15 August 2026

„Lösungsorientierter Journalismus“ - Der „Spiegel“ hält Ulrich Siegmund für den gefährlichsten Mann Deutschlands (Cicero)

„Lösungsorientierter Journalismus“
Der „Spiegel“ hält Ulrich Siegmund für den gefährlichsten Mann Deutschlands (Cicero)

Der „Spiegel“ macht den AfD-Spitzenkandidaten von Sachsen-Anhalt zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ – und will damit die Demokratie stärken. Eine Titelgeschichte, die mehr über das Selbstverständnis des Magazins verrät als über Ulrich Siegmund – und nach hinten losgehen dürfte.
VON MATHIAS BRODKORB am 14. August 202, 7 Min
Vor ein paar Tagen machte der Spiegel eine Ankündigung. Die ging ungefähr so: Die Demokratie sei durch die Unzufriedenheit vieler Menschen bedroht. Das stimmt. Daher wolle man als Journalisten einen Beitrag leisten, daran etwas zu ändern. Die Kollegen vom Spiegel nennen das den „lösungsorientierten Journalismus“.
Natürlich bleibe weiterhin die „Kontrolle von Macht“ die wichtigste Aufgabe. Aber man könne doch auch mal betonen, was gut im Lande laufe, und Lösungsoptionen für bestehende Probleme vorstellen. Dafür soll es künftig sogar ein eigenes Format geben: „Spiegel Solutions“. Das große Eiapopeia der schreibenden Zunft im Namen der Rettung der Demokratie also.
Wie das letztlich aussehen dürfte, lässt die aktuelle Titelgeschichte des Spiegel erahnen. Darauf zu sehen: Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Unter seinem Portrait steht geschrieben: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Wenn ich Haupteigner des Hamburger Wochenmagazins wäre, würde ich zumindest den Grafiker sofort für dessen uninspirierte Arbeit fristlos feuern.
Was dann in der Geschichte steht, folgt den längst bekannten Mustern. Die Journalisten Astrid Geisler, Fabian Hillebrand und Peter Maxwill kommen zwar nicht umhin, Siegmund als „Menschenfänger“ zu zeichnen. Das ist eine in Verachtung gepackte Hochachtung seines bisherigen Erfolgs. Wo immer er dieser Tage in Sachsen-Anhalt erscheint, gibt es nämlich Massenaufläufe – im Unterschied zu allen anderen Parteien. Und wo immer er vor einer Kamera steht, lächelt er freundlich und antwortet schlagfertig. Auch deshalb erreicht seine Partei schon seit Wochen in Umfragen mehr als 40 Prozent der Stimmen. Er könnte demnächst der erste Ministerpräsident der Rechtspartei sein.
Aber dann kommt der zweite Spin der Story. Der freundliche, wortgewandte und gewitzte Herr Siegmund sei ein Abkömmling aus einer in Wahrheit dunklen Welt. Das ist so langweilig und erwartbar wie das aktuelle Titelbild des Wochenmagazins: Ulrich Siegmund als Wolf im Schafspelz.
Was die AfD in Sachsen-Anhalt ihren Wählern verspricht, hat Bayern längst umgesetzt

Als Gründe dafür, dass Siegmund „einer der bekanntesten Rechtsextremisten der Republik“ sein soll, müssen drei Dinge herhalten. Zunächst natürlich, dass der örtliche Verfassungsschutz die Rechtspartei „als gesichert rechtsextrem“ einstufe. Amen! Zur ganzen Wahrheit gehörte allerdings, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz dasselbe mit der AfD insgesamt getan hat und damit vor dem Verwaltungsgericht Köln vorerst gescheitert ist. Die Beweise dafür seien nämlich nicht überzeugend genug.

Als zweiten Grund für ihre Behauptung stützen sich die Hamburger „lösungsorientierten“ Journalisten darauf, dass Siegmunds Programm eines der „radikalsten“ der ganzen AfD sei. Was für diese Behauptung als Beleg herhalten muss, macht staunen. Adolf Hitler hätte Siegmund dafür für ein regelrechtes Weichei gehalten. Die AfD Sachsen-Anhalt will nämlich „eine ‚neue, patriotische Kulturpolitik‘ und kein Geld mehr für ‚antideutsche Kunst und Kultur‘“ ausgeben. Das mag man piefig und rückwärtsgewandt finden. Aber extremistisch im demokratietheoretischen Sinne ist es nicht.

Auch dass die örtliche AfD alle christlichen Kirchen an der staatlichen Kirchenfinanzierung beteiligen will und nicht nur die Amtskirchen, gilt den Journalisten des Spiegel als Botschaft aus dem Vorhof zur Hölle. Außerdem solle das „Gendern“ an Schulen zurückgedrängt werden. Wenn schon das extremistisch wäre, müsste auch Markus Söder (CSU) als Verfassungsfeind gelten. Was die AfD in Sachsen-Anhalt ihren Wählern verspricht, hat er in Bayern längst umgesetzt.

