25 Mai 2026

Bildungskrise - Analphabeten mit Einser-Abi (WELT)

Bildungskrise

Analphabeten mit Einser-Abi (WELT)
Von Harald Martenstein, Freier Kolumnist und Autor, 24.05.2026, 4 Min
40 Prozent der deutschen Schüler beherrschen mit 15 Jahren weder das Lesen noch das Rechnen. Es ist eine unbeachtete Katastrophe, die viel mit dem deutschen Sozialsystem zu tun hat.
Laut einer Studie im Auftrag von Unicef besitzen gerade noch 60 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland eine „Mindestkompetenz“ beim Lesen und Rechnen. Das heißt im Klartext: 40 Prozent sind nahezu Analphabeten und beherrschen nicht die Grundrechenarten. Wir liegen damit auf Platz 34 unter den 41 Ländern, die untersucht wurden. Das ist eine Katastrophe.
Ein eindeutiger Zusammenhang der Ergebnisse mit der Wirtschaftslage und der Höhe der Bildungsetats besteht laut Unicef nicht. Auffällig sei aber, laut dieser Studie, der Abstand zwischen wohlhabenden Familien und denen, die wenig Geld haben. In den Letzteren haben nur 46 Prozent der Jugendlichen ein bisschen Lesen gelernt. Bei den Wohlhabenden sind es 90 Prozent, also viel mehr, wenngleich immer noch zu wenig.
Gut ist die deutsche Bildungspolitik in den Künsten des Verschleierns und des Sich-in-die-Tasche-Lügens. Die Zahl der Einser-Abiture mit einem Notenschnitt von 1,9 oder besser steigt seit Jahrzehnten, inzwischen sind es um die 30 Prozent. Um zu bestehen, reichen inzwischen 45 Prozent der nötigen Punktzahl, es waren mal 50 Prozent. Der Anteil der mündlichen Mitarbeit an der Note wurde erhöht, der Anteil der Klassenarbeiten gesenkt, eine Prämie für Bluffer und Labertaschen. Laut Statistik ist alles in Ordnung. Gibt es bald schon den ersten deutschen Analphabeten mit Einser-Abi?
Ohne Abi zum Wohlstand
Die „Wohlhabenden“, die bei uns gewohnheitsmäßig als „privilegiert“ geschmäht werden, sind zu einem hohen Prozentsatz deckungsgleich mit den Gebildeten. Ihren Wohlstand verdanken viele davon nicht etwa ihrer privilegierten Familie, zumindest nicht ausschließlich, sondern Fleiß und Leistungswillen. Sie legen Wert auf die Bildung ihrer Kinder, und sie haben natürlich kein Problem mit einem gewissen Quantum an Leistungsanforderungen. Man bekommt nichts geschenkt – das ist die Lektion, die das Leben auch diejenigen gelehrt hat, die es ohne Abitur zu Wohlstand gebracht haben.

Ganz anders klingt die Lektion des Lebens bei den Eltern, die sich im eng geknüpften sozialen Netz befinden. Wer sich im System auskennt, kann auch ohne Arbeit, ohne Karriere und sogar fast ohne Lese- oder Rechenkenntnisse ganz gut leben. Wozu also der Stress?

Ich verurteile das nicht. Diese Eltern verhalten sich nachvollziehbar, wenn sie bei einer Einladung der Schule wegen irgendwelcher Probleme ihres Kindes denken: „Ihr könnt uns mal.“ Sie haben das Gefühl, dass es ihnen recht gut geht, zumal mit ein wenig Schwarzarbeit, zumal, wenn sie aus einem Land stammen, in dem selbst hart Arbeitende nicht den gleichen Lebensstandard besitzen wie sie. Sie spüren nicht mehr den Antrieb, den die alte Arbeiterklasse besaß, dieses „Die Kinder sollen es besser haben“.
Bildung erfordert Anstrengung. Fast niemand strengt sich an ohne Motiv. Ehrgeiz und Leistungswille werden uns nicht in die Wiege gelegt, sie brauchen Rahmenbedingungen, um zu wachsen. Insofern gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem deutschen Sozialsystem und der Bildungskatastrophe, diesem weiteren Sargnagel einer im Niedergang befindlichen Gesellschaft. Eine hohe Besteuerung der Mittelschicht und eine im internationalen Vergleich üppige Versorgung der Nichtarbeitenden und der Ungelernten haben den einst großen Abstand zwischen beiden Milieus schrumpfen lassen. Lesen und Rechnen sind keine Voraussetzung mehr für ein zufriedenstellendes Leben. Also lässt man es.

Für Linke klingt das brutal, es entspricht nicht ihrem romantischen Menschenbild. Bildung aber ist nicht nur das, was die Volkswirtschaft braucht. Bücher bringen uns dazu, in die Köpfe anderer Menschen hineinzuschauen, so tief, wie es ein Film auf Netflix nicht kann.

Gleichzeitig wird das Leistungsniveau kontinuierlich weiter gesenkt. Zuletzt haben einige Bundesländer aus dem Matheunterricht an Grundschulen das schriftliche Teilen und das Rechnen mit Kommazahlen gestrichen. Ein Grund dafür war, dass die Schüler beim Dividieren so oft Fehler machten. Wenn du etwas nicht sofort kannst, dann weg damit – das ist die Botschaft. Auf Kritik reagierte Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg mit der amüsanten Bemerkung, bei der Vereinfachung des Matheunterrichts handele es sich um eine „wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der mathematischen Bildung“.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen