11 September 2026

Mail von Martenstein - Sehr geehrte Silke Müller - 11.09.2026

Mail von Martenstein

Sehr geehrte Silke Müller,

das Deutschland der Zukunft könnte ein Land sein, in dem zwar alle ein Einser-Abitur haben, aber niemand mehr lesen, schreiben und rechnen kann. So lassen sich die Ergebnisse der neuen PISA-Studie zusammenfassen.
Wo liegt das Hauptproblem? Ich glaube, Deutschland ist ein Land geworden, in dem zu viele „Leistung“ und „Anstrengung“ für überflüssig halten. Deshalb steigen wir ab.

Sie traten in der „Tagesschau“ als „Bildungsexpertin“ auf. Sie sagen: Bildungsförderalismus soll abgeschafft werden.

Das wichtigste Ergebnis dieser Reform wäre wohl, dass auch in Bayern der Analphabetismus wächst.

Sie wollen, dass schon ab Klasse 1 „digitale Ethik“ und „Medienkompetenz“ gelehrt wird – Kindern, die noch nicht lesen können? Eine Schnapsidee. Es sollen überall „Pädagogen für Beziehungsarbeit“ eingestellt werden. Wie wäre es zusätzlich mit einem Meerschweinchenkäfig in jedem Klassenzimmer? Diese satirische Idee verdanke ich der Journalistin Susanne Gaschke.

Expertinnen wie Sie sind Teil des Problems. Wir leben „im Luftreich des Traums“, wie Heinrich Heine über die Deutschen schrieb.

Unter Kaiser Wilhelm, 1912, lag die Analphabetenrate bei 0,02 Prozent. Heute können 20 Prozent höchstens einzelne Worte entziffern.

Für Staaten, die versagen, gibt es in China den hübschen Ausdruck „ein Land, in dem die Vögel keine Eier legen“.

Harald Martenstein

10 September 2026

Mail von Martenstein - Sehr geehrter Herr Bundeskanzler - 10.09.2026

Mail von Martenstein
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
gestern Ihre Bundestagsrede. Also, wir haben uns im häuslichen Kreis stellenweise fast weggeschmissen vor Lachen. Ich meine natürlich die Stelle, in der Sie dem sachsen-anhaltinischen Gottseibeiuns Ulrich Siegmund vorwerfen, er begehe „Wahlbetrug“.
Vor der Wahl hatte er gesagt, er wolle nur mit absoluter Mehrheit regieren. Jetzt, nach der Wahl, sucht  dieser Schlingel sich doch glatt eine Regierungsmehrheit.

Siegmund „täuscht die Wähler“, behaupten Sie. Was ist mit Ihrem Gedächtnis los?

Ich glaube, Sie haben nach Ihrer Wahl zum Links-ist-vorbei-Kanzler bis ins letzte Detail das exakte Gegenteil dessen getan, was Sie den Leuten vorher versprochen hatten. Okay, ich übertreibe, aber nur leicht. Ihr Vorwurf ist etwa so abwegig, als ob ausgerechnet Donald Trump einer Filmdiva vorwirft, sie schwindele mit ihrem Alter.

Die AfD plant, laut ihrer Aussage, „ethnische Säuberungen“. Mit diesem Wort ist die gewaltsame Vertreibung von Bevölkerungsgruppen gemeint. Gibt es dafür einen Beleg? Wieso nennen Sie ihn nicht? Falls ja, muss diese Partei verboten werden. Falls nein, sagen Sie die Unwahrheit. Sie sollten Verständnis haben für Leute, die’s mit der Wahrheit nicht genau nehmen.

Ich weiß, Ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Sie werden auf diese Art aber keinen einzigen AfD-Wähler zurückholen. Sich selbst retten Sie so auch nicht.

Hochachtungsvoll

Harald Martenstein

09 September 2026

Mail von Martenstein - Lieber Hendrik Wüst - 09.09.2026

Mail von Martenstein

Lieber Hendrik Wüst,

Sie haben in Berlin angekündigt, dass Sie ein AfD-Verbot prüfen lassen. Verbotsexperten sollen herausfinden, ob das geht und wie man`s macht. „Wenn auf dem Tisch liegt, diese Partei kann verboten werden“, dann, so sagten Sie, sei das für Sie ein „Handlungsbefehl“.
Es geht dabei darum, so sagen Sie, „die Verfassung zu schützen“. Davon, dass CDU-Ministerpräsidenten wegen der vielen AfD-Wähler ihr Amt verlieren könnten, steht nämlich kein Wort im Grundgesetz. Ich habe nachgeschaut: Es steht wirklich nicht drin!

Ich sehe zwei praktische Probleme.

