26 August 2026

Die Trennung von Islam und Islamismus ist anmassend und nutzlos. Der Westen sollte lieber seine freiheitlichen Prinzipien konsequent durchsetzen (NZZ)

Die Trennung von Islam und Islamismus ist anmassend und nutzlos. Der Westen sollte lieber seine freiheitlichen Prinzipien konsequent durchsetzen (NZZ)
Säkularisierte Europäer meinen zu wissen, wie Muslime ihren Koran richtig auszulegen haben. Diese Mischung aus religiösem Analphabetismus und Ignoranz verstellt den Blick auf die Realität: Integration gelingt nur durch das Pochen auf den Rechtsstaat.

Gemäss der gängigen Definition sind Islamisten Personen, die Staat und Gesellschaft nach religiösen Werten und Normen des Islam umgestalten wollen. Doch woher sollen säkulare Amtsträger im Bundestag oder im Schweizer Parlament wissen, was der «eigentliche» Islam zu dieser Idee sagt?
Auf welcher theologischen Grundlage wollen Journalisten und Fernsehmoderatoren in Zürich und Berlin das beurteilen? Wie können sie sicher sein, dass Millionen von Muslimen in Europa sich keine Gesellschaft nach islamischer Ordnung wünschen und dass sie eine solche auch dann nicht unterstützen würden, wenn die Mehrheitsverhältnisse es zuliessen? Mit welchen theologischen Argumenten können sie urteilen, dass Muslime mit dem Wunsch nach einer islamischen Gesellschaft Islamisten seien, also Muslime, die ihre Religion nur für politische Zwecke missbrauchen?
Welche Mitglieder des EU-Parlamentes oder einer öffentlichrechtlichen Tagesschauredaktion sollen ernsthaft begründen können, wann ein Muslim den Koran richtig auslegt, so dass diese Auslegung kompatibel ist mit dem Westen?
Allgemeiner religiöser Analphabetismus
In Wahrheit ist es anmassend, zu glauben, man könne als Nichtmuslim unterscheiden zwischen richtig verstandenem und missbrauchtem Islam. Ja, es ist absurd angesichts der Tatsache, dass der religiös indifferente Durchschnittseuropäer von heute nicht einmal das Christentum als geistliche Wurzel seiner eigenen Kultur versteht.

Richtig zugeordnet gehört die Unterscheidung zwischen der spirituell-geistlichen und der politischen Dimension des Islam in den Innenbereich dieser Religion selbst. Sie gehört in den theologischen Raum, in dem der Prophet Mohammed, der Koran, die Sunna und die Hadithe entscheidend sind. In diesem Innenbereich mögen Muslime weltweit zu verschiedenen Vorstellungen darüber kommen, wie der Islam im 21. Jahrhundert gelebt werden soll.

Stattdessen hat sich die Rede vom Islamismus offensichtlich als politischer Kunstgriff für Meinungsmacher und Politstrategen etabliert, der es erlaubt, einer realen Auseinandersetzung mit der Gründungs- und der Wirkungsgeschichte des Islam auszuweichen.

Der Glaube ist mehr als ein Trostpflaster

Der allgemeine religiöse Analphabetismus, besonders in den bürgerlichen Kreisen westlicher Metropolen, verleitet heute offenbar viele zu der Annahme, Religionen seien Konstrukte einer vormodernen Kultur und könnten mit den richtigen Bildungs- und Integrationsmassnahmen gesellschaftsverträglich dekonstruiert werden. Man stellt sich unter dem Islam eine Reihe von Überzeugungen vor, die durch genug Wohlstand und soziale Teilhabe verändert und eines Tages überwunden werden können. Damit wäre Religion eine vorläufige Kulturstufe auf dem Weg zu einer fortschrittlichen Gesellschaft.

Ein solches Denken ist Ausdruck einer Weltanschauung ohne religiöses Organ, ohne Sinn für Transzendenz oder für die spirituelle Dimension des Daseins. Wer alles auf Evolution, Wohlstand, Wissenschaft, Technik und Konsum reduziert, wird blind für das, was Glaube im Leben eines Muslims, eines Christen oder eines Buddhisten bedeutet.

Für fromme Menschen ist Religion nicht vormodernes Brauchtum, hilfreicher Mythos oder ein eingebildetes Trostpflaster für schlechte Zeiten. Sondern Religion ist die alles durchdringende Wirklichkeit, die sich aus dem Urgrund des Lebens speist; der Horizont jeder Sinnfrage und Entscheidung, die Grundlage jedes Urteils über Gut und Böse, über Tun und Lassen.

