Eine Krise von Jahrzehnten: Vier wesentliche Gründe, warum Deutschland politisch blockiert ist (NZZ)
Der Reformstau ist so gross, dass er die Risikobereitschaft aller Akteure hemmt. Alle wissen, dass sie sich bewegen müssen, aber keiner will den ersten Schritt tun. Es gibt kaum etwas zu gewinnen. Es ist einfacher, neue Schulden aufzunehmen und Reformen aufzuschieben.
3. Gerichte nehmen die Politik an die Leine
Seit Jahren schränken Gerichte den Handlungsspielraum der Exekutive immer weiter ein. Wegweisend war in dieser Hinsicht das Klimaurteil des obersten deutschen Gerichts. Es zwang die damalige grosse Koalition 2021, beim Klimaschutz nachzubessern, weil es die Freiheit künftiger Generationen bedroht sah. Das hat weitreichende Konsequenzen: Der Klimaschutz ist ein spieltheoretisches Dilemma, bei dem derjenige Staat verliert, der sich im internationalen Vergleich die strengsten Regeln auferlegt. Deutschland kann seine Klimapolitik nun kaum noch angleichen an andere Industriestaaten, obwohl insbesondere die USA und auch China bremsen. Das Land ist vom Akteur zum Getriebenen geworden.
Auch die europäische Rechtsprechung greift in staatliches Handeln ein. 1993 konnten CDU und SPD noch das Asylrecht grundlegend reformieren, mit einer Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Migranten, die auf dem Landweg einreisten, verloren ihren Anspruch auf Schutz, ihre Zahl sank deutlich.
Doch seit etwa fünfzehn Jahren haben durch das europäische Asylrecht viel mehr Migranten einen Schutzanspruch. Der Europäische Gerichtshof verteidigt dieses Recht. Er hat beispielsweise geurteilt, dass Zurückweisungen an Binnengrenzen rechtswidrig sind. Die deutsche Regierung hat damit kaum Möglichkeiten, eigenmächtig Migranten zurückzuweisen, wenn sie keinen dauerhaften Konflikt mit der EU riskieren will. Sie ist auf eine europäische Lösung angewiesen. Ihr nationaler Handlungsspielraum ist begrenzt.
4. Die Brandmauer lähmt das politische System
Die
etablierten Parteien haben sich mit der Brandmauer in doppelter
Hinsicht selbst geschwächt. Sie stärken die AfD, die nie unter Beweis
stellen muss, dass sie zu alltagstauglicher Politik in der Lage ist. Sie
kann versprechen, was kaum jemand zu träumen wagt, und fordern, was
niemand umsetzen kann. Zugleich kann sie glaubhaft versichern, dass sie
für die Zustände im Land keine Verantwortung trägt. Das zieht
Protestwähler an.
Doch die Brandmauer hemmt auch den politischen Betrieb. Sie kettet die letzten verbliebenen bürgerlichen Parteien im Bundestag, die Unionsparteien, an linke Partner. Eine kohärente Politik ist so kaum möglich. Die SPD bremst bei Reformen des Sozialstaats, die Grünen bei der Migration und jedweder Reform der Energiepolitik. Dass die vormalige Regierung unter Olaf Scholz ähnlich unbeliebt war wie nun die Koalition unter Friedrich Merz, zeigt, wie weit die Weltbilder der Koalitionäre schon damals auseinanderlagen.
Während die etablierten Parteien miteinander streiten, verliert die Öffentlichkeit die Geduld, und die AfD wartet ab, bis ihr noch mehr Wähler zulaufen.
Die Ursachen der Krise reichen Jahrzehnte zurück. Die Entscheidung darüber, ob sie in einen dauerhaften Abstieg mündet, fällt hingegen in den kommenden Jahren. Wenn die Politiker sie vertagen, verwalten sie nur den Niedergang.

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