VON FERDINAND KNAUSS am 29. Oktober 2026, 19 min
Die Mehrheit des Europäischen Parlaments hat am 7. Oktober 2023 etwas scheinbar Selbstverständliches festgestellt, nämlich die „Notwendigkeit einer EU-Strategie zur Bekämpfung islamistischer Infiltration und des Einflusses des Netzwerks der Muslimbruderschaft“. Der Antrag, den die Europäische Volkspartei EVP, zu der auch CDU und CSU gehören, eingebracht hatte, hat keine unmittelbaren Folgen für die Mitgliedsländer, aber er hält erstmals EU-offiziell fest, dass nicht nur der terroristische Dschihadismus, sondern auch der „entristische“, also unterwandernde, Islamismus bekämpft werden sollte.
Leichter als die Verurteilung von Islamisten fiel es den Berliner Spitzen von SPD, Grünen und Linkspartei, ein Papier gegen Antisemitismus zu unterschreiben, das SPD und Grüne zur Bedingung für Koalitionsverhandlungen gemacht hatten. Sie bekennen sich darin zu Selbstverständlichkeiten, nämlich zum „Schutz jüdischen Lebens“, zur Verantwortung für die Schoa und zum Existenzrecht Israels. Aber der politische Islam als ideologische Quelle des in ihren eigenen Parteien grassierenden Hasses auf Juden und den Staat Israel wird nicht erwähnt, geschweige denn eine explizite Distanzierung formuliert. Insofern ist dieses Papier weniger eine Garantie gegen Antisemitismus als vielmehr ein Dokument der Rücksichtnahme auf muslimische Interessen. Die hat die Linke im Berliner Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus so offensiv („Yalla, yalla, Intifada“) und letztlich auch erfolgreich wie nie zuvor vertreten. Indem der stadtbekannte Hamas-Unterstützer Ibrahim Ibrahim die Wahlparty der Linkspartei besuchte, machte er klar, dass diese nach dem Wahlerfolg unter muslimischen Neubürgern nun auch liefern müsse. Sich zu distanzieren, kann sich die Linke offenkundig nicht mehr leisten, wenn sie nicht einen Großteil ihrer Wählerschaft verlieren will.
Dasselbe gilt aber auch für die SPD, die immer wieder große Offenheit gegenüber islamischen Unterwanderungsversuchen gezeigt hat. Sascha Adamek hat in seinem Buch „Unterwanderung“ zahlreiche Fälle belegt. Auch die SPD buhlt um muslimische Wähler – und wird dadurch, wie Adamek schreibt, zum „politischen Vorfeld der Islamisten“. Der Münchner Imam Benjamin Idriz, den der Verfassungsschutz als Teil des Muslimbruder-Geflechts beobachtet, ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Münchens Ex-Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) ließ sich mit ihm fotografieren, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte 2019 Idriz’ Islamische Gemeinde Penzberg als „modellhaft“. Das ist also genau das, was das Europäische Parlament in dem genannten Antrag als „politisches und institutionelles Versagen“ unterbunden sehen will: nämlich, dass „organisierte islamistische Netzwerke als repräsentative Gesprächspartner“ angesehen und oft noch großzügig mit Steuergeld versorgt werden.
Das Bündnis von Linken und politischem Islam
Der schon seit Jahren praktizierte Schulterschluss der französischen Linkspartei La France insoumise (LFI) und ihres Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon mit dem politischen Islam ist sozusagen das Modell für das, was SPD und Linkspartei praktizieren, und wofür sich der französische Begriff des „Islamogauchisme“ etabliert hat. Dieses anachronistische Bündnis zwischen ultraprogressiven, meist vollständig säkularisierten Anhängern multipler Geschlechtlichkeit und eines enteignungsfreudigen Neomarxismus einerseits und andererseits Muslimen, die die Scharia, also ein aus dem Arabien des 7. Jahrhundert stammendes archaisches, frauenverachtendes Gottesgesetz über alles stellen, ist längst in ganz Westeuropa zu beobachten.
Und immer deutlicher wird in jüngster Zeit, welcher der Bündnispartner langfristig der tonangebende sein wird. Ahmad Mansour, Psychologe und Buchautor, der als Araber in Israel aufwuchs und sich in Deutschland gegen die Radikalisierung junger Muslime engagiert, bringt es so auf den Punkt: „Die Linken sind seit langem nützliche Idioten.“ Die französische Islam-Forscherin Florence Bergeaud-Blackler spricht in ihrem Buch „Kalifat nach Plan“ von „Kuckucksparteien“, in die die Islamisten „ihre Eier legen, um diese von anderen bebrüten, füttern und beschützen zu lassen“.
