12 Mai 2026

«Wenn es so weitergeht, stirbt die gesamte Menschheit aus. Wir weißen Europäer werden zu den Ersten gehören», sagt der Demograf (NZZ)

Interview
«Wenn es so weitergeht, stirbt die gesamte Menschheit aus. Wir weißen Europäer werden zu den Ersten gehören», sagt der Demograf (NZZ)
Laut Paul Morland steuert unsere Gesellschaft wegen der tiefen Geburtenrate auf eine Katastrophe zu. Eine solche Situation habe es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben, sagt er im Gespräch.
Rico Bandle
Er ist bekannt für seine apokalyptischen Szenarien und scheint trotzdem immer gut gelaunt zu sein. Der Brite Paul Morland gehört zu den renommiertesten Demografen weltweit. Dank seiner unterhaltsamen Art ist er ein gefragter Redner und Zeitungskolumnist. Letzte Woche war er am St.-Gallen-Symposium zu Gast, vor seinem Auftritt nahm er sich Zeit für ein Gespräch in der Hotellobby.
Herr Morland, Sie sagen, die Bekämpfung des Geburtenrückgangs sei die wichtigste Aufgabe der Menschheit. Das Überleben unserer Gesellschaften stehe auf dem Spiel. Ist das nicht etwas übertrieben?
Nein. Nehmen wir Südkorea. Dort hat sich die Geburtenrate zwar etwas erholt, aber nur minimal. Auf hundert Südkoreaner kommen in der nächsten Generation vierzig nach, in der übernächsten nur noch sechzehn. Der Rückgang erfolgt rasant. Südkorea ist zwar das extremste Beispiel, aber fast alle Länder steuern auf diese Zahlen zu. Das führt unweigerlich zu einem Zusammenbruch der Gesellschaft.
Der Mensch hat bisher noch immer für jedes Problem eine Lösung gefunden.
Wir sehen nirgendwo einen nennenswerten Aufschwung. Ich sage nicht, dass wir das Steuer nicht noch herumreissen können, aber wenn es so weitergeht und wir innerhalb von zwei Generationen 84 Prozent der nachwachsenden Bevölkerung verlieren, dann noch einmal 84 Prozent, endet das im Desaster.
Im letzten Jahrhundert nahm die Weltbevölkerung explosionsartig zu, in Zukunft wird sie wieder abnehmen. Wo liegt das Problem?
Die Vorstellung, dass wir durch die zurückgehende Bevölkerung einfach zu einem früheren Stadium zurückkehren würden, ist ein Irrtum. Nehmen wir Japan. In den 1960er Jahren hatte das Land 100 Millionen Einwohner, 2010 erreichte es mit knapp 130 Millionen den Höhepunkt. In den 2040er oder 2050er Jahren wird die Zahl wieder bei 100 Millionen liegen. Japan verliert jedes Jahr fast eine Million Einwohner. Man könnte also sagen: In den 1960er Jahren war alles in Ordnung, also wird auch 2050 alles in Ordnung sein. Doch das ist komplett falsch. 1960 kamen auf jeden Rentner neun Erwerbstätige. Wenn die Bevölkerungszahl wieder auf 100 Millionen sinkt, wird das Verhältnis eins zu eins sein. Japan hat schon jetzt eine Schuldenquote von 250 Prozent des BIP. Ich weiss nicht, wie diese Gesellschaft dies überleben kann. Viele Länder sind in einer ähnlichen Situation, auch ärmere Länder wie Chile, Jamaica und Thailand. Die extrem niedrige Geburtenrate ist eine globale Seuche geworden.
Japan und Südkorea sind doch noch immer moderne Länder, die gut funktionieren, trotz den tiefen Geburtenraten.
Das ist, wie wenn jemand aus einem Hochhaus springen und auf halbem Weg sagen würde: «Na ja, bis jetzt ist alles gut.» Wir stecken schon mittendrin im Problem, auch wenn es noch nicht zum Aufprall kam. Aber dieser wird unweigerlich kommen.

Gibt es eine Situation in der Menschheitsgeschichte, die vergleichbar war?

Im Mittelalter schrumpfte die Bevölkerung durch die Pest vielerorts ebenfalls signifikant. Ein paar wichtige Faktoren waren aber anders. Erstens: Die Seuche betraf Menschen aus allen Altersklassen, tötete Alte und Junge. Sie führte also nicht zum Problem mit der Alterung der Bevölkerung. Zweitens: Die Katastrophe fand unter malthusischen Bedingungen statt, also in einer Zeit, als das Bevölkerungswachstum die Nahrungsmittelproduktion überstieg, was zu Armut und Krisen führte. Der Lebensstandard war damals sehr niedrig. Nach der Pandemie verfügten die verbliebenen Menschen über viel mehr Land pro Kopf. Die Schrumpfung der Bevölkerung führte zu einem Wohlstandsgewinn, die Menschen lebten danach auch länger.

