06 Februar 2026

«Heirate mich einfach», schrieb Sarah Ferguson an Jeffrey Epstein (NZZ)

"Vielleicht ist es bereits sexistisch, über die Frauen, die viel mehr wussten und dennoch geschwiegen haben, erstaunt zu sein. Und zu meinen, die weibliche Natur kenne keine Abgründe."
«Heirate mich einfach», schrieb Sarah Ferguson an Jeffrey Epstein -
wieso Frauen der High Society die Nähe zum Sexualstraftäter suchten (NZZ)
Die neu veröffentlichten Epstein-Akten räumen auf mit dem Mythos, dass Frauen zusammenhalten, weil sie Frauen sind. Die Anziehung mächtiger Männer war in diesen Fällen stärker.
Birgit Schmid, 06.02.2026, 6 Min
Im November machte die bekannte amerikanische Journalistin Megyn Kelly eine Aussage, die unter Frauen Empörung auslöste. In ihrem Podcast «The Megyn Kelly Show» stellte sie die Frage, ob Epstein ein Pädophiler gewesen sei. Dabei sagte sie: Es gebe einen Unterschied zwischen einer Fünfzehnjährigen und einer Fünfjährigen.
Epstein habe Fünfzehnjährige «gemocht» und nicht jüngere. Er habe sich in Mädchen verliebt, die bereits in der Pubertät und also in einem «fast legalen Altersbereich» gewesen seien. Dies entschuldige nichts und sei ekelhaft, aber es sei eine Tatsache.
Die Bemerkung war für viele auch deshalb empörend, weil sie von einer Frau kam. In den sozialen Netzwerken ging ein Sturm der Entrüstung über Kelly nieder.
Eine Frage «von Mutter zu Mutter»
Ausgerechnet sie, eine erwachsene Frau, die auch einmal ein fünfzehnjähriges Mädchen gewesen sei, verharmlose sexuellen Missbrauch, wurde ihr vorgehalten. Sie, die selber Mutter einer Tochter und zweier Söhne sei, solle sich daran zurückerinnern, wie verletzlich, abhängig und leicht manipulierbar man in diesem Alter sei.
Die Schauspielerin und Aktivistin Cynthia Nixon schrieb auf Instagram: «Megyn Kelly, ich habe eine Frage an Sie, von Mutter zu Mutter. Wenn Jeffrey Epstein noch am Leben wäre, würden Sie sich wohl dabei fühlen, wenn Ihre Tochter im Teenageralter mit ihm allein in seiner Villa wäre?»
Wider den feministischen Mainstream
Es ist eine Frage, die man auch all den Frauen stellen möchte, die es gut mit Epstein konnten. Auch dann noch, nachdem er 2008 zum ersten Mal wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger schuldig gesprochen worden war. So kommen in den Ende Januar veröffentlichten neuen Dokumenten, die Einblick in das Netzwerk des Financiers und Sexualstraftäters geben, weitere prominente Frauen namentlich vor.
Wie können Frauen diesen Verrat an anderen Frauen begehen?, möchte man fragen. Was ist mit weiblicher Solidarität? Da hat der Feminismus jahrzehntelang die Schwesternschaft beschworen, weil das Patriarchat nur gemeinsam zu besiegen sei. Und gab es nicht schon damals die Übereinkunft, dass der ältere privilegierte Mann für alle gesellschaftlichen Missstände verantwortlich sei?
Dennoch stellten Frauen ihre Loyalität zu einem Vergewaltiger über alles. Sie fühlten sich geehrt, mit diesem reichen, charismatischen, einmal höflichen, dann wieder bestimmten Mann bekannt zu sein, der alles zu erhalten schien, was er haben wollte.
Mette-Marit und Sarah Ferguson
Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit schrieb zweideutige, flirtige E-Mails mit Epstein. «Du kitzelst meinen Verstand», heisst es in einer Mail von 2012. Vier Jahre vorher sass Epstein zum ersten Mal im Gefängnis. Das hielt Mette-Marit nicht davon ab, ihn «such a sweetheart» zu nennen, nachdem er ihr Blumen geschickt hatte. Sie signierte das Schreiben mit «Love Mm».