Besonders deutlich wird das beispielsweise bei den englisch-walisischen Grünen. Sie wählten kürzlich nicht nur einen Islam-Prediger namens Mothin Ali zum stellvertretenden Parteichef, der zuvor einen jüdischen Rabbi als „creep“ (Widerling) beleidigt hatte und dessen Frau ihr Gesicht hinter einem Nikab verbirgt, während er den Ruf nach dem Verbot der Vollverschleierung „rassistisch“ nennt. Sie erklärten auch per Parteitagsbeschluss „Zionismus“, das heißt den Staat Israel, für rassistisch. Grünen-Parteichef Zack Polanski, jüdischer Herkunft, aber erklärter „Antizionist“, spricht ähnlich wie die Linken in Berlin muslimische Wähler in ihren Herkunftssprachen Urdu und Bengali an. Bei einem Auftritt in einer Moschee in seinem Wahlkreis im Londoner Stadtteil King’s Cross versprach er, die Grüne Partei stimme im Parlament immer so ab, „wie die Gemeinschaft es will“. Polanski verlor die Nachwahl mit 32,8 Prozent gegen die Labour-Politikerin Sagal Abdi-Wali (45,2 Prozent). Damit entfielen fast 80 Prozent der Stimmen in dem von Einwanderung geprägten Wahlkreis auf Kandidaten des linken Spektrums, die ihre Nähe zum Islam mit Worten oder symbolisch (Abdi-Wali trägt ein Hidschab-Kopftuch) zeigen.
Dass muslimische Interessen mittlerweile nicht nur Wahlen entscheiden, sondern auch den öffentlichen Raum zunehmend prägen, wird in den meisten Ländern Westeuropas von Muslimen immer offensiver zur Schau gestellt. Einerseits bei Zeremonien wie etwa am 16. September in Leuven in Belgien, wo zum Semesterbeginn der Katholischen Universität in der traditionellen Messe in der Sankt-Peterskirche ein junger Mann am Altar auf Arabisch eine Koran-Passage sang – Presseberichten zufolge ausgerechnet eine, in der Muslime aufgefordert werden, keine „Götzen“ anzubeten. Oder am 20. Mai in Birmingham, wo Zaker Choudhry, Mitglied der (links der Mitte einzuordnenden) Liberaldemokraten, in das zeremonielle Amt des „Lord Mayor“ eingeführt wurde, indem ein Imam aus dem Koran sang – ebenfalls auf Arabisch.
Wenn der Islam den Alltag prägt
Aber nicht nur in der Sphäre der Politik und bei Demonstrationen gegen Israel oder für ein „Kalifat“ zeigt sich das zunehmende Gewicht des Islam. Es offenbart sich auch im scheinbar unpolitischen Alltag: Wenn im Hallenbad des rheinischen Chorweiler so wie in zahlreichen anderen Orten allwöchentlich ein „muslimisches Frauenschwimmen“ stattfindet. Wenn in Witten im Ruhrgebiet ein syrischer Asylbewerber seit Monaten die Anwohner mit lauter Koran-Lektüre drangsaliert und er von der Polizei nur Geldstrafen erhält, die er nicht begleicht, während das Jobcenter ihm bedingungslos Grundsicherung zahlt, um ihn „nicht zu provozieren“. Oder wenn eine Grundschule in Düsseldorf-Wersten und zahllose andere europäische Schulen zwischen Marseille und Stockholm zum Zuckerfest und anderen islamischen Feiertagen leer gefegt sind, und das Fehlen der muslimischen Kinder von den Behörden ganz selbstverständlich geduldet wird.
Jedes einzelne dieser Phänomene mag für sich harmlos scheinen. Aber zusammen betrachtet ergibt sich das Bild einer schleichenden, weitgehend gewaltlosen, aber kontinuierlichen und konsequenten Islamisierung des öffentlichen Lebens in Westeuropa. Der Aufstieg des Islam zur bestimmenden gesellschaftlichen Kraft ist längst keine hypothetisch-dystopische Zukunftsaussicht mehr, sondern eine der wirkmächtigsten Tendenzen der Gegenwart. Und es ist kein verdeckter Prozess, sondern er findet öffentlich und unübersehbar statt. Diese kontinuierliche Steigerung der Sichtbarkeit des Islam im Alltag und in den Machtinstitutionen entspricht ganz der Strategie der bei weitem wichtigsten Organisation und Bewegung des Islamismus, der Muslimbruderschaft.
