VON FERDINAND KNAUSS am 21. August 2026 5 min
Was macht eigentlich Friedrich Merz? Im August, also seit über drei
Wochen, hat man von ihm nichts gesehen und nichts gehört. Nur weil der
Kanzler keine öffentlichen Termine habe, hieße es noch lange nicht, dass
er auch die Füße hochlege, sagte der stellvertretende
Regierungssprecher Sebastian Hille am Mittwoch gegenüber Journalisten.
Die Worte „Bundeskanzler“ und „Urlaub“ würden nicht zusammenpassen,
belehrt er die Fragenden. Aber das Kanzleramt verrät dem nachfragenden ZDF noch nicht einmal, wo der Kanzler seine (nicht) untätige Zeit verbringt.
Will
man etwa Papparazzi-Bilder vermeiden? Hat Merz Angst, in Badehosen
geknipst zu werden und dabei lächerlich auszusehen, wie einst sein
Namensvetter, der Reichspräsident Ebert? Wissen denn Merz und seine
Berater nicht, dass Urlaubsbilder von Kanzlern in heutigen Zeiten
geradezu ikonischen Wert als Sympathielieferanten haben können? Man
denke nur an Helmut Kohl am Wolfgangsee, Gerhard Schröder in der Toskana
und Angela Merkel beim Wandern in Südtirol. Der Sommer ist die beste
Jahreszeit für Regierungspolitiker, das eigene Image und die
Sympathiewerte in Wort und Bild aufzupolieren.
Land und Partei in der Krise – Kanzler abgetaucht
Nun
schreiben ihm auch noch führende Konzernchefs und Wirtschaftsverbände –
sonst bekannt für ihre eilfertige Nähe zu allen Regierenden – einen
Brandbrief, er müsse endlich dafür sorgen, dass die angekündigten
Reformen „schleunigst und ohne irgendwelche Abstriche“ umgesetzt werden.
Kurz: Deutschland ist in – begründeter – Angst vor dem nicht nur
ökonomischen, sondern gesellschaftlichen Absturz. Und der Zerfall der
wichtigsten Partei der Nachkriegsgeschichte scheint eine realistische
Aussicht, wie der wohl letzte CDU-Vordenker, der Historiker Andreas Rödder, sagt. Aber was macht Merz, während für das Land und seine Partei immer
düstere Zeiten drohen? Buchstäblich nichts, jedenfalls nichts, was die
Öffentlichkeit mitbekommt. Liegt es an seinem Umfeld? Herrscht im
Bundeskanzleramt und Konrad-Adenauer-Haus womöglich schon im zweiten
Jahr der Merz-Kanzlerschaft der Defaitismus der Mut- und Ideenlosigkeit
einer durch jahrzehntelanges Regieren intellektuell entleerten,
altgewordenen Partei? Oder liegt es an Merzens mangelnder
Regierungserfahrung, dass er nicht weiß, dass jeder Minister oder
Regierungschef im Sommer nicht abtauchen kann? Merz bietet
jedenfalls nicht den geringsten Beleg dafür, dass er zumindest den
persönlichen Ehrgeiz verspürt, sich bei den verlorenen und noch
verbliebenen Wählern wenigstens ein bisschen beliebter zu machen, als
ihm das zuvor durch unbeholfenes Auftreten, peinliche X-Posts
und herrenreiterische Sprüche („Kulturpessimisten, Untergangspropheten,
Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!“) in der ersten
Jahreshälfte vergönnt war.
Hendrik Wüst weiß, wie’s geht
Regierende,
die an der Macht bleiben wollen, machen im Sommer in aller Regel
Besuche an kamerafreundlichen Orten oder jedenfalls zu den „Menschen da
draußen“, geben sich leutselig und bürgernah. Und nicht zuletzt: Sie
machen dann gerne Interviews mit regionalen Medien, deren Chefredakteure
sich durch den seltenen hohen Gast geehrt fühlen und nicht allzu
unfreundliche Fragen stellen.
Hendrik Wüst macht es seinem Parteifreund vor, wie solche
demokratische Kärrnerarbeit funktioniert. Der CDU-Ministerpräsident des
größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und meist erstgenannte
Ersatzkandidat fürs Kanzleramt besuchte selbstverständlich am 15. August
kurzfristig die gegen die Brände im Hürtgenwald kämpfenden
Feuerwehrmänner (die sich bestimmt auch über einen Besuch des Kanzlers
gefreut hätten). Am selben Abend war er in Aachen bei der
Reit-Weltmeisterschaft FEI. Am Tag darauf besuchte er das Finale der
IFAF Flag Football Weltmeisterschaft in Düsseldorf.
Und so wird
es weitergehen: Am kommenden Sonntag, den 23. August, wird er eine
Gedenkansprache in Solingen zum zweiten Jahrestag des Messer-Anschlags
halten. Am 24 August wird er persönlich in der Staatskanzlei 16
Verdienstorden verleihen. Am 26. August wird er in Köln die
Gamescom-Messe eröffnen und „führende Köpfe der nationalen und globalen
Games-Branche“ empfangen. Am 27. August wird er sich den „Doubleheader“
in Köln ansehen, erst ein Spiel der Basketball-Nationalmannschaft der
Frauen und dann noch eines der Männermannschaft. Am 28. August wird er
einen ganzen Ministerpräsidententag der Stadt Gelsenkirchen widmen. Das
ist nicht gerade ein attraktives Reiseziel. Aber der Ministerpräsident
weiß eben: Gemocht und gewählt wird ein Regierungspolitiker nur, wenn er
sich den Bürgern und potentiellen Wählern nahbar präsentiert.
Friedrich
Merz dagegen erscheint mitten in der multiplen Krise des Landes und
seiner eigenen Partei wie ein seltsames Relikt. Sein später
Karrierehöhepunkt der Kanzlerschaft war womöglich nur, um ein berühmtes
Wort von Max Weber abzuwandeln, ein Jugendstreich, den Merz auf seine
alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen
hätte.
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