Ich werte Medien aus, die dem Mainstream nicht immer entsprechen. Vorsicht: leichte Kontaktschuldgefahr (WELT, NZZ, Pioneer, Cicero, Focus) -
Vorsicht: große Kontaktschuldgefahr: Alternative Medien (NIUS, Tichys Einblick, EpochTimes, Apollo News)
und Harald Martensteins Anti-AfD-Verbot-Rede (Cicero)
Ein Plädoyer von Harald Martenstein gegen ein
AfD-Verbot ist viral gegangen. Gehalten hat er es im Rahmen der
Inszenierung „Prozess gegen Deutschland“ am Thalia Theater. Mit
eindrücklichen Worten warnt der Kolumnist vor einem solchen Schritt. Ein
Fundstück von Ben Krischke.
EIN FUNDSTÜCK DER CICERO-REDAKTION am 15. Februar 2026
Es ist eine ungewöhnliche Aktion. Unter dem Titel „Prozess gegen
Deutschland“ hat der Regisseur Milo Rau eine aufwendige Theaterpremiere
rund um die Frage eines möglichen AfD-Verbots am Thalia Theater in
Hamburg inszeniert. Die Krux: Es kommen echte Akteure zu Wort. Gegner
und Befürworter, eine reale Richterin sogar, Ankläger und Verteidiger,
AfD-Vertreter. Als Livestream wird das Ganz im Internet übertragen,
einen Blog gibt es auch. Sieben Geschworene sollen am Ende ein Urteil
sprechen.
Neben unter anderem der ehemaligen
AfD-Politikerin Frauke Petry, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und
einem AfD-Influencer gehört auch der Kolumnist Harald Martenstein,
früher Zeit und Tagesspiegel, heute Welt und Bild zu den
„Sachverständigen“. Er hat eine kluge, eine eindrückliche Rede gehalten
und die richtigen Fragen ans Publikum gestellt. Eine Rede, die viral
gegangen ist und jetzt zahlreich in die Feeds der Social-Media-Nutzer
gespülte wird. Cicero dokumentiert sie an dieser schriftlich, die gesamte Rede können Sie unter anderem hier auch ansehen.
Wir
sprechen hier also in einer Art Schauprozess über das Verbot einer
Partei, die im Westen Deutschlands von 20 Prozent der Menschen gewählt
wird und im Osten von 35 bis 40 Prozent. Mit anderen Worten: Wir reden
über das Ende der Demokratie und ihre Ersetzung durch etwas anderes. Die
Meinung großer und immer noch wachsender Teile der Bevölkerung soll für
die Politik in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Wie soll das neue
System eigentlich heißen? Gelenkte Demokratie? Unsere Demokratie?
Bestimmt fällt Ihnen ein schönerer Name ein.
Ja, Sie haben recht
mit dem, was hier vermutlich vielen gerade durch den Kopf geht. Ja, die
NSDAP hätte man besser verboten. Ob dieser Versuch etwas genützt hätte,
weiß man natürlich nicht. Aber die sogenannte Machtergreifung von 1933
war zweifellos eine Katastrophe und der Vorbote weiterer Katastrophen.
Man musste alles versuchen, um das zu verhindern.
Oldschool-Rechte wie Adenauer oder Reagan
Ich
stelle Ihnen einige Fragen. Die erste: Sind die Begriffe rechts und
rechtsradikal wirklich mehr oder weniger bedeutungsgleich? Ich frage
das, weil beide Begriffe in linken Debattenräumen meist wie Synonyme
verwendet werden. „Kampf gegen Rechts“ – so soll also ein Kampf für die
Demokratie heißen. Es ist ein Kampf gegen die Demokratie.
Rechts
und links sind seit 1789 die beiden Grundrichtungen aller demokratischen
Staaten. Rechte lehnen ein sozialistisches Wirtschaftssystem ab. Sie
verteidigen das Unternehmertum. Sie sind für Traditionen. Sie halten die
Familie für ein gutes Modell, und sie mögen ihr Land. Sie hassen es
nicht.
Eindeutig rechte Politiker haben gegen die Nazis gekämpft
und den Vorläufer der EU gegründet. Sie hießen de Gaulle, Adenauer und
Churchill. Typisch rechte Politiker der jüngeren Geschichte waren
Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Sie lehnen diese Leute ab, okay.
Aber wollen Sie allen Ernstes solche Haltungen verbieten? Dann sind Sie
ein Gegner der Demokratie. Das sollten Sie dann aber auch zugeben. Vor
sich selbst und vor der Welt.
Sie werden einwenden, dass Sie nicht
diese Oldschool-Rechten wie Adenauer oder Reagan meinen, wenn Sie
Verbote fordern. Sie meinen den Populismus. Eine neue Spielart des
Rechten, die in der gesamten westlichen Welt entstanden ist. Nicht nur
in Deutschland. Sie findet Zustrom bei denen, die bisher bürgerliche
oder gemäßigt linke Parteien gewählt haben. Also bei uns Union, SPD,
FDP. Diese Wähler fühlen sich nicht mehr repräsentiert durch das alte
Parteienspektrum.