Einen freiwilligen Verzicht auf Kinder wie heute gab es noch nie?

In der Zwischenkriegszeit, also von 1918 bis 1939 war die Geburtenrate in Deutschland und Grossbritannien ebenfalls sehr niedrig. Sie lag bei zwei Kindern pro Frau, bei deutlich höherer Kindersterblichkeit als heute. Keynes, der Ökonom, erkannte bereits, dass dies zu einem Problem werden könnte. Er war so ziemlich der Einzige, der sich darüber Gedanken machte. Doch nach dem Krieg gab es einen Babyboom, was für alle überraschend war. Was wir aber noch nie erlebt haben, ist eine langanhaltende globale Entwicklung, wie wir sie jetzt haben.

Vielleicht ist der Zeitpunkt für diese Entwicklung gar nicht so schlecht: Die fehlenden Leute werden wahrscheinlich in Zukunft durch künstliche Intelligenz ersetzt.

Daran mag ich nicht glauben. Erstens habe ich ein grosses Vertrauen in die Menschheit, in die Familie. Selbst wenn es stimmen sollte, dass wir in Zukunft die Alterspflege zu einem grossen Teil an Roboter übertragen können, erscheint mir das als eine trostlose Perspektive. Zweitens sehe ich die Produktivitätssteigerungen durch KI noch nicht. KI wird zwar die Welt verändern, ob sie uns aber auch massiv produktiver macht, dieser Beweis ist noch nicht erbracht.

Die Schweiz löst das Problem durch eine starke Zuwanderung. Das Land ist in den letzten zwanzig Jahren derart gewachsen, dass wir demnächst über eine Deckelung abstimmen.

Im globalen Kontext sehe ich die Schweiz aber in einer einzigartigen Lage. Das Land ist klein und sehr wohlhabend. Es besteht aus mehreren Sprachgebieten und ist umgeben von grossen Ländern derselben Kulturen. Die Schweiz kann daher ohne grössere Probleme Migranten aus Deutschland, Frankreich und Italien einbinden. Mir fällt nur ein anderes Land mit vergleichbaren Voraussetzungen ein: Singapur. Die dortige Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Chinesen, Malaysiern und Indern, es kann also eine starke Einwanderung aus China, Malaysia und Indien geben, ohne dass sich die Bevölkerungsstruktur grundlegend ändert. Bei uns in Grossbritannien ist das anders. Als ich in London aufwuchs, waren 95 Prozent der Londoner Bevölkerung britische Weisse, heute sind es vielleicht noch etwa 40 Prozent. Das führt zu allerlei politischen und gesellschaftlichen Problemen.

Sie haben einmal gesagt, eine so starke Einwanderung sei «eine Art biologischer Imperialismus».

Nicht die Einwanderer betreiben den Imperialismus, sondern wir. Weil wir keine eigenen Kinder mehr haben wollen, holen wir die Ärzte und andere Fachleute aus Ländern, denen diese Spezialisten dann fehlen.

In Ihrem letzten Buch schreiben Sie, dass wir das Recht hätten, uns über das Aussterben der weissen Bevölkerung Sorgen zu machen. Genauso wie sich auch andere Völker und Ethnien Sorgen machen dürften. Aufgrund der Kolonialgeschichte hat man in Europa aber Hemmungen, so etwas überhaupt zu denken.

Die Schweiz hatte keine Kolonien, oder? Jedenfalls finde ich es absurd, nicht darüber zu reden. Jede Gruppe, jede Nation, jede Ethnie und jedes Volk hat das Recht, sich als eine Einheit zu betrachten und sich für ihren Erhalt einzusetzen. Wenn eine Gruppe findet, das sei ihr egal, so ist das ebenfalls ihr gutes Recht. Aber wenn die Menschen in Japan finden: «Wir haben eine einzigartige Kultur, eine einzigartige Zivilisation, eine einzigartige Sprache, und das wollen wir bewahren», dann dürfen sie das meiner Meinung nach auch sagen. Ebenso die Menschen in Frankreich, in Korea, in Chile oder wo auch immer.

Also reden wir darüber: Stirbt die weisse Bevölkerung aus?

Die gesamte Menschheit wird aussterben, wenn es so weitergeht. Aber wir weissen Europäer werden zu den Ersten gehören. Wir sind bei der demografischen Entwicklung die Vorreiter. Bei uns nahm die Bevölkerungsexplosion im 19. und im frühen 20. Jahrhundert ihren Anfang, bei uns begann auch der Rückgang. Doch die anderen folgen uns. Nehmen wir die Geburtenrate verschiedener ethnischer Gruppen in den USA. Als in den 1970er Jahren die grosse Einwanderungswelle aus Mexiko stattfand, bekamen die Mexikanerinnen im Durchschnitt fünf oder sechs Kinder, die weissen Amerikanerinnen zwei. Heute liegt die Geburtenrate der Mexikanerinnen bei unter zwei. Bei den Afroamerikanerinnen ist sie sogar tiefer als bei den Weissen. Auch sie sind vom Aussterben bedroht.

