Rentenwahlkampf: Wie die Ost-CDU den AfD-Aufstieg befördert
Gabor Steingart, 05.08.2026
Das DIW beziffert die Belastung der Rentenkasse durch die Beibehaltung der alten Regel auf rund 9,5 Milliarden Euro je Rentnerjahrgang. Plus: Etwa 125.000 Vollzeitkräfte würden mutwillig dem Arbeitsmarkt entzogen. Das ist viel Geld und viel Personal angesichts der Tatsache, dass die Rentenversicherung schon heute als Versicherung nicht funktioniert und mit mehr als 120 Milliarden Euro aus der Steuerkasse über Wasser gehalten werden muss.
Ärgerlich, weil ignorant: Das Ende der Frühverrentung wurde von der Rentenkommission nicht aus Böswilligkeit vorgeschlagen, sondern als Reflex auf die Kassenlage und als Antwort auf die steigende Lebenserwartung. Denn ein immer größerer Lebensabschnitt muss von einer spürbar schrumpfenden Kohorte der Beitragszahler finanziert werden.
Jeder, der es wissen will, weiß es: Das ist eine Rechnung, die nicht aufgehen kann.
#3 Es gibt keine Gerechtigkeitslücke
Die drei Ost-Ministerpräsidenten argumentieren, dass Ost-Biografien durch die Rentenreform benachteiligt würden. In ihrem gemeinsam verfassten Brief an die Bundesregierung heißt es:
Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren hat in unseren Ländern besonderes Gewicht, weil verhältnismäßig viele Menschen diese Anzahl an Beitragsjahren tatsächlich erreichen.
Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil:
Wer heute in den neuen Ländern 45 Beitragsjahre vorweisen kann, hat
einen erheblichen Teil davon in der DDR erworben. Eingezahlt wurde
damals nicht in harter D-Mark, sondern in der weitgehend wertlosen DDR-Mark, die von der eigenen Bevölkerung als Alu-Chip verspottet wurde.
Warum das wichtig ist: Was in einer Weichwährung eingezahlt wurde, soll nun in harten Euro ausgezahlt werden. Das bedeutet: Es gibt hier keine Gerechtigkeitslücke, eher vielleicht eine Dankbarkeitslücke. Die drei Ost-Ministerpräsidenten haben sich nicht als Anwälte der ökonomischen Rationalität betätigt, sondern als Lobbyisten bestimmter Wählergruppen.
#4 Nebenkriegsschauplatz Brandmauer
Die Ministerpräsidenten im Osten schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD weiterhin aus – auch wenn Kretschmer den Begriff „Brandmauer“ inzwischen für untauglich hält: „Wer noch über Brandmauern redet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“
Inhaltlich
mag die Abgrenzung weiterhin geboten sein, weil die AfD den Geist eines
überwunden geglaubten Nationalismus atmet. Für eine Exportnation ist
die „Deutschland über alles“-Attitüde das reinste Kassengift.
Und dennoch ist es aus wahlstrategischen Gründen wenig hilfreich, die Wähler mit dieser Ausgrenzungsrhetorik regelrecht in die Arme der AfD zu treiben. Der ehemalige SPD-Kanzleramtsminister und heutige Chef der Brost-Stiftung, Bodo Hombach, hat sich erst gestern dazu bei The Pioneer klug geäußert:
Ausgrenzung ist nie nur Ausschluss. Sie ist auch Reiz, Kränkung, Widerstand. Wer dauerhaft ferngehalten wird, kann gerade daraus neue Zustimmung gewinnen. Nicht trotz der Brandmauer, sondern wegen ihr. Die Barriere soll abwehren, aber sie erzeugt auch Anziehung.
#5 Spätzünder Schulze
Durch den späten Wechsel in Sachsen-Anhalt, von Ministerpräsident Reiner Haseloff auf Sven Schulze, hatte der 47-Jährige kaum eine Chance, sich den Nimbus des Landesvaters zu verdienen. Dabei bietet gerade dieser Amtsbonus eine Art Immunisierung gegen Angreifer aller Art.
Haseloff
hat lange – zu lange – gezögert und erst Ende Januar dieses Jahres die
Staatskanzlei übergeben. Schulze – der viele Jahre im Europaparlament
saß und zu Hause daher weitgehend unbekannt war – blieb lange im Unklaren. So verstrich wertvolle Zeit, die dem neuen Ministerpräsidenten nun fehlt. Sein Gegenkandidat Ulrich Siegmund, 35 Jahre alt und Fraktionschef der AfD im Landtag, hat ihn bei den persönlichen Zufriedenheitswerten mittlerweile überholt: 35 zu 29 Prozent.
Fazit: Am Wahlabend werden die Ost-Ministerpräsidenten
schon aus Gründen des Selbstschutzes nach Berlin zeigen, auf Kanzler
Merz und die verstolperte Kabinettsumbildung. Doch zur Wahrheit gehört
auch die Feststellung, dass die sich abzeichnende Niederlage mehrere Väter hat. Einige wohnen in Magdeburg, Dresden und Erfurt.

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