Das meist abwertend gebrauchte Wort Populismus
suggeriert, dass es ein Fehler wäre, beim Regieren auf die Zustimmung
der Bevölkerung Wert zu legen – genau diese Idee: Alle Macht muss durch
den Willen der Mehrheit gerechtfertigt sein. Das ist nun einmal die
Grundlage unserer Verfassung. Mit einem Verbot mehrheitsfähiger Parteien
entzieht man diesem Staat seine Legitimation und verwandelt ihn in ein
autoritäres Regime. Dafür muss man dann aber schon sehr gute Gründe
haben. Man muss es mit einem Gegner zu tun haben, der selbst die
Demokratie abschaffen will. Man muss sich in einer Notwehrsituation
befinden.
Die Verteidigung der Demokratie
Die
entscheidende Frage ist, ob eine solche Partei legitime Ziele verfolgt
oder illegitime. Es geht also nicht darum, ob Sie oder ich diese Ziele
für richtig halten. Illegitime Ziele wären zum Beispiel die Beseitigung
der Meinungsfreiheit, der Entzug von Grundrechten für Teile der
Bevölkerung oder das Verbot von Parteien, die von den Regierenden als
störend empfunden werden. Ein illegitimes Ziel ist also genau das Ziel,
das Sie mit einem Verbot verfolgen. Man kann mit der Begründung, man
verteidige die Demokratie, die Demokratie nämlich auch abschaffen.
Tatsächlich
war diese Begründung – wir retten die Demokratie – historisch gesehen
eine der beliebtesten bei denen, die sie abgeschafft haben. Kennen Sie
eigentlich die historische Anti-Rechtsbewegung? Das sollten Sie. Unter
diesem Namen wurden 1957 in China fast zwei Millionen Menschen
verhaftet. Bürgerliche Elemente, viele davon Intellektuelle, wurden in
Straflager gesperrt. Dort ermordete man viele von ihnen. Sinn der
Anti-Rechtsbewegung war es, China in einen Einparteienstaat zu
verwandeln. Ja, es gab bis 1957 unter Mao Tse-tung ein
Mehrparteiensystem. Der Kampf gegen Rechts hat mit diesem Unsinn
aufgeräumt. Und hier wurde ja auch schon in mehreren Wortbeiträgen über
ein Verbot der Unionspartei nachgedacht. Das chinesische Modell.
Ähnliche
Parteien wie die AfD waren bereits in mehr als einem Dutzend
europäischer Staaten in Regierungskoalitionen vertreten oder stützten
Regierungen, unter anderem in Skandinavien. Demnächst könnten sie in
Frankreich und Großbritannien regieren. Sie sollten sehen, dass
Deutschland wieder einmal einen Sonderweg beschreitet.
Ist Patriotismus legitim?
Nun
zu einer anderen Frage: Ist es legitim, für Verfassungsänderungen
einzutreten? Es muss wohl legitim sein, denn das Grundgesetz wurde seit
1949 bereits mehr als 50-mal geändert oder ergänzt. Ist es legitim, für
eine restriktive Migrationspolitik einzutreten? Es muss wohl legitim
sein, denn es gibt eine solche Politik in so zweifellos demokratischen
Staaten wie Dänemark oder Australien. Ist es legitim, aus der EU
austreten zu wollen? Das keineswegs faschistische Großbritannien hat es
getan. Ist Patriotismus legitim? Willy Brandt war erklärtermaßen
Patriot. Ich sage es noch einmal: Doch, doch, das war er.
Ich sage
es noch einmal: Bei all diesen Fragen kommt es nicht auf richtig oder
falsch an. Es geht nur darum, ob etwas in einer Demokratie erlaubt sein
muss oder nicht. Es gehört zu den Merkmalen demokratischer Staaten, dass
dort das Spektrum des politisch Erlaubten sehr breit ist. Sie müssen
sich also gegen Ihr Naturell damit abfinden, dass es in einem freien
Land mit freien Wahlen nicht immer so läuft, wie Sie es möchten. Falls
Sie das überfordert, liegt das Problem bei Ihnen und nicht bei denen,
die anders denken als Sie.
Auch Strauß war kein Nazi
Wenn
Sie wollen, dass die AfD verboten wird, müssen Sie nachweisen, dass
diese Partei das Land in ein anderes System überführen möchte. Zum
Beispiel, indem sie alle Parteien ausschaltet, die nicht das Weltbild
der AfD teilen. Also – ich wiederhole mich – indem sie ungefähr das tut,
was einige von Ihnen gern möchten. Aber von einer Verbotsforderung der
AfD gegen die politische Konkurrenz ist bisher nichts bekannt. Es genügt
für ein Verbot keineswegs, dass einzelne Parteimitglieder
rechtsextremen Bullshit von sich geben.