Und schließlich wird der AfD vom Spiegel vorgeworfen, dass sie „unter den Migranten ‚die Spreu vom Weizen trennen‘“ wolle. Mal ganz abgesehen davon, dass es für diese Position in der örtlichen Bevölkerung eine Zustimmung von etwa 80 Prozent hageln dürfte: „Lösungsorientierter Journalismus“ müsste dann im Umkehrschluss dafür plädieren, kriminellen Ausländern in Deutschland auf Kosten der Steuerzahler weiterhin eine hübsche Heimstatt zu bieten.

Ein biografischer Missgriff soll als Verdammungsurteil bis in alle Ewigkeit gelten

Und dann gibt es noch den dritten, finalen Schlag, um Siegmund zum erwiesenen Rechtsextremisten zu stilisieren. Zu seinem politischen Umfeld gehörten auch Männer, „deren politische Biografien tief in die neonazistische Szene reichen“. Die Rede ist von ehemaligen Funktionären der neonazistischen, inzwischen verbotenen Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ). Wer solche Leute in seinem Umfeld zulasse, müsse wohl selbst ein Nazi sein. So die Logik.

Das Problem daran: Die Autoren des Spiegel räumen selbst ein, dass diese Fakten „mehr als 20 Jahre“ zurückliegen. Tatsächlich scheinen einige der heutigen Mitarbeiter Siegmunds eine Neonazi-Karriere aufzuweisen. Aber das ist eben nicht heute der Fall. Das war vor „mehr als 20 Jahren“ so. Dieser biografische Missgriff soll als Verdammungsurteil bis in alle Ewigkeit gelten.

Und das ist der eigentlich missliche Punkt in der ganzen Argumentation. Menschen auf ewig zu verdammen, ist zuverlässig ein Merkmal totalitärer Diktaturen und gerade nicht von Demokratien. Demokratien sind stattdessen offene Gesellschaften, die an die Lernfähigkeit von Menschen glauben. Wer in seiner Jugend ein gewaltbereiter Kommunist war, kann dennoch später anerkannter und geschätzter Außenminister werden. Aber was für Joschka Fischer (Die Grünen) gilt, muss in einer echten Demokratie eben für alle anderen gelten. Sonst ist es keine.

In dem fraglichen Artikel wird indes kein einziger Beleg dafür vorgelegt, dass die ehemaligen Neonazis auch 20 Jahre später noch solche wären. Die persönliche und auf ewig gültige Verdammnis wird stattdessen als unheilbare Virusinfektion vorgestellt. Der „lösungsorientierte Journalismus“ ahmt damit Denkfiguren nach, die vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts moralisch sprachlos machen müssen.

„Lösungsorientierter Journalismus“ heißt: die miserablen deutschen Verhältnisse schönreden

Aber nehmen wir einmal an, Geisler, Hillebrand und Maxwill hätten recht, obwohl sie es nicht beweisen können, oder zumindest nicht bewiesen haben. Nehmen wir also an, Ulrich Siegmund wäre tatsächlich der „gefährlichste Mann Deutschlands“ und zugleich der beliebteste Politiker Sachsen-Anhalts. Was müsste man dann als der Demokratie verpflichteter Journalist tun? Man müsste vorurteilsfrei zu verstehen versuchen, wie um Himmels Willen es überhaupt so weit kommen konnte. Nur im Verstehen dieser Tatsachen könnte dann zugleich die Lösung des Problems schlummern.

Dazu aber müsste man sich in erster Linie mit den zahlreichen Fehlern der etablierten Politik beschäftigen. Ohne sie würde es die AfD heute nämlich gar nicht geben. Man müsste tagein tagaus die „Kontrolle von Macht“ betreiben. Aber der Spiegel möchte nun stattdessen lieber den „lösungsorientierten“, steigbügelhaltenden Journalismus in den Vordergrund stellen. Man muss sich über diese Floskel schon deshalb wundern, weil das Magazin bereits seit sehr vielen Jahren gar nichts anderes mehr tut.

„Lösungsorientierter Journalismus“ heißt wenig wohlwollend übersetzt: die miserablen deutschen Verhältnisse zuverlässig schönreden, um deren Probleme tatsächlichen oder notfalls erfundenen „Extremisten“ an die Backe heften zu können. Was daran vor allem erstaunt, ist die Tatsache, dass man in Hamburg tatsächlich zu glauben scheint, mit diesem Move die ostdeutsche Provinz verändern zu können. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher: Wer einen schlagfertigen, umtriebigen AfD-Spitzenkandidaten mit mehr als 40 Prozent Unterstützung bei den Wählern zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt, beleidigt zugleich dessen Anhänger. Eine bessere Wahlkampfunterstützung kann sich Siegmund dieser Tage gar nicht wünschen.

Der Spiegel hat nur in einer Sache Glück: Im Osten liest ihn kaum jemand. Das gibt dieser manchmal sogar selbst zu. Wäre er dort auflagenstärker, könnte er Siegmund mit seiner jüngsten Titelgeschichte längst zur absoluten Mehrheit am 6. September 2026 verholfen haben. Trotz alledem besteht also noch Hoffnung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen