Liebe Leserin, Lieber Leser,
im Standort-Lotto hat das hessische Kreisstädtchen Groß-Gerau bisher
nicht gerade den Eurojackpot geknackt: 27.000 Einwohner, bisschen
Fachwerk und eine Fabrik von Procter & Gamble, die Zahncreme und
Erkältungssaft produziert. Lehnt man da ein Hightech-Projekt im Wert von 2,5 Milliarden Euro ab? Groß-Gerau schon.
Das US-Unternehmen Vantage Data Centers
wollte mit dem Geld eine Serverfarm am Rande von Groß-Gerau bauen. In
der Frankfurter Nachbarschaft liegt einer der weltwichtigsten
Internet-Knotenpunkte. Deshalb gibt es rund herum schon Dutzende dieser
Anlagen, die den schnell wachsenden Datenverkehr für ganz Europa verwalten. Digitale Zukunft halt.
Drei Jahre wurde geplant. Das Grundstück hatten die Amerikaner schon gekauft. Nun schmetterte der Stadtrat das Projekt ab. Mit 18-Nein-Stimmen (von 32) der SPD, Grünen, FDP, Freien Wähler und Linken. Wenn ich die Debatte richtig verstanden habe, spielten folgende Gründe eine Rolle:
Der Komplex wäre eine „Beeinträchtigung des Stadtbilds“. Ich will Groß-Gerau nicht zu nahetreten. Aber optisch spielt es nicht gerade in der Neuschwanstein-Klasse. Der Energieverbrauch
sei obendrein sehr hoch, hieß es, wobei die Stadt den ja nicht hätte
zahlen müssen. Außerdem Klima, klar. Und dann fiel ihnen noch ein, dass
das Ding ein Terrorziel werden könnte.
Vantage
kämpft gerade in Bad Vilbel den gleichen Kampf. In der Kleinstadt
Maintal wehrt sich der Stadtrat gegen ähnliche Baupläne des
US-Unternehmens Edgeconnex. Es ist zwar nicht so, dass alle deutschen Kommunen die Ansiedlung zukunftsträchtiger Technologien
ablehnen. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Es kann gute Argumente
gegen eine Industrieansiedlung geben. Ich kenne aber auch die dümmsten.
Aus persönlicher Empirie kann ich noch beisteuern: Das verschandelt doch unsere schöne Industriebrache! +++ Bah, schmutziges US-Geld! +++ Was ist mit dem Grundwasser? +++ Nisten da nicht Juchtenkäfer oder Mopsfledermaus?
Wenn
viele Jobs versprochen werden, fürchtet man den künftigen Verkehr. Ist
von weniger Arbeitsplätzen die Rede, heißt es … na? Genau! Sie haben das
kommunalpolitische Standort-Bullshit-Bingo verstanden.
Irgendwas ist in der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt immer, wenn es darum geht, Zukunft vor der eigenen Haustür zu verhindern. Und egal ob Windpark oder Gaskraftwerk, Stromtrasse, Olympia oder eben ein Server-Campus – Deutschland ist dagegen. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, was den US-Investoren in solchen Momenten durch den Kopf geht an undruckbarer Irritation.
Deutsche
Unternehmer erzählen mir derweil oft, wie ihnen in anderen Ländern die
roten Teppiche ausgerollt werden. Auch und gerade in den USA, wo der
Bürgermeister oder Gouverneur gleich noch die Fachkräfte samt Kita für deren Kinder besorgt, wenn man nur eine neue Produktion aufbaut.
Hierzulande Neuansiedlungen? Ach, lieber nicht. Wir sind ja Deutschland. Der Ortsverband der Grünen Groß-Gerau – und ich kann wirklich nichts dafür, dass vor allem die immer derart verhaltensauffällig werden – jubelte jedenfalls: „Milliarden-‚Deal‘ glücklich geplatzt“.

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