VON MATHIAS BRODKORB am 23. August 2026 8 min
Schon wieder ist ein Politiker von einem Plagiatsvorwurf betroffen.
Diesmal geht es um die Berliner Justizsenatorin Dr. Felor Badenberg
(CDU). Ihre Wahl galt lange als Glücksgriff für die Politik in der
Hauptstadt.
Die Juristin hatte zuvor an führender Stelle für das
Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet. Besonders brisant: Unter
ihrer Federführung entstand jenes Gutachten über die AfD, das zur
Einstufung der Partei als gesichert extremistische Bestrebung führte.
Das Verwaltungsgericht Köln hat dies vorerst wegen mangelhafter Beweise untersagt. Ihre Doktorarbeit soll mindestens „83 schwerwiegende Plagiatsfragmente“ enthalten. So zumindest behauptet es Plagiatsjäger Stefan Weber.
Die Belege, die er anführt, scheinen in der Tat erdrückend. Badenbergs
Arbeit beinhaltet weitflächig Passagen, die mit Texten aus anderen
Arbeiten häufig völlig identisch sind. Betroffen ist davon sogar die
Danksagung an Eltern und Ehemann. Sie gleicht einer Vorlage aus dem
Jahre 1995 bis aufs Komma. „Dissertation nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt“
An
einen Rücktritt scheint Badenberg derzeit aber nicht zu denken. Sie
teilte stattdessen mit: „Die Dissertation wurde nach bestem Wissen und
Gewissen angefertigt.“ Die Universität Köln wird die Arbeit nun
überprüfen. Darum habe sie, Badenberg, gebeten. Das zu entscheiden liegt
aber nicht in ihrer Hand, sondern folgt schon aus § 48
Verwaltungsverfahrensgesetz: „Rücknahme eines rechtswidrigen
Verwaltungsaktes“.
Der CDU-Spitzenkandidat für die Berliner
Abgeordnetenhauswahl am 20. September, Stefan Evers, gibt seiner
Parteifreundin schon mal Rückendeckung. Sie sei „eine herausragende
Justizsenatorin, die für Berlin viel bewegt“. Wer sie kenne, wisse, „mit
welcher Integrität, Ernsthaftigkeit und Professionalität sie ihr Amt
ausübt“. Angesichts eines drohenden Titelentzugs dürfte das darauf
hinauslaufen, dass Badenberg dennoch auf Fortsetzung ihrer politischen
Karriere hoffen darf.
Überhaupt scheinen sich die Waffen der Plagiatsjäger abzunutzen. In
den vergangenen 20 Jahren sind derart viele Fälle aufgedeckt worden,
dass man bei jedem neuen „Nicht schon wieder“ denken möchte.
Deutschlands Öffentlichkeit scheint sich inzwischen daran gewöhnt zu
haben, dass das eben so ist.
Bei Karl-Theodor zu Guttenberg ging
es noch schnell. Nur etwa eine Woche nach Bekanntwerden von
Plagiatsvorwürfen war sein Doktortitel aberkannt, eine Woche später trat
er von seinem politischen Amt zurück.
Der Fall von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt Im
Unterschied hierzu ist Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) nicht nur
noch immer im Amt. Zwischen dem Öffentlichwerden der Vorwürfe und der
Aberkennung des Titels durch die Universität Chemnitz lagen 17 Monate.
Auch an diesen Verzögerungen dürfte es liegen, dass sich Voigt noch
immer im Amt halten kann. Die Öffentlichkeit gewöhnt sich auch an
schlechte Nachrichten, wenn man ihr genug Zeit gibt. Und es liegt noch
an etwas anderem.
Bereits im Februar 2019 wurden Vorwürfe
gegenüber der Doktorarbeit von Franziska Giffey (SPD) öffentlich. Eine
endgültige Entscheidung zu ihren Ungunsten fiel erst im Juni 2021. Das
hatte damit zu tun, dass die FU Berlin zwischenzeitlich versucht hatte,
Giffeys Doktortitel zu retten. Das erwies sich als rechtswidrig. Giffey
trat schließlich als Bundesministerin wegen Aberkennung ihres
Doktortitels zurück, gewann aber nur wenige Wochen später die
Abgeordnetenhauswahl zu Berlin und wurde Regierende Bürgermeisterin.
