30 August 2026

Attentat in Berlin Erstmals sprechen Opfer des CSD-Anschlags über die Tat (WELT)

Attentat in Berlin

Erstmals sprechen Opfer des CSD-Anschlags über die Tat (WELT)
„Ich habe dann so ein Zischen gehört und sah, dass meine Lunge nach außen trat.“ Luise D. und Sebastian S. wurden bei dem CSD-Attentat lebensgefährlich verletzt – nicht von einem Auto, sondern von einem Mann mit einer Machete.
Von Benjamin Scherp, Dominik Steffens, 27.08.2026, 8 Minuten
Eigentlich wollte er um diese Zeit bereits auf dem Heimweg sein. Aber Sebastian S. hat sich „festgequatscht“. Er steht mit einer Gruppe von etwa 14 Freunden im Berliner Tiergarten nahe der Statue „Amazonen zu Pferde“ und amüsiert sich ausgelassen. Teil der Gruppe ist auch Luise D. (Name geändert, aber der Redaktion bekannt).
Die Freunde waren beim Christopher Street Day feiern. „Es war sogar noch eine Reiterstaffel der Polizei da, mit einem Pferd mit Skibrille, was uns sehr amüsierte“, erinnert sich Sebastian im „based.“-Podcast. Dann geht alles ganz schnell. Ein Mann springt aus dem Gebüsch und sticht auf sie ein. Wenige Sekunden später kämpfen sie bereits um ihr Leben.
„Ich habe dann so ein Zischen gehört und sah tatsächlich, dass meine Lunge nach außen trat“, erzählt Sebastian. Während der 47-Jährige davon berichtet, wirkt er ruhig, fast schon routiniert. In den vergangenen Wochen hat er die Tat gegenüber den Behörden immer wieder erläutern müssen.
Obwohl ganz Deutschland über den Anschlag gesprochen hat, fühlen sich die beiden Freunde nicht wahrgenommen. „Mein Attentat hat bis jetzt gar nicht stattgefunden. Ich hätte sterben können, hätte behindert sein können, ich hätte entstellt sein können“, schildert Luise ihre Beweggründe, sich jetzt öffentlich zu äußern. „Für mich ist das belastend, dass wir einfach nicht stattfinden“, sagt die Enddreißigerin.
Zu wenige Menschen hätten von dem Macheten-Attentat überhaupt gehört. Meist sei nur von dem weißen PKW, mit dem Abdul Ballout mehrere Menschen verletzte und eine Frau tötete, die Rede. „Die Leute erklären mich teilweise für verrückt. Egal wo ich hingehe, muss ich aufs Neue erzählen, dass ich mit einer Machete im Tiergarten angefallen wurde.“ Das ging dann sogar so weit, dass einige das gar nicht glauben wollten und das dann in Zweifel gezogen haben“, bemängelt Sebastian.
Der Täter kam aus dem Gebüsch
Unklar ist, was genau passiert, nachdem Ballout aus dem Fahrzeug sprang. Es ist eine Frage, die die Ermittler bis heute beschäftigt. Nun könnten Luise D. und Sebastian S. für etwas mehr Klarheit sorgen. Als ein Mann am 25. Juli aus dem Gebüsch springt und auf die Freundesgruppe zustürzt, dämmert es im Berliner Tiergarten bereits. „Der kam auf mich zu, der hatte eine Machete in der Hand.“

Luise wird als Erste schwer verletzt. Mehrfach trifft der Täter sie mit der Stich- und Hiebwaffe im Oberkörper. Sie erleidet schwere innere Verletzungen und ist sofort bewusstlos. Der Blutverlust ist groß.