Die Bruderschaft wurde 1928 von dem Ägypter Hassan al Banna gegründet. Sie ist „sowohl eine hierarchische Kader-Organisation mit unzähligen Vorfeldorganisationen als auch eine islamische Bewegung, die ideologischen Vorgaben und gemeinsamen Strategien folgt“, erklärt Heiko Heinisch, Mitautor des Buches „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas“. Nach einer langen Geschichte im Nahen Osten, zu der nicht zuletzt die Gründung der Hamas als wichtigster antiisraelischer Terrororganisation gehört, ist sie heute auch in den meisten europäischen Einwanderungsländern zum Mainstream des organisierten Islam geworden. Sie kooperiert mit der Milli-Görüs-Bewegung, die ihrerseits mit der staatlich-türkischen Religionsbehörde Diyanet beziehungsweise deren deutschem Ableger Ditib verbunden ist. Gleiches gilt für die Jamaat-e-Islami (Islamische Gemeinschaft), die unter den meist aus Pakistan, Indien und Bangladesch stammenden Muslimen Großbritanniens eine ähnliche Rolle spielt wie die Muslimbruderschaft unter arabischsprachigen Migranten. Auch mit dem schiitischen Staatsislam des Iran pflegen Muslimbrüder einvernehmliche Kontakte.
Die wichtigsten Hilfsmittel in deren hybridem Kampf gegen den Westen sind einerseits die demografische Zunahme der Muslime und die Festigung ihrer „islamischen Identität“ und andererseits die Naivität oder gar offene Mithilfe weiter Teile der einheimischen westlichen Gesellschaften.
Demografie und die Frage der Integration
Zwischen 2010 und 2020 hat sich der Anteil von Muslimen an der Bevölkerung Europas (einschließlich Russlands, ausschließlich der Türkei) von 5,3 auf 6 Prozent erhöht. Er wird laut Pew Research Center bis 2050 selbst bei künftiger Netto-null-Zuwanderung auf 7,4 Prozent, bei weiterhin hoher Asylmigration auf insgesamt 14 Prozent steigen. Allerdings fokussiert sich dieser Anstieg vermutlich weiterhin auf Westeuropa. Frankreichs Bevölkerung besteht schon jetzt zu rund 10 Prozent aus Muslimen. Selbst in einem mittleren Szenario (nur Arbeits-, keine Asylmigration) wird Frankreich 2050 zu über 17 Prozent, Schweden sogar zu mehr als 20, Deutschland zu rund 11 und Großbritannien zu fast 17 Prozent von Muslimen bewohnt sein. Bei fortgesetzt hoher Asylmigration wird 2050 Schweden laut Pew zu über 30 und Deutschland zu über 20 Prozent muslimisch sein.
Was das für die regionalen Schwerpunkte muslimischer Bevölkerung in Europa bedeutet, kann man sich mit Blick auf die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit vorstellen: In Birmingham etwa bezeichneten sich laut dem britischen Statistikamt 2021 bereits 29,9 Prozent der Einwohner als Muslime, 2011 waren es noch erst 21,8 Prozent. Zumindest bis 2050 werden Muslime zwar in keinem westeuropäischen Staat die Bevölkerungsmehrheit erreichen, vermutlich aber in einigen Städten.
Nach der klassischen Vorstellung des westlichen Einwanderungsoptimismus wäre die stetige Zunahme der Muslime eigentlich kein großes Problem. Die Eingewanderten oder mindestens deren Nachfahren würden schließlich westliche Werte und Lebensmodelle übernehmen. Die tatsächliche Entwicklung verläuft aber in die Gegenrichtung – ganz im Sinne des „Frérismus“, wie Florence Bergeaud-Blackler die Muslimbrüder-Ideologie nennt. Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen (KFN) vom April 2024 stimmen 67,8 Prozent der muslimischen Schüler dieser Aussage zu: „Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.“ 45,8 Prozent halten einen islamischen Gottesstaat für die beste Staatsform. 21,2 Prozent finden, die „Bedrohung des Islam durch die westliche Welt“ rechtfertige, dass sich Muslime mit Gewalt verteidigten.