Der Nachweis
dessen ist leicht zu führen. Ich nehme an, davon wird man hier in den
nächsten Tagen noch eine Menge hören. Ich helfe Ihnen. Hier ein paar
wirklich skandalöse Zitate. Sie sind alle belegt.
Zitat 1: „Was
wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten
Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören: in ihre Löcher.“
Zitat 2:
„Wir wollen von niemandem mehr, weder von Washington noch von Moskau,
auch nicht von Tel Aviv, ständig an unsere Vergangenheit erinnert
werden.“
Zitat 3: „Wir brauchen keine Opposition, wir sind schon Demokraten.“
Zitat 4, das letzte: „Ich bin ein Deutschnationaler und fordere bedingungslosen Gehorsam.“
Eklig,
sicher. Spätestens beim letzten Zitat haben es sicher einige erkannt.
All das war Originalton. Nicht etwa von Björn Höcke, sondern von Franz
Josef Strauß, dem CSU-Vorsitzenden, der beinahe Kanzler wurde. Willy
Brandt saß neben ihm im Kabinett. Dass Willy Brandt kein Nazi war, ist
Ihnen ja vermutlich bekannt. Auch Strauß war kein Nazi, nur ein
Reaktionär. Sonst hätte sich Willy Brandt wohl kaum neben ihn gesetzt.
Der Vorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, sagte vor ein paar Tagen im Podcast meines Welt-Kollegen Paul Ronzheimer,
die AfD stehe in einer Traditionslinie mit den Nationalsozialisten. Das
Gleiche würde er vielleicht auch über Strauß sagen, über Ernst Jünger,
über Boris Palmer oder über den Weihnachtsmann. Es ist inzwischen völlig
klar, dass „Nazi“ ein moderner Sammelbegriff für alle ist, die nicht an
den Sieg des Sozialismus glauben oder an die Wokeness.
Republik oder Führerstaat?
Die
Nazis unterschieden sich von Rechtskonservativen. Die Nazis hatten eine
Miliz namens SA, die auf den Straßen Jagd auf Linke machte. Sie machten
keinen Hehl daraus, dass sie Krieg wollten. Sie waren erklärte
Antisemiten. Rassismus war ihr Programm. Sie wollten keine andere
Republik. Sie wollten überhaupt keine Republik, sondern den Führerstaat.
1990 formulierte der amerikanische Autor Mike Godwin eine
sozialpsychologische Theorie. Godwins Law gilt inzwischen als empirisch
bewiesen. Er sagt, dass seit 1950 bei jeder größeren
Meinungsverschiedenheit weltweit irgendwann ein Vergleich mit den Nazis
auftaucht. Dieser Vergleich habe nichts mit der realen Geschichte zu
tun, sondern mit dem Wunsch des Sprechers, seinem Gegenüber die
Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen.
Ist das schon Faschismus?
Auch
Angela Merkel wurde schon von Hugo Chávez mit den Nazis verglichen,
ebenso Peer Steinbrück von irgendwelchen Schweizern. Sie wissen, dass es
zwischen Heinrich Himmler und Alice Weidel ein paar Unterschiede gibt.
Eine offen mit einer andersrassigen Frau verbandelte Lesbe wie Alice
Weidel wäre bei den Nazis ja im KZ gelandet. Wer alle Rechten Nazis
nennt, nur weil sie keine Linken sind, ist wirklich ein historischer
Analphabet. Aber das wäre verzeihlich. Unbildung ist ja kein Verbrechen.
Ihnen werfe ich vor, dass Sie wissen, was Sie tun. Sie wissen, dass Sie
nicht das Vierte Reich verhindern, sondern lediglich Ihre politische
Konkurrenz ausschalten möchten.
Die AfD-Wähler, jedenfalls die
meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas Ähnliches wie
einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu
halten. Man müsste dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte
Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten
Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen
Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau,
wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, dass unsere Schulen
funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muss es nicht
sein. Ist das für Sie Faschismus?
Ich glaube, Sie haben
verdrängt, dass in der Sowjetunion im Namen des Sozialismus neun
Millionen Menschen ermordet oder dem Hungertod preisgegeben wurden. Sie
haben die Millionen Opfer von Pol Pot und Mao erfolgreich verdrängt. In
Venezuela wurden nach der gefälschten Wahl von 2024 auf den Straßen 24
Demonstranten von Maduros Truppen außergerichtlich hingerichtet,
darunter auch Minderjährige. Wenn Trump das getan hätte, wäre ganz schön
was los. Links ist gut, rechts ist böse – so einfach ist das nicht.
Die
entscheidende Trennlinie verläuft zwischen autoritären Regimen und
solchen, in denen alle die gleichen Bürgerrechte besitzen. Egal, wo sie
politisch stehen, egal, ob sie die Regierung großartig finden oder sie
verabscheuen. Wer sich an die Gesetze hält und keine Gewalt anwendet
oder anzuwenden beabsichtigt, ist sicher, und bei dem klingelt früh
morgens nicht die Polizei an der Haustür. Danke.
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