«Heirate mich einfach», schrieb Sarah Ferguson an Jeffrey Epstein -
wieso Frauen der High Society die Nähe zum Sexualstraftäter suchten (NZZ)
Einmal fragte sie ihn, ob es für eine Mutter «unangemessen» sei, wenn sie ihrem damals fünfzehnjährigen Sohn als Bildschirmschoner «zwei nackte Frauen, die ein Surfbrett tragen» vorschlage. Er wiederum liess Mette-Marit etwas später wissen, dass er in Paris auf «wife hunt», Frauenjagd, sei. Sie antwortete, Paris sei «gut für Untreue», wobei sie Skandinavierinnen für «besseres Ehematerial» halte.
Auch Sarah Ferguson, die Ex-Frau des Ex-Prinzen Andrew, der nun Andrew Mountbatten-Windsor heisst, nachdem ihm wegen seiner Verwicklung in den Epstein-Skandal alle Adelstitel entzogen worden sind, war mit Epstein innig verbunden. Sarah Ferguson nennt Epstein in einer E-Mail «den Bruder, den ich mir immer gewünscht habe». Das war 2009, also nach seinem erstmaligen Gefängnisaufenthalt.
In einer weiteren Nachricht bezeichnet sie ihn als «Legende», bedankt sich für seine Grosszügigkeit und Freundlichkeit und schliesst mit den Worten: «Just marry me». Heirate mich einfach.
Da war vor allem auch eine vulgäre Bemerkung über ihre damals neunzehnjährige Tochter Eugenie, die aus heutiger Sicht irritiert. Von Epstein nach einem New-York-Trip gefragt, soll Ferguson geantwortet haben: «Ich bin mir noch nicht sicher. Ich warte nur darauf, dass Eugenie von ihrem Sex-Wochenende zurückkommt!!»
Solche Aussagen sind strafrechtlich irrelevant und bedeuten nicht, dass die Frauen Epsteins kriminelles Missbrauchssystem unterstützten. Mette-Marit und «Fergie» inszenieren sich als Mütter, indem sie ihre Kinder ins Spiel bringen. Dabei geben sie sich verführerisch. In einer E-Mail nach einem gemeinsamen Mittagessen bedankte sich Ferguson bei Epstein für das Kompliment, das er ihr «vor meinen Mädchen» gemacht habe.
Sie sei noch nie «so berührt» gewesen «von der Freundlichkeit eines Freundes». Es schien ihr wichtig zu sein, dass ihre Töchter hörten, wie ein Mann wie Epstein sie lobte. Ob er ihr Aussehen meinte, geht aus ihren Worten nicht hervor, und ob sie so mit den jungen Frauen rivalisierte, bleibt eine Vermutung.
2011
distanzierte sich Ferguson von Epstein. Zu den vielen Erwähnungen ihres
Namens in den frisch veröffentlichten Akten sagte sie bisher nichts.
Mette-Marit entschuldigte sich vor ein paar Tagen für ihr «schlechtes
Urteilsvermögen» und sprach den Opfern ihr «tiefes Mitgefühl» und ihre
Solidarität aus.
Schon als herauskam, dass Epstein in Ghislaine Maxwell eine wichtige Gehilfin hatte, fragte sich die Öffentlichkeit, wieso eine Frau so etwas tut. Maxwell wurde 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt als bisher einzige Person des Epstein-Skandals, nachdem sich der Haupttäter 2019 im Gefängnis umgebracht hatte. Sie war eine Zuhälterin: Sie warb junge Frauen an und führte sie Epstein und seinen Freunden zu.
Eine Frau, die andere Frauen sexuell ausbeutet, verstösst gegen gesellschaftliche Erwartungen, die lauten: Minderjährige sind schutzbedürftig und Frauen Beschützerinnen.
Geschlechterbilder halten sich hartnäckig: Frauen sind sexuell passiv, sie haben einen Mutterinstinkt und setzen sich für Schwächere ein. Deswegen würden von Frauen begangene Sexualverbrechen gerne übersehen, sagen Forensikerinnen. Die Vorurteile über das sanfte und friedfertige Wesen der Frau führten zu einer «Kultur der Verleugnung».
Man entlastet Mittäterinnen bei sexueller Gewalt von Schuld und Verantwortung, indem man ihr Verhalten psychologisiert. Sie seien von den Männern abhängig und hätten Angst, diese zu verlieren oder davor, von ihnen bestraft und selber missbraucht zu werden, heisst es etwa.
Auch
Maxwells frühere Liebschaft mit Epstein wurde als ödipale Verstrickung
gedeutet, da sie ihrem Vater so nahestand. Man mutmasste, dass sie
Epstein heiraten wollte oder unter Verarmungsängsten litt.
Wahrscheinlich ist, dass sie ebenso die Macht genoss.
Maxwell war nicht die einzige Frau, die Epstein zudiente – und ihren Gewinn daraus zog. Es gab zahlreiche persönliche Assistentinnen, deren Namen bekannt sind, etwa Sarah Kellen, Nadia Marcinko oder Lesley Groff. Sie wurden nie angeklagt.
Auf einer tieferen Stufe waren noch mehr Frauen beschäftigt, die beim Rekrutieren junger Mädchen mitgeholfen haben. Sie wurden von Epstein grosszügig mit Geld, Reisen, Wohnungen oder Kontakten zu einflussreichen Personen belohnt.
Das Magazin «Politico» beleuchtete dieses weibliche Netzwerk 2021 in einer grossen Recherche mit dem Titel «Die Frauen, die Jeffrey Epstein ermöglichten». Viele von Epsteins Unterstützerinnen sahen sich später selber als Opfer und begründeten ihre Komplizenschaft mit ihrer Machtlosigkeit.
Von ihnen fühlten sich die wirklichen Missbrauchsopfer besonders betrogen, wie sie gegenüber «Politico» sagten. Die Frauen hätten «gegen die unausgesprochene Regel verstossen, dass Frauen andere Frauen, insbesondere Minderjährige, schützen». Auch sie erlagen dem Irrtum, dass Frauen zu Frauen halten, nur weil sie Frauen sind.
Andere Frauen versuchten, Epstein nach seiner Haftstrafe von 2008 zu rehabilitieren. Sie gehörten vor allem der High Society an: Anwältinnen, Ärztinnen, Ex-Missen oder Party-Planerinnen in Hollywood, die ihn wieder auf die exklusiven Gästelisten setzten.
Für Epstein gewannen auch die Beziehungen zu mächtigen Frauen wie Mette-Marit oder Sarah Ferguson an Bedeutung. Ihr Zuspruch zeigte ihm, dass er mit seinem Verhalten gegenüber jungen Mädchen nichts Unrechtes getan hatte. Sie wussten davon, aber schwiegen darüber und halfen so mit, Epsteins Verhalten zu normalisieren.
Darin unterschieden sich die Frauen nicht von ihren Männern. Als Epstein Howard Lutnick, den heutigen amerikanischen Handelsminister, mitsamt Familie auf seine Privatinsel Little Saint James einlud, plante Lutnicks Frau Allison die Anreise mit den Kindern per Jacht. Sie schrieb an Epstein: «Wir freuen uns darauf, euch zu besuchen. Wir kommen aus St. Thomas. Wo sollen wir genau ankern?»
Die E-Mail befindet sich unter den neu veröffentlichten Millionen von Dokumenten. Aus ihnen lässt sich zumindest diese Erkenntnis gewinnen: Vielleicht ist es bereits sexistisch, über die Frauen, die viel mehr wussten und dennoch geschwiegen haben, erstaunt zu sein. Und zu meinen, die weibliche Natur kenne keine Abgründe.

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