Die Kombination aus demografischem Wachstum und ideologischer Radikalisierung hat aus vielen Vorstädten Frankreichs jene „territoires conquis de l’islamisme“ („vom Islamismus eroberte Gebiete“) gemacht, die der Islamforscher Bernard Rougier in seinem gleichnamigen Buch untersucht hat. Ein Netz aus Moscheen, Kulturvereinen, Sportklubs, Halal-Geschäften und Buchhandlungen umfängt dort den Alltag der „wahren Muslime“ und trennt sie bewusst von den Werten der säkularen Republik. Rougier spricht von einer „Übernahme der Kontrolle“. Das heißt: Wer sich dem Kleider-, Ernährungs- und Verhaltenskodex nicht beugen will, gerät unter sozialen Druck. Für Menschen, die ein freies Leben führen möchten, bleibt laut Rougiers Fallstudien meist nur die Flucht aus dem Viertel.
Das Fernziel der Muslimbruderschaft
Das erklärte Fernziel der Muslimbruderschaft ist nicht weniger als die schrittweise Transformation der westlichen Demokratien in islamische Staaten, letztlich die Weltherrschaft des Islam durch die Errichtung eines Kalifats als weltumspannende islamische Ordnung. So unglaublich und verschwörungstheoretisch dieses Ziel für säkulare Menschen im Westen erscheinen mag: Die Muslimbrüder haben es deutlich vor Augen. Und das strategische Konzept, das Vordenker wie Yusuf al Qaradawi entwickelt haben, kombiniert dazu, wie Heinisch erklärt, Beharrlichkeit mit taktischer Flexibilität.
Die jüngste Gewalteskalation an Schulen in Frankreich und Belgien beruht vermutlich nicht unmittelbar auf islamistischen Motiven, sondern ist laut einem Bericht des französischen Geheimdiensts eher auf linksradikale Agitation aus dem Umkreis der Mélenchon-Partei LFI zurückzuführen. Aber sie dürfte der Muslimbrüder-Strategie zugutekommen. Denn die Instabilität von Schulen ist für sie ein gefundenes Fressen. „An einer Schule, die ohnehin am Rand ihrer Leistungsfähigkeit angelangt ist“, so erklärt Heinisch, „werden Lehrkräfte, die bereits am Limit sind, jedem weiteren Konflikt aus dem Weg gehen, also eher nachgeben, wenn eine Gruppe von Schülern oder Eltern Gebetsräume und Waschzeiten für rituelle Waschungen fordert, Lehrinhalte als unislamisch ablehnt oder ein Aussetzen von Prüfungen während des Ramadans fordert und so weiter.“
Infiltration statt offene Konfrontation
Der „Civilization Jihad“, von dem die Muslimbrüder in Strategiepapieren selbst sprechen, ist eine Art Kulturkampf mit der gesamten nichtislamischen Menschheit. Und in den westlichen Einwanderungsländern wird er vor allem durch subversive Infiltrierung geführt. „Unter dem Deckmantel von Menschenrechtsarbeit, Antirassismus-Initiativen oder vermeintlich harmloser Kultur- und Vereinsarbeit bauen die Akteure gezielt Einfluss auf“, schreibt Heinisch. „Sie nutzen die Mechanismen pluralistischer Demokratien, um Parallelstrukturen zu etablieren und gesellschaftliche Segregation voranzutreiben.“
Der wohl größte Erfolg der Kommunikationsstrategie der Muslimbrüder ist die Verankerung der Begriffe „Islamophobie“/„Islamfeindschaft“ und „antimuslimischer Rassismus“ im Mainstream-Diskurs. Die Wortwahl linker Politiker im Europäischen Parlament belegt es. Dabei spielen Akademiker und Aktivisten im Umfeld der Muslimbruderschaft, wie Farid Hafez, Herausgeber des „Jahrbuchs der Islamophobieforschung“, eine Hauptrolle. Die Mitglieder der vom European Network Against Racism (ENAR) koordinierten Europäischen Koalition gegen Islamophobie sind laut Bergeaud-Blackler ein „Netzwerk von fréristischen Einflussnehmern in Europa“.