Erstens, die AfD könnte sich unter anderem Namen einfach neu gründen. Deshalb wäre es praktischer, wenn man das Verbot allgemeiner fasst. Etwa so: Oppositionsparteien, die mehr Stimmen als die CDU bekommen, sind laut Demokratie-Schutz-Gesetz automatisch verboten. Außerdem gehen mit so einem Parteiverbot fast immer Massenverhaftungen einher. Beim letzten Verbot – die KPD, 1956 – landeten Zigtausende im Knast, allein 6400 Mitglieder der Jugendorganisation FDJ.

Wir müssen also erst mal Platz in unseren überfüllten Gefängnissen schaffen. Wenn man Koks-Dealer freilässt, um stattdessen Ulrich Siegmund hinter Gitter zu bringen, könnte das allerdings landesweit für eine gewisse Unruhe sorgen, also für weitere Verhaftungen. Zum Glück haben wir in Berlin eine Menge Platz für Zelte, zum Beispiel das Tempelhofer Feld.

Das wollen Sie!

Fragt Ihr Harald Martenstein

08 September 2026

Mail von Martenstein - Lieber Sven Schulze - 08.09.2026

Mail von Martenstein - 

Lieber Sven Schulze,

Sie haben als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt nicht einfach nur eine Wahl desaströs verloren. Vielleicht wird diese Niederlage in ein paar Jahren als historischer Wendepunkt gelten – der Beginn auf dem Weg der AfD zur Regierungspartei, der Beginn des Endes der Brandmauer, der Anfang vom Ende der CDU, was weiß ich.
Sie waren ein guter Verlierer. Das schafft nicht jeder. Sie haben dem Wahlsieger von der AfD gratuliert. Und Sie haben gesagt: „Das ist Demokratie.“

Sie haben also mehr Größe gezeigt als viele andere, die an diesem Abend im Fernsehen waren. Besonders klein war Luigi Pantisano von der Linken, als er den AfD-Chef Tino Chrupalla als „Flachzange“ beschimpfte.

Jeder weiß, dass Sie nicht der Alleinschuldige am CDU-Desaster sind. Es kam viel zusammen.

Die Richtung, in die es geht, bestimmt das Volk. Die Mehrheit will keine Pantisanos. Sie will auch keine Nazis.

Viele wollen ein Deutschland, wie Gerhard Schröder es einst an Angela Merkel übergeben hatte, mit maßvoller Migration, konkurrenzfähiger Wirtschaft, guter Infrastruktur und sicheren Parks.

Wegen der Brandmauer kann die CDU dem Volk das nicht liefern. Deshalb setzen immer mehr Leute ihre Hoffnungen in die AfD. Ob zu Recht, wird man sehen.

Wie gesagt: Das ist Demokratie. Ein weiser Satz, Herr Schulze.

Herzlich Ihr

Harald Martenstein

07 September 2026

Mail von Martenstein - Euer Durchlaucht Heinrich Prinz von Reuß - 07.09.2026

Mail von Martenstein - 
Euer Durchlaucht Heinrich Prinz von Reuß
rede ich Sie korrekt an? Sie gelten als Chef der „Rollator-Gang“. Das ist eine Gruppe meist nicht mehr ganz junger Mitbürger, die einen Putsch geplant haben soll.
Das Ganze lief, so weit bekannt, recht dilettantisch ab, obwohl Sie immerhin bewaffnet waren. Unter anderem mit Schwertern und Bajonetten. Mein knallrotes Gummiboot hätte also gut in Ihre Streitmacht gepasst, mit mir als Admiral.

Der Prozess läuft seit Mai 2023, eine Angeklagte ist bereits verstorben. Sie (74) sitzen seit bald vier Jahren in U-Haft. Allmählich stellt sich die Frage, ob das mit rechtsstaatlichen Prinzipien zu vereinbaren ist: lebenslang U-Haft?

Enise Ö. ist erst 34. Bei ihrem Baby wurden Hirnblutungen festgestellt, vielleicht Folge von Misshandlung. Das Kind und Enise kamen in Stade in eine Mutter-Kind-Einrichtung. Der Vater Fatih G. wurde zu einem Gespräch gebeten. Er nutzte diesen Termin zu einem Massaker. Sechs städtische Mitarbeiter sind tot. Einer Frau gelang zunächst schwerverletzt die Flucht, Enise verfolgte sie, schlug auf sie ein und beschimpfte sie als „Hure“. Die Frau starb.

Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen, Prinz, und Enise Ö.? Sie haben keinen Tropfen Blut vergossen und sitzen, ohne Urteil, seit Jahren im Knast. Enise ist in einen Mordfall verstrickt und war laut Ermittlungsakten womöglich selbst gewalttätig. Sie befindet sich auf freiem Fuß.

Wir leben in einem seltsamen Land. Habe die Ehre!

