Deutsche arbeiten nur 10 Prozent ihres Lebens: Wir verlieren den Fleiß-Wettlauf!
Gabor Steingart, Freitag, 12.12.2025
In China beträgt die jährliche Arbeitszeit eines Erwerbstätigen weit über 2000 Stunden, in den USA liegt diese Zahl bei 1800 Stunden, und in Deutschland wurde laut OECD 2022 durchschnittlich nur noch 1349 Stunden gearbeitet. Das liegt auch an den hohen Fehltagen, die durch Krankschreibung verursacht sind. Nahezu drei Wochen fehlt ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer laut Angaben der Techniker Krankenkasse. Das ist wohl ein weltweiter Rekord, der dem produktiven Kern messbar Energie entzieht.
Produktive Lebenszeit und Finanzierungslasten – Deutschlands demografische Rechnung
Das ist für die Mehrzahl aller Erwerbstätigen eine Gleichung, die nicht aufgeht. Aber in Wahrheit muss der Leistungsträger nicht nur für sich anschaffen, sondern auch für Millionen von Menschen, die nie oder nur geringfügig am Erwerbsleben teilnehmen. Ihre Haushaltseinkommen sind auf Energietransfers aus dem produktiven Kern dringend angewiesen.
Aber wenn die Maschine künftig für die Menschen mitarbeitet, werden manche sich fragen, wozu dann die Plackerei? Gehört nicht die Zukunft der menschenleeren Fabrik und erlauben uns nicht die enormen Produktivitätsgewinne ein Mehr an Müßiggang?
Automatisierung, Maschinen und Arbeitswelt – Grenzen des technischen Fortschritts
In einer statischen Weltwirtschaft wäre das der Fall. In einer globalen Wettbewerbssituation trifft das nicht zu. Andere Nationen nutzen die durch Maschineneinsatz frei gewordene Arbeitszeit unverzüglich für neue profitable Unternehmungen. Sie wissen: Nur im Zusammenspiel von Kapital und Arbeit entsteht Wohlstand.
Hinzu
kommt: Der bisherige Weg, Arbeit durch Kapital zu ersetzen, die
Maschine an die Stelle des Menschen zu rücken, findet dort seine
Grenzen, wo die Rentabilität des Kapitaleinsatzes sinkt, weil
zusätzlicher Gewinn kaum mehr zu erwarten ist. In den modernen
Dienstleistungsberufen, bei Werbeagenturen und Bankberatern, aber auch
bei den weniger modernen Dienstleistungen, den Friseuren und Verkäufern,
nützt ein erhöhter Kapitaleinsatz oft nicht viel.
Kapitalrendite und Produktivität – Warum Investitionen an Grenzen stoßen
Die Kapitalrentabilität sinkt, weil durch mehr Technik sich nicht mehr Gewinn erzielen lässt. Der Kapitaleinsatz pro Arbeitskraft ist in Deutschland seit 2010 durchschnittlich um drei Prozent jährlich gestiegen.
Auch in der Auto- und Chemieproduktion, bei Pharma- und Computerherstellern bringt zusätzlicher Kapitaleinsatz seit Längerem kaum mehr Nettoertrag. Die Kapitalseite hat seit Jahren mit sinkender Rentabilität zu kämpfen, bei jeder Milliardeninvestition nimmt der Grenznutzen weiter ab. Also sucht der Kapitalist nach Anlagebedingungen, von denen er sich mehr verspricht, mehr Gewinn vor allem. Die Direktinvestitionen der Deutschen im Ausland steigen und steigen, was den Firmenbilanzen nützt und unserer heimischen Arbeitsplatzbilanz im Gegenzug sehr schadet.
Abwanderung der Industrie – Auslandsinvestitionen und Folgen für den Standort
Die VW-Group beschäftigt in Deutschland nur noch 43 Prozent ihrer Belegschaft. Adidas lässt vornehmlich in Asien fertigen. Auch Mercedes, Siemens, BASF und die Deutsche Bank sind mit Werken beziehungsweise Verwaltungseinheiten in aller Welt vertreten. Rund sechs Millionen Auslandsarbeitsplätze werden nach Schätzungen des Münchner ifo Instituts derzeit von deutschen Firmen betrieben. Indonesier, Malaysier, Chinesen, Vietnamesen, Südkoreaner, Inder, Polen, Ungarn, Slowaken, Rumänen profitieren davon, dass in Deutschland eine Schmelze im produktiven Kern eingesetzt hat.
Die stolzen Umsatz- und Gewinnzahlen, die alle deutschen Konzerne Quartal für Quartal melden, sind auch das Werk der ausländischen Mitarbeiter. Ohne die Gewinne aus China könnten VW und BASF, um nur zwei Beispiele zu nennen, heute nicht überleben. Auch ohne die deutschen Probleme würden die Unternehmen schon aus Gründen der Markterschließung im Ausland investieren, aber eben nicht so stark. Ihr Abschied trägt alle Züge einer Flucht, die nur deshalb nicht so genannt wird, damit zu Hause keine Unruhe aufkommt. Kernindustrien des Landes, wie die Textilfabriken, haben vor Jahrzehnten mit ihrem Umzug nach Ost- und Südeuropa sowie Fernost begonnen.
Strukturwandel beschleunigt sich – Mittelstand und Konzerne ziehen weiter
Neuerdings gehen auch die Softwarehersteller, die Autozulieferer, die Druckereien, die Schiffbauer, und selbst moderne Dienstleister wie die Betreiber von Call-Centern und das Investmentbanking fühlen sich auswärts deutlich wohler. Es sind die kleineren und mittleren Firmen, die sich lautlos verabschieden. Aber auch die Großen schichten ihr Personal in großem Tempo um.
Von BASF über Mercedes, Bayer und SAP bis zu VW: Die Zahl der Auslandsbeschäftigten steigt, die Beschäftigung im Inland fällt. Viele inländische Standorte – darunter das VW-Stammwerk in Wolfsburg und der größte Chemiekomplex in Europa, die Anlage der BASF in Ludwigshafen – sind unter Druck geraten. Die Mischung aus teurer Energie, hohen Löhnen und exorbitant gewachsenen Bürokratiekosten ist toxisch und lässt den produktiven Kern Deutschlands weiter schrumpfen. Die ökonomische Energie, die dennoch zu steigenden Gewinnen und Börsennotierungen führt, wird aus den Auslandswerken in die deutschen Bilanzen eingespeist.
Endspiel der Industrie – Standortfaktoren und Zukunft des Arbeitsmarktes
Fazit: Damit ist die soziale Spaltung perfekt. Auf den Vorstandsetagen entkorkt man angesichts immer neuer Börsenrekorde den Champagner. Der Industriearbeiter aber wird stillgelegt. Wenn er höflich ist, zieht er sich grummelnd mit Netflix aufs Sofa zurück. Wenn nicht, stört er mittags schon das Stadtbild des Kanzlers.

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