Die Verwendbarkeit dieser Begriffe als argumentative Allzweckwaffe zeigt, wie geschickt der unterwandernde Islamismus die besonderen Sensibilitäten westlicher Gesellschaften für seine Zwecke ausnutzt. So wird der Weg frei zur Etablierung von öffentlich geförderten NGOs, Meldestellen und Studien, die Islamkritiker als Rassisten diffamieren. Besonders erfolgreich beim Einsammeln von Steuergeld ist etwa die CLAIM-Allianz („Wir sensibilisieren, vernetzen und unterstützen bundesweit Zivilgesellschaft und Verwaltung und dokumentieren bundesweit Vorfälle von Islam- und Muslimfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus“). Zumindest der gleichnamigen Vorgängerin gehörten auch mehrere Organisationen an, die der Muslimbruderschaft nahestehen.
Sascha Adamek beziffert in seinem Buch „Unterwanderung“ die Ausgaben allein des Bundesfamilienministeriums und des Berliner Senats für Projekte gegen „Antimuslimischen Rassismus“ auf mehr als 25 Millionen Euro in 15 Jahren.
Wie der Westen Islamkritik entkräftete
Die Begriffe „antimuslimisch“ und „rassistisch“ miteinander zu verknüpfen, war ein geschicktes Kommunikationsmanöver, um Nähe zu neulinken akademischen Milieus herzustellen, die von postkolonialen Studien und der Critical Race Theory geprägt sind. Das verstärkte die ohnehin schon seit Jahrzehnten vorhandene seltsame Faszination und Sympathie in weiten Teilen der linken Geisteswelt für den Islam. Diese Zuneigung atheistisch-linker Intellektueller zu einer voraufklärerischen Religion, etwa Michel Foucaults Begeisterung für Khomeini und die „politische Spiritualität“ der islamischen Revolution im Iran, ist zwar absurd. Aber sie ist zumindest emotional erklärbar: Muslime werden pauschal als Opfer des westlichen Kolonialismus und fortgesetzter Unterdrückung (etwa angeblich Israels) identifiziert.
Vor 20 Jahren offenbarte sich die Blindheit der westlichen Geisteselite gegenüber der sanften Islamisierung in einer internationalen Intellektuellendebatte. Damals hatten zwei höchst renommierte, preisgekrönte Alpha-Historiker des intellektuellen Mainstreams, nämlich Ian Buruma und Timothy Garton Ash, offen gegen die Islam-Aussteigerin Ayaan Hirsi Ali und für Tariq Ramadan, Enkel des Ur-Muslimbruders Hassan al Banna, Partei ergriffen. Ash nannte Ali eine „Fundamentalistin der Aufklärung“. Sie sei „von einem Extrem ins andere gefallen“. Das Verbot des Hidschabs in Frankreich sei genauso fragwürdig wie das Gebot im Iran, ihn zu tragen. Und die Forderung an Muslime, „unseren Glauben – den des säkularen Humanismus – anzunehmen“, wäre „fast ebenso intolerant wie eine Forderung der islamistischen Dschihadisten an uns, den ihren anzunehmen“. Sinnvoll sei es, „jene Versionen des Islam zu unterstützen, die mit den Grundsätzen des modernen, liberalen und demokratischen Europa vereinbar sind“ – und das sei „das Versprechen von islamischen Reformern wie Tariq Ramadan“.
Die Illusion vom europäischen Reformislam
Ramadan und sein Großonkel Gamal al Banna (1920–2013), Hassans Bruder, wurden von Ash als „Dissidenten innerhalb des Islam“ verklärt und von vielen Journalisten missverständlicherweise mit dem Begriff des „Euro-Islam“ verbunden. Von ihnen versprachen sich westliche Religionsrelativisten den Erfolg einer Integration muslimischer Einwanderer nicht gegen, sondern durch den Islam.
Daraus sprach eine fatale Naivität: Denn Ramadan und andere Muslimbrüder in Europa hatten sich nur in taktischen Fragen, aber nie grundlegend von al Bannas Ideologie und dem Ziel der globalen Islamisierung entfernt. Die französische Journalistin Caroline Fourest hat in ihrem Buch „Frère Tariq“ (Bruder Tariq) die Doppeldeutigkeit seiner Aussagen offengelegt, die, ganz im Sinne der Muslimbrüder-Taktik, gegenüber der nichtislamischen Öffentlichkeit maßvoll verständigungsbereit klangen, ohne gegenüber den Muslimen ideologische Abstriche zu zeigen. So forderte er etwa ein „Moratorium“, aber nicht die Abschaffung der Todesstrafe durch Steinigen für untreue Ehefrauen.