Harald Martenstein

The Pioneer - Die fünf unbequemen Wahrheiten der Wahlnacht

Morning Briefing
Die fünf unbequemen Wahrheiten der Wahlnacht 
Gabor Steingart, 07.09.2026
Guten Morgen, die Sehnsucht der Mächtigen, die Wirklichkeit gedanklich so lange zu verschönern, bis sie dem eigenen Wunsch entspricht, gab’s zu allen Zeiten. In dieser Hinsicht zumindest gleicht das politische Berlin der Weimarer Republik. Kurt Tucholsky hat es 1930 in seinem Gedicht „Zuckerbrot und Peitsche“ so auf den Punkt gebracht:
„Das Bürgertum erliegt der Wucht:
Flucht, Flucht, Flucht.
Sie wollen sich mit Kunst betäuben,
sie wollen nur noch Märchen sehe an
sie wollen ihre Welt zerstäuben
und neben der Epoche gehen.“
Dieses „neben der Epoche gehen“ war gestern Abend in Kompaniestärke zu besichtigen. Aus den Parteizentralen von CDU und SPD, aber auch aus Kanzleramt, Unionsfraktion und Bundesregierung waren in den TV-Studios von ARD und ZDF professionelle Beschwichtiger unterwegs, die nur das sahen, was sie sehen wollten.
Flucht. Flucht. Flucht.
Da aber Demokratie zuweilen nur ein anderes Wort für Tapferkeit ist, hier fünf unbequeme Wahrheiten, die sich aus dem Ergebnis von gestern Abend ableiten:
#1 Hochamt der Demokratie

05 September 2026

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk - Die übervollen Mülltonnen (Cicero)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
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Die übervollen Mülltonnen (Cicero)
Wer von Gebühren lebt, wird für Beschwerden taub. Das zeigt sich bei Müllentsorgern ebenso wie beim ÖRR. Zwangsfinanzierung schafft Gleichgültigkeit: Kritik versandet, Verantwortung wird abgewehrt, und Manipulation gilt plötzlich als „Schnittfehler“.
VON BERND STEGEMANN am 28. Januar 2026 5 min
Was hat der Berliner Abfallentsorger Alba mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) gemeinsam? Die Antwort ist verblüffend: Beide werden aus Zwangsgebühren finanziert und scheren sich einen Dreck um den Bürger. Alba bekommt den Preisaufschlag, den jeder Konsument beim Kauf eines Produkts mit Recycling-Logo bezahlt. Der ÖRR erhält eine monatliche Gebühr in Höhe von 18,36 Euro, die jeder Haushalt bezahlen muss. Alba und ÖRR leben im Paradies der nie versiegenden Geldströme. 
Aus dieser seligen Lage folgt leider ein unangenehmes Verhalten: Beide Unternehmen haben gänzlich taube Ohren für Beschwerden. Alba leert in dem Haus, in dem ich wohne, seit Wochen nicht mehr die gelben Tonnen. Alle Versuche der Beschwerde versanden im Nirgendwo einer kafkaesken Bürokratie. Die Tonnen quellen über. Und in einer teuflischen Dialektik wird das als Argument genommen, nun die Leerung der überfüllten Tonnen zu verweigern. Am vermüllten Ende steht der ohnmächtige Gebührenzahler. 
Haltung statt Verantwortung
Beschwerden beim ÖRR laufen ebenfalls ins Leere. Als jüngst der Direktor der BBC zurückgetreten ist, wurde mir die Schwerhörigkeit des deutschen ÖRR abermals bewusst. Der Direktor der BBC trat aus berufsethischen Gründen zurück, die für Mitarbeiter des deutschen ÖRR unverständlich sind. Es gab Schlampereien bei der Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls eines BBC-Mitarbeiters, und es gab einen tendenziösen Bericht über Donald Trump. „Na und?“, sagt der unkündbare ÖRR-Redakteur, „tendenziöse Berichte sind unser Alltag, deswegen muss doch niemand um seinen Posten zittern.“
Doch bei der BBC trat der Direktor zurück, und deutsche Zeitungen und der ÖRR bringen darüber ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Man hörte die Verantwortlichen klagen: Wenn das in Deutschland Schule macht, dann gibt es bald viele freie Stellen beim ÖRR. Damit das nicht passiert, gibt es nur eine Erklärung: Die BBC ist Opfer einer rechten Kampagne. 

Factchecker oder Fakten-Tscheka? - Die Factchecker des MDR zeigen, wie aus Faktenchecks Desinformation werden kann (Cicero)

Factchecker oder Fakten-Tscheka? - 
Die Factchecker des MDR zeigen, wie aus Faktenchecks Desinformation werden kann (Cicero)
Der MDR möchte Desinformation mit professionellen Faktenchecks begegnen. Eine Analyse seiner jüngsten Prüfungen zeigt jedoch erhebliche handwerkliche Schwächen – und wirft die Frage auf, warum die Fehler auffällig oft zulasten von AfD und BSW gehen.