Erst die Schreie von Luise lassen Sebastian begreifen, was vor ihm passiert. Er geht auf den Angreifer los, versucht, ihn aus der Bahn zu werfen. „Ich habe den so geschubst, aber leider nicht kräftig genug, so dass der mich mit einem kräftigen und einem kleineren Hieb mit der Machete bedacht hat.“

Der Angreifer zertrümmert Sebastian mehrere Rippen und trifft seine Lunge. Der Schwerverletzte rennt über die Wiese, auf der Suche nach Hilfe. „Ich dachte wirklich, ich werde da sterben. Das Blut floss aus mir raus, meine Lunge quoll heraus und ich bin dann da zusammengebrochen auf die Knie.“

Eine fremde, junge Frau sieht ihn. Sie hält das Ganze zunächst für einen Scherz. Als ihr der Ernst der Lage bewusst wird, leistet sie erste Hilfe und legt ihm einen Druckverband an. Später kümmert sich ein Polizist um ihn und versucht, ihn wach zu halten. Erst die eintreffenden Rettungskräfte können verhindern, dass Sebastians Lunge kollabiert.

Während mehrere Menschen verletzt am Boden liegen, setzen sich andere aus der Gruppe zur Wehr. Es gelingt ihnen, den Angreifer zurückzudrängen. Die Freunde berichten ihr zufolge später, dass eine Bierflasche den Täter am Kopf trifft. Der Mann flieht. „Der Islamist wurde mit einer Bierflasche zum Abmarsch gezwungen“, kommentiert Luise sarkastisch.

Luise schwebt bis in die frühen Morgenstunden in Lebensgefahr. Erst am nächsten Tag und nach einer nächtlichen Not-Operation wacht sie im Klinikum auf. Sebastian übersteht eine fünfeinhalbstündige Not-OP im Virchow-Klinikum. Zwischenzeitlich sei er klinisch tot gewesen, berichtet er.

Im Freundeskreis von Luise und Sebastian gibt es verschiedene Erinnerungen an die chaotische Situation am Tatort. Auch die Versionen von Luise und Sebastian widersprechen sich in Teilen.

Für die Fahndung ist Abdul Ballout als circa 1,90 bis 1,95 Meter großer Mann mit einer hellen Hose beschrieben worden. Luise ist sich absolut sicher, dass der Täter, der sie angegriffen hat, nicht dieser Mann gewesen sein kann. „Der Mann, den wir gesehen haben, war ganz sicher nicht 1,90, sondern kleiner“, berichtet sie.

Zudem habe der Täter definitiv keine helle Hose getragen, sondern eine Jeans oder eine dunkelgraue Hose sowie einen schwarzen Pullover. Auch schlank sei der Angreifer im Gegensatz zur offiziellen Beschreibung nicht gewesen. Allerdings dreht Luise sich bei der Attacke vom Angreifer weg und verliert kurz darauf das Bewusstsein.

Sebastian geht hingegen davon aus, dass der Mann mit der Machete Ballout gewesen sei: „Das LKA hatte mir im Krankenhaus verschiedene Mugshots gezeigt. Und da hatte ich dann auch auf den gezeigt.“ Die Angabe aus den Medien, der Gesuchte sei 1,95 Meter groß, hält Sebastian für eine Falschmeldung. Wie Luise, sagt auch er, der Täter sei vielmehr in seiner eigenen Größe von circa 1,83 Meter oder etwas kleiner gewesen.

Gerüchte um einen zweiten Täter

Früh kursieren nach der Tat Gerüchte, dass es einen zweiten Täter gegeben haben soll. Im Tiergarten wird zunächst auch der Iraner Taymaz S. festgenommen und in die Gefangenensammelstelle am Tempelhofer Damm gebracht. Dort wird er verhört und wenig später wegen Mangels an Beweisen wieder freigelassen.

Nach Informationen dieser Redaktion wird S. nach seiner Freilassung zunächst beobachtet. Die Polizei durchsuchte in den Tagen nach der Tat mehrfach den Tiergarten und tauchte in der Spree nach der Tatwaffe Ballouts – denn die ist bis heute verschwunden. Als Ballout in einer Kleingartensparte in Spandau erschossen wurde, hatte er ein anderes Messer bei sich. Aber keine Machete.

