keine echten „Hitzetoten“ gab, sonst hätte die Anklage garantiert auf Mord gelautet. Trotzdem sind die Schreiber so stolz, Siegmund beim Klimaleugnen ertappt zu haben, dass sie dieses Kapitalverbrechen als Schlusspunkt ihrer Geschichte wieder aufgreifen: „Auch den Klimawandel kann man verspotten, am heißesten Tag des Jahres. Aber das hat dann Folgen: Am Tag nach der Simson-Ausfahrt, so ging es anschließend durch den Landesverband, sollen einige ziemlich angeschlagen gewesen sein. Zu viel Sonne abbekommen.“
Fassen wir, nur etwas verkürzt, zusammen: Ulrich Siegmund ist unter anderem deshalb der gefährlichste Mann Deutschlands, weil er einen Witz über den Klimawandel gemacht hat – und danach einige Leute „ziemlich angeschlagen“ gewesen sein „sollen“. So ungefähr verläuft das „Storytelling“ dieses Artikels, der auch stilistisch vom ersten bis zum letzten Satz wie eine Produktion aus der Zurechtbiegungswerkstatt von Claas Relotius klingt. Was dazwischen gesagt wird, ist schaumstoffartiges Füllmaterial. So handelt es sich bei den schlimmsten Taten, die Siegmund vorgeworfen werden, um Mutmaßungen anonym zitierter Quellen: „Wenn er morgen die erste Strophe des Deutschlandlieds singen müsste, um Bundeskanzler zu werden, dann würde er es tun“, spekuliert etwa einer der namenloser Stichwortgeber.

Ulrich Siegmund würde nach Meinung von irgendwem, mit dem ein „Spiegel“-Reporter geredet hat, unter völlig hypothetischen Bedingungen die erste Strophe des Deutschlandlieds singen? Ein knallhart recherchierter Skandal! Genau wie Siegmunds Verhalten in der Corona-Pandemie: Damals, so zitiert der „Spiegel“ einen Bekannten, habe sich „etwas verändert“, und das wird dann auch ausgeführt: „Plötzlich redete er abstruses Zeug. Er wirkte wie ausgewechselt.“

Aber was genau soll Siegmund nun über die Pandemie gesagt haben? Offenbar hatte der rasende Reporter keine Zeit mehr, diese simple Nachfrage zu stellen, denn jedes Beispiel fehlt. Oder wurde die Konkretion weggelassen, um einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen? Vielleicht brachte Siegmund ja legitime Kritikpunkte an der in vieler Hinsicht fatalen Restriktionspolitik vor, die der „Spiegel“ damals mit ideologischer Verbissenheit verteidigte – wobei das Magazin oft genug selbst abstruse Theorien verbreitete, etwa über die Gefährlichkeit von Schulkindern.

Gerüchte und Nicht-Nachrichten

Außer solchen halbgaren Gerüchten und Nicht-Nachrichten, für die ein „Spiegel“-Chefredakteur alter Schule seine Reporter hochkant aus dem Büro geworfen hätte, liefert der Artikel wenig. Deshalb werden selbst positive Beobachtungen, die jeder Laie machen kann – Siegmund lächelt, er ist professionell und hat einen Draht zu den einfachen Leuten – so protokolliert, als machten sie die Hauptfigur verdächtig: „Siegmund hat ein enormes Namensgedächtnis. Das ist wohl eines seiner größten politischen Talente: Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie sieht.“ Da behandelt jemand die Bürger also so, dass sie sich ernstgenommen fühlen? In einer Republik, in der Politiker systematisch das Gegenteil tun, ist das offenbar eine hochgefährliche Fähigkeit.
Und was ist mit dem „rechtsextremen Netzwerk“ hinter dem Kandidaten, vor dem die Unterzeile der Titelgeschichte warnt? Nun, es besteht laut „Spiegel“ aus wenigen Weggefährten, die vor Jahrzehnten in der rechtsextremen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ aktiv waren. Nun engagierten sich etliche Bundesminister der letzten Jahrzehnte – von den Grünen Joschka Fischer und Jürgen Trittin bis zur Sozialdemokratin Ulla Schmidt – in jungen Jahren in linksextremen Gruppen. Sogar Olaf Scholz hat als Stamokap-Kommunist angefangen. Sie alle haben sich im Lauf ihrer Biografie gewandelt.
Belege dafür, dass Siegmunds Umfeld heute noch rechtsextremistische Ziele verfolgt, bleibt der „Spiegel“ allerdings schuldig. Den fehlenden Link soll offenbar der Umstand ersetzen, dass die völkische „Artgemeinschaft“ unlängst ein Treffen „in einem 100-Seelen-Dorf in der Altmark“ veranstaltet hat: „Der Hof liegt rund 50 Kilometer von Ulrich Siegmunds Wohnort entfernt. Die Feier findet am Gelände eines Kandidaten statt, der für Siegmunds AfD bei der Landtagswahl antritt.“ Aha, nur 50 Kilometer entfernt von Siegmunds Wohnort, und dann noch „am“, also ausdrücklich nicht auf dem Gelände eines AfD-Kandidaten? Allein schon diese suggestive Topografie, die argumentative Leerstellen überspielt, erinnert an das berüchtigte Potsdamer „Geheimtreffen“, das laut „Correctiv“ nur „knapp acht Kilometer entfernt“ vom Haus der Wannseekonferenz stattfand.

Was hätten gute Reporter, die in Sachsen-Anhalt gründlich und vorurteilsfrei recherchiert hätten, nicht alles herausfinden können! Über die politischen Probleme, welche die Wähler beschäftigen, und über die Lösungen, die Ulrich Siegmund – offenbar sehr erfolgreich – anbietet. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit in der Provinz und die Frage, wie sie von den Prioritäten der Hauptstadtpolitik abweicht. Über AfD-Leute, die nicht dem „Spiegel“-Klischee der „Ewiggestrigen“ entsprechen. Und vielleicht auch über wirklich gefährliche Extremisten in der Partei oder unter ihren Anhängern – unwahrscheinlich, dass sie in der sprunghaft wachsenden Protestbewegung, die eine immer größere Repräsentationslücke schließt, nicht existieren.

Aber das, was der „Spiegel“ mit seiner Ulrich-Siegmund-Geschichte abliefert, ist kein guter Journalismus. Es ist eine Kapitulation vor der Wirklichkeit. Den „gefährlichsten Mann Deutschlands“, der eh schon hohe Sympathiewerte hat, macht diese substanzlose Anklageschrift ungewollt noch sympathischer. Vermutlich bewegt diese Titelgeschichte einige Unentschlossene dazu, ihm eine Chance zu geben.

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