Der Islam ist keine unterentwickelte Kultur

Sowenig das Christentum eine Kultur ist, die von primitiven Vorfahren erfunden wurde, um sich die Angst vor dem Tod oder vor den Schrecken der Existenz zu nehmen, so ist auch der Islam keine Kultur, die aus Unterentwicklung entstanden ist. Man könnte sogar sagen, dass es sich umgekehrt verhält: Die islamische Kultur ist das Produkt des Islam, also das Produkt des Propheten Mohammed, des Koran und der auslegenden Rechtsschulen im theologischen Mainstream schiitischer oder sunnitischer Prägung. Ganz ähnlich, wie die Kultur Europas das Produkt der christlichen Religion ist, kombiniert mit dem Erbe der antiken Philosophie, dem römischen Rechtsdenken und der aufklärerischen Offenheit für Vernunft und Wissenschaft.

Wer diese Zusammenhänge nicht kennt, der versteht nichts. Er ist blind für die Wurzeln des Westens und ebenso für die Quellen des Islam. Und er wird falsche Entscheidungen treffen.

Bewegt man sich mit einer solchen Blindheit durch die Welt, mag man in der Tat glauben, dass alle Religionen irgendwie gleich seien und dass sie keine Rolle mehr spielen würden, sobald Menschen die Segnungen der postmodernen Wohlstandskultur empfangen hätten. Man mag glauben, dass auch EU-Muslime in derselben entspannten Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Religion leben werden wie der konfessionslose Franzose oder Deutsche. «Gelungene Integration» meint dann einfach die Angleichung aller Personen an den technisch-wirtschaftlich getriebenen Lebensstil der Gegenwart.

Das ist kein politisches Programm. Das ist ein Glaube. Der Glaube an die Erlösungskraft von Ökonomie und Besitz. Der Glaube daran, dass das, was dem europäischen Christentum in zwei Generationen widerfahren ist – die Privatisierung, Banalisierung und Aushöhlung des Glaubens –, sich bei Muslimen ebenfalls ergeben wird.

Jedem Menschen ist die freie Gesellschaft zumutbar

Diese Mischung aus Grössenwahn und Ignoranz zeigt sein Gesicht in der öffentlichen Debatte nicht direkt, sondern versteckt sich unter der politisch korrekten Maske. Man gibt sich postkolonial und inklusiv, um fremde Kulturen nicht zu diskriminieren. Im Grunde ist man jedoch unfähig, den anderen als anderen ernst zu nehmen. Man behandelt Muslime wie noch nicht integrierte, säkularisierte Europäer, die am Seelenballast ihres Glaubenssystems leiden.

Das ist keine freiheitliche Position gegenüber dem Islam, sondern eine Anleitung, Muslime wie Minderjährige der Geschichte zu behandeln. Eine freiheitliche Position bestünde darin, allen Menschen zuzutrauen, eine freie Gesellschaft mit entsprechenden Toleranzzumutungen auszuhalten, wobei alle Religionen und politischen Gruppen an den gleichen Massstäben gemessen werden.

Es muss Klarheit herrschen: Die rechtsstaatlichen Regeln, die in Europa gelten, werden durchgesetzt, egal, was jemand glaubt. Meinungsfreiheit, Freiheit zum Religionswechsel, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols sind nicht verhandelbare Prinzipien und bedürfen keiner Legitimation durch den Koran – so, wie der Koran keiner Legitimation durch den Staat bedarf.

Eine Nation, die freiheitliche Prinzipien selbstbewusst verteidigt und durchsetzt, kann darauf verzichten, zu beurteilen, ob Muslime den Islam richtig oder falsch verstehen. Sie muss nur darauf achten, dass sich alle an Gesetz und Ordnung halten und dass jene, die es nicht tun, bestraft oder ausgeschafft werden. Für Einwanderer gibt es kein allgemeines Recht auf ein Leben in Europa. Aber es gibt das Privileg, aus Überzeugung an der Freiheitsgeschichte des Westens mitzuwirken und sich ein besseres Leben aufzubauen, in Loyalität zum säkularen, religionsneutralen Staat.

Giuseppe Gracia ist Herausgeber des Magazins «Schweizer Monat».

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