11 Mai 2026

Stigmatisierung - Ich will nicht „unsere Demokratie“, ich möchte das Original aus meinen alten Schulbüchern (WELT)

Stigmatisierung
Ich will nicht „unsere Demokratie“, ich möchte das Original aus meinen alten Schulbüchern (WELT)
Von Harald Martenstein, Freier Kolumnist und Autor, 11.05.2026, 4 Min
Statt sich mit den Ursachen des immer spektakuläreren AfD-Aufstiegs ernsthaft auseinanderzusetzen, setzt man unverdrossen auf deren Stigmatisierung – obwohl das nachweislich wirkungslos ist.
Die politische Linke kommt mir zurzeit vor wie ein Nichtschwimmer, der ins tiefe Wasser gefallen ist. Statt zu schwimmen, schlägt er wild um sich. So ertrinkt man. Statt sich mit den Ursachen des immer spektakuläreren AfD-Aufstiegs ernsthaft auseinanderzusetzen, setzt man unverdrossen auf deren Stigmatisierung, obwohl das nachweislich wirkungslos ist. Es wirkt nur noch hilflos.
Stigmatisiert wird trotzdem flächendeckend. Erstaunlich ist, was mit Alice Schwarzer geschieht, einer Frau, deren Lebensleistung halb Deutschland bewundert. Im „Spiegel“ wird sie von der Gestalt von historischem Rang, die sie ist, zur „umstrittenen Feministin“ heruntergestuft. Als sie kürzlich im Hamburger Staatstheater aus ihrem neuen Buch „Feminismus pur“ lesen wollte, forderten 340 Theaterbeschäftigte, sie auszuladen, unter der Parole „Keine Bühne für Hetze“. Die Veranstaltung konnte, unter Störungen, mit Müh und Not stattfinden.
Die Queerbeauftragte der Bundesregierung veröffentlichte – unter ihrem Amtslogo, also quasi regierungsoffiziell – eine Montage, die Schwarzer neben Donald Trump zeigt. Der Hauptvorwurf gegen Alice Schwarzer besteht darin, dass sie darauf beharrt, es gebe biologisch nur zwei Geschlechter. Das ist in der Biologie unumstritten. Der Satz „Hört auf die Wissenschaft!“ gehört zwar zum Standardrepertoire der woken Linken, aber sobald die Wissenschaft nicht die erwünschten Ergebnisse liefert, hört man diesen Ruf nicht mehr.
Wenn die Gesetze der Naturwissenschaften offen geleugnet werden, ist man im Märchenwald angelangt. Könnte es nicht auch sein, dass die Sonne um die Erde kreist? Gibt es Frau Holle wirklich? Falls es der Linken nützt, dann gibt es sie.
Auch Alice Schwarzer hat nichts gegen sexuelle Vielfalt und sie will auch niemandem verbieten, in die Rolle eines Geschlechts zu schlüpfen, das dieser Person nicht in die Wiege gelegt wurde. Ihre „Transfeindlichkeit“ besteht zum Beispiel darin, dass sie keine biologischen Männer in jeder Frauensauna sehen will. Wieso toleriert man auf LSBTIQ-Seite diesen Wunsch nicht? Kann man nicht auch von Minderheiten manchmal ein gewisses Maß an Toleranz für die Mehrheit verlangen? Die Basis allen Miteinanders ist gegenseitiger Respekt. Nicht der Respekt nur für einige.
Saskia Esken und Erich Mielke
Der Podcaster Ben Berndt hat mit Björn Höcke geredet und ihn frei reden lassen. Millionen wollten das sehen. Saskia Esken von der SPD fordert jetzt Strafaktionen gegen Berndt, sie will einen Werbe-Boykott. Wie nahe wollen solche autoritären Figuren wie Esken dem DDR-Regime eigentlich noch kommen? Sind die Fans von Erich Mielke die neue Zielgruppe der SPD? Wenn euch die Freiheit stört, dann geht doch rüber zu Putin! Ich will Demokratie, verdammt noch mal. Ich will nicht „unsere Demokratie“, ich möchte das Original aus meinen alten Schulbüchern. Lieber höre ich stundenlang dem Satan beim Singen zu, als dass ich Saskia Esken entscheiden lasse, was gesagt werden darf und was nicht.

Eine andere Geschichte betrifft mich selbst. Vor einer Weile durfte ich im Hamburger Thalia-Theater eine Rede halten. Im „Prozess gegen Deutschland“ sollte über ein Verbot der AfD gestritten werden. Ich war einer derjenigen, die gegen so ein Verbot sprachen, die Rede ging viral.

Dem Regisseur Milo Rau ist es offenbar unangenehm, dass diese Rede vielen einleuchtend erschien. Das war wohl nicht sein Konzept. Die WELT interviewte ihn vor ein paar Tagen. Er sagte: „Martenstein, Feroz Khan, Breivik oder die Salafisten, mit denen ich mich in früheren Projekten beschäftigt habe: Das sind alles interessante Sprechpuppen.“
Anders Breivik ist ein Rechtsterrorist, der 2011 in Norwegen 77 Menschen abschlachtete. Salafisten sind eine extreme Spielart des Islamismus. Es war für mich einigermaßen überraschend, in diese Nachbarschaft gestellt zu werden, von jemandem, der womöglich noch alle Tassen im Schrank hat. Ich bin weder Mörder noch Israelhasser. Rau weiß das. Es war die Rache eines Satansbratens an seiner Sprechpuppe. Der Sinn solcher Spezialoperationen besteht immer darin, den Ruf von Störenfrieden zu beschädigen, um sie per „Deplatforming“ aus dem Verkehr zu ziehen, was ja auch beim konstruierten „Transfeindlichkeits“-Vorwurf gegen Alice Schwarzer der Fall ist.

Auf so etwas sollte man weder weinerlich reagieren noch verbittert, sondern mit Kampfgeist. Konrad Adenauer rief schon 1952, in Richtung Saskia Esken: „Wir wählen die Freiheit!“ Und Bert Brecht schrieb: Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde berichtet, dass Harald Martenstein im Mai in Osnabrück mit Daniel Günther zum Thema „Meinungsfreiheit“ diskutieren sollte und der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nach dem WELT-Interview abgesagt habe. Tatsächlich erfolgte Günthers Absage schon vorher und wurde Harald Martenstein am Tag nach dem Interview durch die Veranstalter kommuniziert.

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