26 August 2026

Der andere Blick Entwürdigende Sprache: Gegenüber der AfD fallen alle Hemmungen (NZZ)

Der andere Blick
Entwürdigende Sprache: Gegenüber der AfD fallen alle Hemmungen (NZZ)
Die deutsche Rechtspartei kann man mit guten Gründen kritisieren. Sie selbst teilt rhetorisch kräftig aus. Ihre Gegner haben aber jedes Mass verloren.
Die AfD ist nicht gerade für ihre vornehme Zurückhaltung bekannt. Regelmässig zielen Funktionäre der Partei rhetorisch unter die Gürtellinie ihrer politischen Mitbewerber. Von «Flachzangen» sprach die Parteivorsitzende Alice Weidel kürzlich abschätzig. Gemeint waren niemand anderes als der Kanzler Friedrich Merz und sein Stellvertreter Lars Klingbeil.
Die Chefin gibt den Ton vor, aus der zweiten und dritten Reihe schallt es entsprechend zurück. So nannte der Bundestagsabgeordnete René Springer einen Kollegen von der CDU eine «Ratte». Bayerns Ministerpräsident Markus Söder musste sich aus AfD-Reihen gar als «Södolf» und «Landesverräter» verunglimpfen lassen.
In den wenigsten Fällen sind die Äusserungen strafbar. Jenseits des guten Geschmacks liegen sie häufig freilich schon. Eine Mässigung ist nicht abzusehen. Wozu auch. Laut Umfragen liegt die Partei stabil vor allen anderen. Es liegt nahe, zu vermuten, dass ein Teil des Publikums den schrillen Ton erwartet, ein anderer ihn achselzuckend, ein dritter ihn unter Bauchschmerzen hinnimmt.
Die frühen Grünen teilten kräftig aus
Junge Parteien neigen zu derber Sprache. Zu erinnern ist an den grünen Übervater Joschka Fischer. Der spätere deutsche Aussenminister bat kurze Zeit nach dem Einzug der Grünen in den Bonner Bundestag zunächst förmlich um Verlaub, ehe er den Parlamentspräsidenten mit einem deftigen Ausdruck belegte, der an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden braucht.
Dazu passt, dass der Begriff der Altparteien zuerst von den Grünen benutzt wurde, ehe er in den Reihen der AfD seinen zweiten Frühling erlebte. Heute freilich führen sich die Grünen als Gouvernanten des politischen Betriebs auf. Aus den Newcomern von gestern ist das Establishment von heute geworden.
Der Ton in deutschen Debatten war übrigens schon vor der AfD und den frühen Grünen scharf. Die älteren Bundesbürger erinnern sich nicht ohne Sympathie an die hitzigen Wortgefechte samt Verbalinjurien, die sich die Antipoden Franz Josef Strauss und Herbert Wehner lieferten.
Dennoch ist seit der Gründung der AfD 2013 das politische Klima rauer geworden. Was Henne und was Ei ist, ist schwer zu sagen. Schliesslich stand schon die liberale Honoratiorenpartei rund um Bernd Lucke im Verdacht, rechtsradikal zu sein, und wurde entsprechend feindselig aufgenommen.

Mit dem Rechtsruck der Partei ab 2015 wurde ihr Ton, aber auch der ihrer Gegner schärfer. Im Bundestag lassen sich die beiden Seiten ihre Verachtung spüren. Am folgenreichsten ist aber die geschichtsvergessene und gedankenfaule Gleichsetzung der Partei mit der NSDAP.

Wenn aber selbst bürgerliche Spitzenpolitiker wie Söder oder Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst die AfD als «Nazipartei» bezeichnen, muss man sich nicht wundern, wenn Ton und Sprache weiter links verrohen. Deutschlands nervöse «Zivilgesellschaft» wähnt sich im Widerstand – und redet auch so.

Deutschlands politisches Klima ist vergiftet

Von «rechten Ratten» sprach der Sänger Herbert Grönemeyer Anfang Jahr. Die AfD nannte er nicht beim Namen. Es war aber klar, wer in seine «Löcher» verschwinden solle. Der greise Komödiant Dieter Hallervorden ging noch einen Schritt weiter: Eine Stimme gegen die AfD sei «Schädlingsbekämpfung».

Dagegen drückte sich ein Sänger der Gruppe Die toten Hosen vergleichsweise zurückhaltend aus. Er verunglimpfte an einem Konzert schlicht als «Trottel», wer glaube, dass steigende Zuwanderung und Kriminalität Hand in Hand gingen.

Hinzu kommt die soziale Ächtung. Die evangelische Kirche hat der Mitarbeiterin einer Hospizeinrichtung nach fünfzehn Jahren gekündigt, weil sie für die AfD kandidiert. Und die «Augsburger Allgemeine» wollte kürzlich keine Todesanzeige der Partei für einen verstorbenen Kommunalpolitiker veröffentlichen. Die Brandmauer, sie steht in Deutschland offenbar in Ewigkeit fest.

In der Summe ergibt sich ein völlig vergiftetes politisches Klima. Politische Polemik, auch geschmacklose, muss und kann eine Demokratie aushalten. Rote Linien sollten da verlaufen, wo der politische Gegner entmenschlicht wird.

Dass häufig ausgerechnet diejenigen, die das Land vor einer faschistischen Machtübernahme bewahren wollen, in den Jargon dunkler Jahre zurückfallen, ist nur eine der vielen Absurditäten des deutschen Kampfes gegen rechts.

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