Ganz anders klingt die Lektion des Lebens bei den Eltern, die sich im eng geknüpften sozialen Netz befinden. Wer sich im System auskennt, kann auch ohne Arbeit, ohne Karriere und sogar fast ohne Lese- oder Rechenkenntnisse ganz gut leben. Wozu also der Stress?
Ich verurteile das nicht. Diese Eltern verhalten sich nachvollziehbar, wenn sie bei einer Einladung der Schule wegen irgendwelcher Probleme ihres Kindes denken: „Ihr könnt uns mal.“ Sie haben das Gefühl, dass es ihnen recht gut geht, zumal mit ein wenig Schwarzarbeit, zumal, wenn sie aus einem Land stammen, in dem selbst hart Arbeitende nicht den gleichen Lebensstandard besitzen wie sie. Sie spüren nicht mehr den Antrieb, den die alte Arbeiterklasse besaß, dieses „Die Kinder sollen es besser haben“.
Bildung erfordert Anstrengung. Fast niemand strengt sich an ohne Motiv.
Ehrgeiz und Leistungswille werden uns nicht in die Wiege gelegt, sie
brauchen Rahmenbedingungen, um zu wachsen. Insofern gibt es einen engen
Zusammenhang zwischen dem deutschen Sozialsystem und der
Bildungskatastrophe, diesem weiteren Sargnagel einer im Niedergang
befindlichen Gesellschaft. Eine hohe Besteuerung der Mittelschicht und
eine im internationalen Vergleich üppige Versorgung der Nichtarbeitenden
und der Ungelernten haben den einst großen Abstand zwischen beiden
Milieus schrumpfen lassen. Lesen und Rechnen sind keine Voraussetzung
mehr für ein zufriedenstellendes Leben. Also lässt man es.
Für Linke klingt das brutal, es entspricht nicht ihrem romantischen Menschenbild. Bildung aber ist nicht nur das, was die Volkswirtschaft braucht. Bücher bringen uns dazu, in die Köpfe anderer Menschen hineinzuschauen, so tief, wie es ein Film auf Netflix nicht kann.
Gleichzeitig wird das Leistungsniveau kontinuierlich weiter gesenkt. Zuletzt haben einige Bundesländer aus dem Matheunterricht an Grundschulen das schriftliche Teilen und das Rechnen mit Kommazahlen gestrichen. Ein Grund dafür war, dass die Schüler beim Dividieren so oft Fehler machten. Wenn du etwas nicht sofort kannst, dann weg damit – das ist die Botschaft. Auf Kritik reagierte Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg mit der amüsanten Bemerkung, bei der Vereinfachung des Matheunterrichts handele es sich um eine „wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der mathematischen Bildung“.

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