Einmal fragte sie ihn, ob es für eine Mutter «unangemessen» sei, wenn sie ihrem damals fünfzehnjährigen Sohn als Bildschirmschoner «zwei nackte Frauen, die ein Surfbrett tragen» vorschlage. Er wiederum liess Mette-Marit etwas später wissen, dass er in Paris auf «wife hunt», Frauenjagd, sei. Sie antwortete, Paris sei «gut für Untreue», wobei sie Skandinavierinnen für «besseres Ehematerial» halte.

Auch Sarah Ferguson, die Ex-Frau des Ex-Prinzen Andrew, der nun Andrew Mountbatten-Windsor heisst, nachdem ihm wegen seiner Verwicklung in den Epstein-Skandal alle Adelstitel entzogen worden sind, war mit Epstein innig verbunden. Sarah Ferguson nennt Epstein in einer E-Mail «den Bruder, den ich mir immer gewünscht habe». Das war 2009, also nach seinem erstmaligen Gefängnisaufenthalt.

In einer weiteren Nachricht bezeichnet sie ihn als «Legende», bedankt sich für seine Grosszügigkeit und Freundlichkeit und schliesst mit den Worten: «Just marry me». Heirate mich einfach.

Sie spielten sich als Mütter auf

Da war vor allem auch eine vulgäre Bemerkung über ihre damals neunzehnjährige Tochter Eugenie, die aus heutiger Sicht irritiert. Von Epstein nach einem New-York-Trip gefragt, soll Ferguson geantwortet haben: «Ich bin mir noch nicht sicher. Ich warte nur darauf, dass Eugenie von ihrem Sex-Wochenende zurückkommt!!»

Solche Aussagen sind strafrechtlich irrelevant und bedeuten nicht, dass die Frauen Epsteins kriminelles Missbrauchssystem unterstützten. Mette-Marit und «Fergie» inszenieren sich als Mütter, indem sie ihre Kinder ins Spiel bringen. Dabei geben sie sich verführerisch. In einer E-Mail nach einem gemeinsamen Mittagessen bedankte sich Ferguson bei Epstein für das Kompliment, das er ihr «vor meinen Mädchen» gemacht habe.

Sie sei noch nie «so berührt» gewesen «von der Freundlichkeit eines Freundes». Es schien ihr wichtig zu sein, dass ihre Töchter hörten, wie ein Mann wie Epstein sie lobte. Ob er ihr Aussehen meinte, geht aus ihren Worten nicht hervor, und ob sie so mit den jungen Frauen rivalisierte, bleibt eine Vermutung.

2011 distanzierte sich Ferguson von Epstein. Zu den vielen Erwähnungen ihres Namens in den frisch veröffentlichten Akten sagte sie bisher nichts. Mette-Marit entschuldigte sich vor ein paar Tagen für ihr «schlechtes Urteilsvermögen» und sprach den Opfern ihr «tiefes Mitgefühl» und ihre Solidarität aus.

Die schutzlosen Schutzbedürftigen

Schon als herauskam, dass Epstein in Ghislaine Maxwell eine wichtige Gehilfin hatte, fragte sich die Öffentlichkeit, wieso eine Frau so etwas tut. Maxwell wurde 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt als bisher einzige Person des Epstein-Skandals, nachdem sich der Haupttäter 2019 im Gefängnis umgebracht hatte. Sie war eine Zuhälterin: Sie warb junge Frauen an und führte sie Epstein und seinen Freunden zu.

Eine Frau, die andere Frauen sexuell ausbeutet, verstösst gegen gesellschaftliche Erwartungen, die lauten: Minderjährige sind schutzbedürftig und Frauen Beschützerinnen.

Geschlechterbilder halten sich hartnäckig: Frauen sind sexuell passiv, sie haben einen Mutterinstinkt und setzen sich für Schwächere ein. Deswegen würden von Frauen begangene Sexualverbrechen gerne übersehen, sagen Forensikerinnen. Die Vorurteile über das sanfte und friedfertige Wesen der Frau führten zu einer «Kultur der Verleugnung».

Man entlastet Mittäterinnen bei sexueller Gewalt von Schuld und Verantwortung, indem man ihr Verhalten psychologisiert. Sie seien von den Männern abhängig und hätten Angst, diese zu verlieren oder davor, von ihnen bestraft und selber missbraucht zu werden, heisst es etwa.

Auch Maxwells frühere Liebschaft mit Epstein wurde als ödipale Verstrickung gedeutet, da sie ihrem Vater so nahestand. Man mutmasste, dass sie Epstein heiraten wollte oder unter Verarmungsängsten litt. Wahrscheinlich ist, dass sie ebenso die Macht genoss.

Assistentinnen stützten das System

Maxwell war nicht die einzige Frau, die Epstein zudiente – und ihren Gewinn daraus zog. Es gab zahlreiche persönliche Assistentinnen, deren Namen bekannt sind, etwa Sarah Kellen, Nadia Marcinko oder Lesley Groff. Sie wurden nie angeklagt.

Auf einer tieferen Stufe waren noch mehr Frauen beschäftigt, die beim Rekrutieren junger Mädchen mitgeholfen haben. Sie wurden von Epstein grosszügig mit Geld, Reisen, Wohnungen oder Kontakten zu einflussreichen Personen belohnt.

Das Magazin «Politico» beleuchtete dieses weibliche Netzwerk 2021 in einer grossen Recherche mit dem Titel «Die Frauen, die Jeffrey Epstein ermöglichten». Viele von Epsteins Unterstützerinnen sahen sich später selber als Opfer und begründeten ihre Komplizenschaft mit ihrer Machtlosigkeit.

Von ihnen fühlten sich die wirklichen Missbrauchsopfer besonders betrogen, wie sie gegenüber «Politico» sagten. Die Frauen hätten «gegen die unausgesprochene Regel verstossen, dass Frauen andere Frauen, insbesondere Minderjährige, schützen». Auch sie erlagen dem Irrtum, dass Frauen zu Frauen halten, nur weil sie Frauen sind.

Die verführten Elite-Frauen

Andere Frauen versuchten, Epstein nach seiner Haftstrafe von 2008 zu rehabilitieren. Sie gehörten vor allem der High Society an: Anwältinnen, Ärztinnen, Ex-Missen oder Party-Planerinnen in Hollywood, die ihn wieder auf die exklusiven Gästelisten setzten.

Für Epstein gewannen auch die Beziehungen zu mächtigen Frauen wie Mette-Marit oder Sarah Ferguson an Bedeutung. Ihr Zuspruch zeigte ihm, dass er mit seinem Verhalten gegenüber jungen Mädchen nichts Unrechtes getan hatte. Sie wussten davon, aber schwiegen darüber und halfen so mit, Epsteins Verhalten zu normalisieren.

Darin unterschieden sich die Frauen nicht von ihren Männern. Als Epstein Howard Lutnick, den heutigen amerikanischen Handelsminister, mitsamt Familie auf seine Privatinsel Little Saint James einlud, plante Lutnicks Frau Allison die Anreise mit den Kindern per Jacht. Sie schrieb an Epstein: «Wir freuen uns darauf, euch zu besuchen. Wir kommen aus St. Thomas. Wo sollen wir genau ankern?»

Die E-Mail befindet sich unter den neu veröffentlichten Millionen von Dokumenten. Aus ihnen lässt sich zumindest diese Erkenntnis gewinnen: Vielleicht ist es bereits sexistisch, über die Frauen, die viel mehr wussten und dennoch geschwiegen haben, erstaunt zu sein. Und zu meinen, die weibliche Natur kenne keine Abgründe.

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