Während Luise nur einen einzigen Angreifer sah, hatte Sebastian vor Ort die Wahrnehmung, dass zwei Personen aus dem Gebüsch traten und miteinander agierten. Dennoch bleibt auch für ihn unklar, ob es sich um einen echten Mittäter oder einen unbeteiligten Dritten handelte.

Sebastian verweist zudem auf Berichte eines anderen verletzten Patienten, dass nach dem Aufprall des Tatfahrzeugs eine zweite Person aus dem Fahrzeug des Haupttäters gestiegen sein soll. In dem gemieteten Auto wurde nach Polizeiangaben allerdings nur Ballouts DNA gefunden. Die Polizei hat diese These mittlerweile verworfen.

Der Verdacht auf einen zweiten Täter hat sich bisher nicht erhärten lassen. Doch weder die Polizei noch das Bundeskriminalamt oder der Generalbundesanwalt in Karlsruhe machten hierzu auf Nachfrage von WELT Angaben. Auch gegenüber den Überlebenden sagen die Ermittler nichts. „Sie wollen immer nur Informationen von uns haben. Wir kriegen von denen gar keine Informationen“, sagt Luise. Das habe ermittlungstaktische Gründe, heiße es dann von der Polizei.

„Ich wüsste einfach gerne, ob der Typ noch rumrennt. Ich weiß nicht, warum das zu viel verlangt sein sollte. Selbst wenn die uns das unter der Hand gesagt hätten, wäre es ja für mich in Ordnung gewesen.“

Für Verärgerung mit den Behörden sorgen auch nächtliche Anrufe der Ermittler. Luise berichtet, dass Zeugen aus ihrem Freundeskreis wenige Tage nach dem Anschlag mitten in der Nacht kontaktiert worden seien. Ein Freund habe um 2.30 Uhr morgens telefonisch als Zeuge befragt werden sollen.

Auch Sebastian wird nach eigenen Angaben mehrfach nachts befragt, unter anderem auf der Intensivstation, während er sich noch von seinen schweren Verletzungen erholt. Das ist übliche Polizeipraxis in einer Bedrohungslage wie dieser.

Die Umstände seien für ihn belastend gewesen. Er resümiert dennoch: „Ich wollte nur sagen, dass die Beamtinnen und Beamten an sich auf jeden Fall sehr vorsichtig und auch empathisch und höflich waren.“ Gewünscht hätte er sich dennoch, dass Vernehmungen von Schwerverletzten und Zeugen zu normalen Tageszeiten stattfinden.

Der Berliner Bürgermeister Kai Wegner lud Sebastian und Luise am 24. August mit anderen Betroffenen zu einer Veranstaltung ins Rote Rathaus ein. Wieder sei dort vielfach die Rede von einem Fahrzeug-Anschlag auf die queere Community gewesen, so die Überlebenden. Die Macheten-Tat im Tiergarten bleibt Nebensache.

„Ich nenne jetzt mal keinen Namen, aber da waren durchaus einige Rednerinnen und Redner, die das gar nicht als islamistischen Anschlag deklariert haben, sondern als allgemeinen Angriff auf die queere Community“, so Sebastian. Außerdem: „Von der Machete kein Wort.“

Für Luise verstärkt sich ein Eindruck, der sie seit dem Anschlag begleitet. Sie habe immer wieder das Gefühl, dass die Opfer dieser Attacke in der öffentlichen Debatte kaum vorkämen – und wenn, dann häufig verfälscht.

Sie führt weiter aus: „Das ist ein Islamist. Er hasst auch Frauen und Schwule. Das tut für mich nichts zur Sache, dass das in der Nähe vom CSD war.“ Luise ist wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß: „Ich wurde in einem Park von einem Islamisten mit einer Machete attackiert.“

Benjamin Scherp und Dominik Steffens sind Volontäre an der Axel Springer Academy. Die Academy bildet die nächste Generation führender Journalistinnen und Journalisten aus. Praxisnah, innovativ und mit klarem Fokus auf die Zukunft des Journalismus.

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