Vielen Wählern scheint es also schlicht egal zu sein, ob Politiker
bei ihrer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit geschummelt haben oder
nicht. Das konnte man in Berlin lernen, und deshalb hat Felor Badenberg
wohl politisch auch nicht viel zu befürchten.
Und der
Entskandalisierung des akademischen Betrugs arbeiten inzwischen auch
Journalisten zu. So dieser Tage geschehen durch die ehemalige
stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel, Melanie Amann. Sie verglich den Plagiatsjäger Stefan Weber wortwörtlich mit einem „politischen Auftragskiller“.
Möglicherweise sei es nämlich kein Zufall, dass so viele
Plagiatsvorwürfe kurz vor Wahlen erhoben würden, „oft Frauen die
Zielscheibe“ seien und dann „rechte Krawallmedien“ darüber berichteten.
Die „Aufklärung von wissenschaftlichem Fehlverhalten“ sei durch Leute
wie Weber zu einem regelrechten „Geschäftsmodell“ verkommen. Über die
Plagiate der Frau Badenberg und die Frage, ob akademischer Betrug die
charakterliche Integrität von Politikern beschädige, verlor die
Journalistin, wenn ich recht sehe, in ihrem Beitrag hingegen kein
einziges Wort.
Plagiatsforschung als Geschäftsmodell
Tatsächlich
ist Plagiatsforschung für Stefan Weber ein Geschäftsmodell. Er ist
selbständiger Unternehmer. Nur: Was ist daran das Problem? Das Problem
ist nicht, dass Weber mit dem Aufdecken akademischen Betrugs Geld
verdient. Das Problem ist der akademische Betrug. Würden die
Universitäten machen, wofür sie vom Steuerzahler bezahlt werden, hätte
Weber auch kein Geschäftsmodell.
Und dann soll Weber wohl außerdem
politisch rechts sein. Es ist tut nichts zur Sache, ob das stimmt.
Nehmen wir hypothetisch an, das wäre so. Es wäre trotzdem irrelevant.
Relevant wäre ausschließlich, ob seine Analysen zutreffen oder nicht –
und nicht, aus welchen Motiven er sie erstellt. Man nennt das den
Unterschied zwischen Genesis und Geltung. Es ist so, wie es eigentlich
an einer jeden guten Universität oder in jeder guten Redaktion sein
müsste. Nicht die eigene politische Weltsicht ist entscheidend, sondern
allein die Kraft der Argumente.
Und auch die „rechten
Krawallmedien“ hätten in Sachen Plagiate nicht viel zu berichten, wenn
die anderen Medien ihrer kritischen Aufgabe ausreichend nachkämen.
Erstere können sich nur an jenen Themen laben, die alle anderen links
liegen lassen oder sogar beschweigen. Das eigentlich Thema ist daher
nicht Stefan Weber, sondern das Versagen anderer.
Wer bei einer akademischen Abschlussarbeit betrügt, zeigt damit, dass
er kein Wissenschaftler ist. Und dies belegt zugleich, dass seine
akademische Ausbildungsstätte ihrem Auftrag nicht gerecht geworden ist.
Wissenschaftler zu sein hat nicht nur etwas mit Wissen und Intelligenz
zu tun, sondern ist vor allem auch eine Charakterfrage.
Die
Aufgabe von Wissenschaftlern ist es, der Wahrheit und allein der
Wahrheit nachzuspüren. Dazu muss man uneitel sein und allein dem
besseren Argument folgen – auch dann, wenn es sich gegen einen selbst
richtet. Diese charakterliche Disposition muss man durch Wiederholung
einüben. Der Ort, an dem dies vor allem zu geschehen hat, ist das
akademische Seminar. Wissenschaftliche Ausbildung hat etwas mit
Erziehung zu tun, mit Charakterbildung. Und verantwortlich dafür sind in
erster Linie die Professoren.
Ausgerechnet die viel gepriesene
Bildungsexpansion und mit ihr die Massenuniversität erweisen sich damit
als zentrale Ursachen für den Verlust an Wissenschaftlichkeit unter
Deutschlands akademischen Eliten. Doktortitel sind zur Dekoration eines
neuen Bildungsadels verkommen.
