17 Mai 2026

Der andere Blick Daten Fehlschlag Energiewende: Warum Deutschland trotz Rekordausbau von Wind- und Sonnenkraft weniger Strom erzeugt (NZZ)

Der andere Blick Daten
Fehlschlag Energiewende: Warum Deutschland trotz Rekordausbau von Wind- und Sonnenkraft weniger Strom erzeugt (NZZ)
Die Energiewende hat das Land entscheidend vorangebracht, heisst es oft. Eine NZZ-Auswertung zeigt jedoch: Davon kann keine Rede sein.


Nun könnte man das für wenig verwunderlich halten. Windräder und Solaranlagen liefern nun einmal nicht rund um die Uhr Energie, und vor allem diese hat Deutschland in den vergangenen Jahren ausgebaut wie auch viele andere Länder. Da erscheint es vollkommen erwartbar, dass sich die Kraftwerksleistung und die Strommenge auseinanderentwickeln.
Der Blick über die Landesgrenzen zeigt jedoch: Diese Entwicklung ist keinesfalls zwangsläufig. Die NZZ hat zahlreiche Daten für die Jahre 2000 bis 2024 ausgewertet von Eurostat, der statistischen Behörde der EU, sowie aus weiteren Quellen. Sie hat ihren Befund rechnerisch geprüft und dabei zentrale Unterschiede zwischen den Ländern berücksichtigt. Das Ergebnis: Deutschland ragt in Europa als Sonderfall heraus.
Engagierter Ausbau, engagierte Abschaltung
Spanien etwa steigerte seine Kraftwerksleistung in den Jahren 2000 bis 2024 ähnlich eindrucksvoll wie Deutschland, vor allem mithilfe unzähliger neuer Solaranlagen. Im Gegensatz zu Deutschland stieg dort aber auch die Stromerzeugung um rund 30 Prozent. Ähnliches gilt für die Niederlande, die ihre Kapazität noch deutlicher steigerten und 40 Prozent mehr Strom erzeugten.
Dabei hat die Bundesrepublik eigentlich viel getan, um mehr Energie zu produzieren. Sie hat im europäischen Vergleich die meisten Windräder und Solaranlagen gebaut. Es sind so viele Anlagen hinzugekommen, dass sie rein rechnerisch mehr zusätzlichen Strom hätten liefern können als in jedem anderen EU-Land.
Doch es kam anders. Kein anderer EU-Staat kombiniert einen so grossen Zubau von Wind- und Solaranlagen mit einem so starken Rückgang der heimischen Stromerzeugung. Deutschland baut aus, und es baut zugleich ab. Auch relativ betrachtet fällt das Land auf: Unter den wenigen EU-Ländern mit sinkender Stromproduktion ist die Lücke zwischen dem Leistungszuwachs insgesamt und der tatsächlichen Erzeugung nirgends grösser.

Wie also kommt diese gewaltige Kluft zustande?

Der wesentlichste Grund ist einfach erklärt: Deutschland hat besonders viele konventionelle Kraftwerke abgeschaltet, die rund um die Uhr Strom erzeugen konnten. Besonders schwer fällt der Atomausstieg ins Gewicht. Im Jahr 2010, kurz vor dem Reaktorunglück in Fukushima, steuerte die Atomkraft etwa ein Viertel des deutschen Stroms bei. Er stand auch dann zur Verfügung, wenn es windstill und dunkel war.

Strom vor allem auf dem Papier

Noch dazu hat das Land mehr Kohlekraftwerkskapazität stillgelegt als jedes andere in Europa. Windräder und Solaranlagen können die weggefallene Grundlast in dieser Dimension nicht auffangen.

Der Rückbau dieser konventionellen Kraftwerke fällt umso stärker ins Gewicht, weil Wind und Sonne nur eine mässige Ausbeute in Deutschland liefern. Windräder an Land sind nur schlecht ausgelastet, die Bundesrepublik liegt dort im unteren Drittel der EU-Staaten, bei Solaranlagen im unteren Mittelfeld. Deutlich höhere Erträge liefern Solaranlagen in Spanien und Windräder in Irland und Schweden.

Politische Rahmenbedingungen verschärfen dieses Problem, weil sie einen ineffizienten Ausbau begünstigen. Wer in Deutschland eine Wind- oder Solaranlage bauen wollte, musste sich bisher keine Gedanken darüber machen, ob sich der Standort dafür eignete oder nicht. Der Staat glich Nachteile so oder so aus.

Deutschland taugt nur bedingt als Vorbild

Es gibt noch weitere Gründe für den Rückgang der heimischen Stromproduktion, die auf den ersten Blick wirken wie eine Entwarnung.

So hat Deutschland mehr Strom aus den Nachbarländern importiert. Heimische Kohle zu verbrennen, wurde durch den europäischen Emissionshandel in den vergangenen Jahren immer teurer. In Momenten, in denen Wind und Sonne schwächelten, importierte Deutschland stattdessen französischen Strom aus Kernkraft oder skandinavischen Strom aus Wasserkraft. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur braucht Deutschland immer dann besonders viel Energie, wenn sie auch in den Nachbarländern knapp ist. Das treibt die Preise und sorgt für politischen Streit.

Zudem macht es grundsätzlich deutlich, dass Deutschlands Energiewende als Vorbild nur bedingt taugt. Würden alle Länder so viel Strom aus regelbaren Kraftwerken importieren, hätte das europäische Verbundsystem ein Problem.

In letzter Zeit hat Deutschland ausserdem weniger Strom verbraucht. Auch das könnte man auf den ersten Blick als gute Nachricht werten. Es ist allerdings kein klimapolitischer Erfolg, sondern eine Niederlage. Unternehmen, die besonders viel Energie verbrauchen, ziehen ins Ausland oder geben auf. Der sinkende Verbrauch ist ein Ausdruck wirtschaftlicher Erosion. Denn die Energiewende hat den Strom nicht billiger, sondern teurer gemacht.

Der andere Blick Daten
Mit diesem Format erweitern wir das Versprechen des «Anderen Blicks» um eine datengetriebene Perspektive. «Der andere Blick Daten» enthält stets eine Grafik, die wir für Sie einordnen. Alle zwei Wochen machen wir mit Zahlen sichtbar, was in politischen Debatten übersehen wird. Die nächste Ausgabe erscheint am 30. Mai 2026.

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