Auszug:
RCP 8.5 gilt bis heute als das drastischste Klimaszenario. Warum hatte es einen so großen Einfluss?
Es
gab dafür im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens war das Szenario
wissenschaftlich ausgesprochen praktisch. Wenn man sehr starke
Klimaänderungen simuliert, bekommt man ein gutes
Signal-Rausch-Verhältnis. Das Klimasignal tritt deutlich aus dem
natürlichen Hintergrundrauschen hervor. Für Modellierer erleichtert das
viele Analysen.
Zweitens war das Szenario politisch und
kommunikativ außerordentlich nützlich. In aktivistischen Kreisen wurde
RCP 8.5 oft wie der normale Zukunftspfad behandelt. Das erzeugte
maximale Dramatik. Unter dem Motto „Follow the science“ ließ sich damit
sehr wirksam argumentieren.
Sie sagen also, Wissenschaft und Aktivismus hätten sich hier gegenseitig verstärkt?
Ja,
diesen Eindruck habe ich durchaus. Ich glaube tatsächlich, dass sich
hier über Jahre eine Symbiose zwischen aktivistischen Wissenschaftlern
und politischen Aktivisten entwickelt hat. Dahinter stand die
Überzeugung: Wenn man die Öffentlichkeit stärker erschreckt, entsteht am
Ende eine effizientere Klimaschutzpolitik.
Aber die Zweifel an
diesem Szenario existieren schon länger. Neu ist jetzt vor allem, dass
die Institutionen hinter den internationalen Modellreihen selbst
Konsequenzen daraus ziehen.
Welche Folgen hat diese Debatte für Deutschland? Wird sich dadurch die Klimapolitik verändern?
Nein,
das glaube ich nicht. Der Wunsch nach einer heilen Umwelt und einem
möglichst unveränderten Klima ist tief in der deutschen Kultur
verankert. Dazu kommt die Vorstellung, Deutschland oder Europa könnten
das Weltklima im Alleingang retten. Das halte ich für illusionär.
Deshalb
wird die öffentliche Debatte sich vermutlich kaum grundlegend
verändern. Auch viele Medien werden diese Diskussion nur begrenzt
aufgreifen. Lange Zeit war das Klima das dominierende Thema schlechthin.
Heute konkurriert es mit anderen Krisen: dem Ukrainekrieg,
geopolitischen Konflikten, wirtschaftlichen Problemen und den
Verwerfungen rund um Trump.
Sie sagen, viele Medien würden diese Debatte kaum aufgreifen. Warum?
Mein
Eindruck ist, dass sich bestimmte Narrative über Jahre sehr stark
verfestigt haben. In Deutschland gibt es gewissermaßen einige große
Meinungsmaschinen: Tagesschau, Spiegel, Bild. Und
gerade im sogenannten „Qualitätsjournalismus“ ist die Vorstellung tief
verankert, dass maximale Dramatik beim Klimathema politisch notwendig
sei.
Deshalb wird eine Debatte darüber, ob ein besonders extremes
Szenario eigentlich plausibel ist, oft gar nicht als große Nachricht
wahrgenommen. Sie passt nicht gut in die bestehende Erzählung.
Wie müsste aus Ihrer Sicht eine realistische Klimapolitik aussehen? Man
muss zunächst zwei Dinge unterscheiden: Klimaanpassung und Klimaschutz.
Beides gehört zusammen, aber es sind unterschiedliche Politiken.
Klimaanpassung bedeutet, sich auf konkrete Folgen einzustellen – etwa
auf Sturmfluten, Hitzeperioden oder Dürren. In manchen Bereichen
funktioniert das durchaus vernünftig. In Hamburg etwa oder generell an
den Küstenregionen wird beim Hochwasserschutz seit Langem relativ
pragmatisch gearbeitet.
Die zweite Ebene ist die
Emissionsminderung. Und hier gibt es eine unbequeme Realität: Für das
globale Klima spielt es keine Rolle, ob ein zusätzliches CO₂-Molekül aus
Hamburg, Vietnam oder Mexiko stammt. Entscheidend ist die weltweite
Summe. Deutschlands Anteil an den globalen Emissionen ist inzwischen
vergleichsweise klein. Selbst starke nationale Reduktionen verändern das
Weltklima direkt nur minimal. Die entscheidende Frage lautet daher:
Können wir Technologien und Modelle entwickeln, die andere Länder
freiwillig übernehmen wollen?
Und dafür braucht es vor allem
wirtschaftliche Attraktivität. Menschen in China, Indien oder Nigeria
übernehmen keine Politik, weil sie moralisch vorbildlich erscheint,
sondern weil sie Wohlstand verspricht. Wer aus der Armut in die
Mittelschicht aufsteigen will, fragt zuerst: Können meine Kinder besser
leben?
Genau hier liegt das Problem vieler europäischer Debatten.
In Deutschland, Nordeuropa oder Großbritannien wird Klimaschutz häufig
als Verzichtspolitik formuliert. Aber Verzicht ist international nicht
attraktiv. Er wird nicht kopiert. Wenn Klimaschutz weltweit erfolgreich
sein soll, dann müssen die Technologien wirtschaftlich überlegen sein.
Erst dann werden andere Länder sie übernehmen – nicht aus moralischer
Bewunderung, sondern aus Eigeninteresse. Genau das wäre eine
realistische Klimapolitik.
Das Gespräch führte Clemens Traub.
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