Früher einmal hatte ein Professor
20, 30 oder 50 Studenten und konnte sich intensiv um sie kümmern, sie
erziehen. Heute sind es nicht selten Hunderte, vor allem in den
Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften. Und jetzt mal ehrlich:
Angenommen, Sie hätten 400 Kinder: Wie viele von Ihnen könnten Sie dann
vernünftig erziehen?
Die Politisierung der Universitäten
Aus
demselben Grund übrigens dürften zahlreiche akademische Disziplinen
heute so politisiert sein. Anstatt der manchmal unbequemen Wahrheit
nachzuspüren, werden politische Deutungskämpfe ausgetragen und
Lehrstühle immer öfter anhand von Fragen weltanschaulicher Konformität
vergeben. Die heutigen Professoren sind selbst unter Bedingungen einer
Massenuniversität geprägt worden. Sie geben an ihre Schüler bloß das
weiter, was sie selbst nicht mehr gelernt haben. Und in denselben
Stätten wurden unsere heutigen Journalisten ausgebildet.
Der
Plagiatsforscher Stefan Weber hat wenig Hoffnung, dass sich die Dinge
zum Besseren wenden werden. Er sieht in Sachen akademische Plagiate
verschiedene Wellen. Die erste kam zwischen den Jahren 2000 und 2010
auf, mit einem Höhepunkt in der Mitte des Jahrzehnts. Aus dieser Zeit
stammt auch die Arbeit Badenbergs. „Damals konnte man noch mit der
Methode Copy-and-Paste arbeiten“, so Weber. Es hätte anfangs noch keine
entsprechende Software gegeben, um Plagiate aufzuspüren. Und als sie
endlich auf dem Markt war, hätten die Universität über Jahre hinweg
regelrecht dazu gedrängt werden müssen, systematisch mit ihr zu
arbeiten.
Nach dem Jahr 2010 ebbte das Phänomen „Copy an Paste“ dann ab. Die
Akademiker der Zukunft hatten erkannt, dass das Betrugsschlupfloch durch
Plagiatssoftware zumindest deutlich kleiner gemacht wurde. Aber das
läuft nicht auf eine gute Botschaft hinaus.
Nach Webers
Einschätzung rollt eine zweite Welle auf die akademische Landschaft zu –
diesmal verursacht durch Künstliche Intelligenz (KI). Das Vorgehen sei
ganz einfach, so Weber: „Man kann sich heute problemlos durch eine KI
eine Doktorarbeit schreiben lassen. Vor zwei Jahren halluzinierten die
Maschinen noch erfundene Quellenangaben, Autoren und Zitate herbei, aber
das Problem scheint weitestgehend gelöst.“
„Die Möglichkeiten des Betrugs werden größer“
Viele
erhoffen sich nun, KI-erzeugte Texte durch andere KI-Tools aufzuspüren.
Die Plattform Pangram ist so ein Fall. Jedoch könne sie umgegangen
werden: „Man muss die von einer KI geschriebene Doktorarbeit nur durch
eine Paraphrasierungsmaschine laufen lassen, um den KI-Ursprung zu
verschleiern. Die Möglichkeiten des Betrugs werden nicht kleiner,
sondern größer.“ Und die Universitäten verschliefen diese Vorgänge wie
schon vor 20 Jahren.
Man darf sich daher auf einen andauernden
Wettbewerb zwischen den KI-Maschinen einstellen. Auf der einen Seite
werden Tüftler Tools entwickeln, um KI-generierte Texte aufzuspüren. Und
auf der anderen Seite werden Tüftler daran arbeiten, Gegentools zu
entwickeln, um die neuen Technologien zu umgehen. Ein wenig erinnert das
an das Wettrüsten im Kalten Krieg.
Gegen diese uferlose Spirale,
die auf einen andauernden Niedergang echter Wissenschaft hinausläuft,
gibt es nur eine Medizin: Die Universitäten müssen Wissenschaft als eine
Charakterfrage wieder entdecken. Wenn dies nicht geschieht, ist dem
System nicht zu helfen.
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