In einigen europäischen Ländern geht die Furcht um, die Muslime könnten die Mehrheit erhalten. Auch in Ihrer Heimat Grossbritannien.

Meine Familie stammt ursprünglich aus Deutschland, ich habe auch einen deutschen Pass, bin also kein weisser Brite. Dennoch finde ich: Weisse Briten haben jedes Recht, zu sagen, dass ihre Vorfahren das Volk dieser Insel gewesen seien und dass sie sich wünschten, dass dies bei den nachfolgenden Generationen noch der Fall sein werde. Um das zu erreichen, muss man die Einwanderung begrenzen. Und vor allem: Man muss selber mehr Kinder bekommen. Es bringt nichts, sich über die Zuwanderung zu beschweren, wenn man nur wenige Kinder hat, aber trotzdem die Dienstleistungen mit den entsprechenden Arbeitskräften möchte.

Sie bezeichnen sich als Pronatalist, befürworten eine hohe Geburtenrate. Der Begriff ist heute rechts besetzt und wird mit Leuten wie Elon Musk in Verbindung gebracht.

Das ist aber falsch. Der französische Präsident Emmanuel Macron, der nicht rechts steht, fordert eine «demografische Wiederaufrüstung». Zu den geburtenfreundlichsten Politikern der Geschichte gehören Stalin, der Müttern Medaillen verlieh, und Mao, der die Ein-Kind-Politik ablehnte. Karl Marx war ein erbitterter Gegner des Ökonomen Thomas Robert Malthus, der vor einer Zunahme der Bevölkerung warnte. Die Geburtenförderung war früher ein sehr linkes Thema. Ich weiss nicht, woher die Idee kommt, dass der Begriff rechts sein soll.

Was man aber nicht bestreiten kann: Historisch war die Geburtenförderung vor allem ein Thema von Autokraten und Diktatoren, die sich ein grosses Volk wünschen.

Stimmt. Aber heute ist der Pronatalismus eine notwendige Überlebensstrategie für freie Gesellschaften. Ein Mangel an jungen Menschen bremst die wirtschaftliche Dynamik, die Innovationsfreude und lässt den Sozialstaat kollabieren. Gibt es nicht mehr Kinder, gehen unsere freien Gesellschaften unter.

Die Anzahl Kinder sinkt überall, sobald Frauen Zugang zu Bildung haben. Wollen Sie das rückgängig machen?

Auf keinen Fall. Wir wissen, dass auch die meisten Frauen mit Abschlüssen an Spitzenuniversitäten gerne zwei oder drei Kinder hätten, oft dann aber nur eines oder gar keines haben. Hier müssen wir ansetzen. Auch ich fordere nicht, dass sie sieben oder acht Kinder haben; die zwei oder drei, die sie sich wünschen, genügen vollauf. Damit sie trotzdem ihrer Karriere nachgehen können, müssen sich die Männer anpassen und einen Teil der Familienarbeit übernehmen. Dann funktioniert es. Meine Frau und ich haben das so gemacht – und so handhaben es nun auch meine drei Kinder in ihren Familien. Wenn man das als rechtsextrem bezeichnen möchte, bitte sehr, dann bin ich halt rechtsextrem.

Unser Sozialsystem ersetzt zu einem Teil das, was früher die Familie übernahm. Viele junge Menschen sehen Kinder als Kostenfaktor, der ihnen erst noch die Freizeit nimmt.

Es wäre meiner Meinung nach eine Aufgabe der Bildung, ein anderes Bild der Familie zu vermitteln. Selbst wenn man durch Kinder den Gürtel enger schnallen muss, so sind sie immer noch das Beste, Aufregendste und Wunderbarste, was man haben kann. Nein, das Zweitbeste. Das Allerbeste ist, Grosseltern zu sein, wie ich seit einiger Zeit feststelle. Aber man muss Schritt eins gehen, um zu Schritt zwei zu gelangen.
Paul Morland, geboren 1964, forschte am Birkbeck College der University of London mit Schwerpunkt Demografie. Als Letztes erschien von ihm das Buch «No One Left», in dem er einen progressiven Pronatalismus propagiert. Sein vorletztes Werk, «Die Macht der Demografie», ist auch auf Deutsch erhältlich. Morlands Eltern flohen als deutsche Juden vor den Nazis nach England. Er selbst hat drei Kinder und fünf Enkelkinder.

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