Heute hat Ramadan, der in Oxford und anderen renommierten Universitäten lehren durfte, als verurteilter Mehrfachvergewaltiger und nach zahllosen islamistischen Äußerungen seine Rolle als Hoffnungsträger westlicher Intellektueller endgültig verloren. Ash und Buruma und alle anderen westlichen Bewunderer Ramadans hätten aber eigentlich auch damals schon wissen können, worum es dem Mann geht, nämlich den Vorrang des orthodoxen Islam vor westlichen Gesetzen durchzusetzen. Buruma berichtete 2007 selbst von persönlichen Treffen und zitierte Ramadan mit den Worten: „Wir sind für Integration, doch es ist unsere Sache zu entscheiden, was das bedeutet … ich werde dem Gesetz Folge leisten, allerdings nur insofern, als es mich nicht dazu zwingt, etwas zu tun, das meinem Glauben widerspricht.“ Buruma störte sich daran nicht, sondern beendete seinen Artikel „Wer ist Tariq Ramadan?“ mit der Erklärung, Ramadan eröffne „eine Alternative zur Gewalt“ und das sei „Grund genug, sich mit ihm auseinanderzusetzen“.
Ramadan war für einige Jahre ein allseits geachteter Feuilleton-Liebling, mit dem auch Jürgen Habermas öffentlich diskutierte. Bezeichnenderweise wurde ein anderer muslimischer Gelehrter, nämlich der deutsche Islamologe Bassam Tibi, zur selben Zeit aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Tibi hatte ab 1992 das Konzept des „Euro-Islam“ vorgestellt. Darin forderte er genau das, was Ramadan und die Muslimbrüder strikt verweigern: eine grundlegende religiös-kulturelle Anpassung des Islam, also die Aufgabe der Vision der Islamisierung und die Akzeptanz der Grundinhalte der kulturellen Moderne (Demokratie, individuelle Menschenrechte, Pluralismus). Nur das könne zur Europäisierung des Islam führen.
Bassam Tibis gescheiterte Hoffnung
Tibi sieht sein Konzept längst als gescheitert an. Als er sich 2016 noch einmal zu Wort meldete und vor den Folgen der islamischen Massenzuwanderung warnte, warf ihm der Grünen-Politiker Jürgen Trittin „rassistische Klischees“ vor – der Grünen-Politiker nutzte also die fréristische Kommunikationsallzweckwaffe. Tibi erklärte schließlich: „Ich kapituliere. Den Euro-Islam wird es nicht geben. Er war eine schöne Hoffnung, aber die Realität ist leider eine andere.“
Die Islamisten in Europa haben aus der damaligen Debatte und anderen Signalen ihre taktischen Schlüsse gezogen. Ahmed Akkari, ehemaliger Funktionär des dänischen Ablegers der Bruderschaft, sagte in einem Interview: „Wir haben verstanden, dass der Westen kurzsichtig ist (…) und im Grunde drei Dinge von uns verlangt: Geld, Wählerstimmen und nicht bin Laden zu sein.“
Die Debatte beginnt sich zu drehen
In weiten Teilen nicht nur der linken Parteien, sondern auch der Publizistik scheint man sich dagegen weiter für die Kurzsichtigkeit zu entscheiden. Beleg dafür ist etwa die Haltung deutscher Medien gegenüber dem Schriftsteller und Islamkritiker Boualem Sansal, der im Sommer 2026 aus algerischer Haft entlassen wurde. In einem Bericht des Deutschlandfunks vom Juni 2026 wird sein publizistischer Kampf gegen „Islamisten“, der fraglos der Grund seiner Inhaftierung war, nur in einem Nebensatz erwähnt. Stattdessen wirft der Redakteur ihm vor, dass er sein jüngstes Buch über die Haft („La Légende“) in dem „rechten“ Verlag Grasset veröffentlicht habe und ihm eine „Nähe zum rechtsextremen Lager nachgesagt“ werde. In der Süddeutschen Zeitung herrscht ein ähnlicher Sound: „Sansal, der erklärte Atheist, ist der harten Rechten lieb mit seiner Fundamentalkritik am Islam. Und Sansal dankt es ihr, indem er die Linke angreift.“
Die Wende in der Haltung gegenüber dem entristischen Islamismus ist zwar nun mit dem offiziellen Segen aus Brüssel versehen. Aber nicht nur im künftig wohl islamogauchistisch regierten Berlin ist so bald keine wirkliche Einsicht, geschweige denn die geforderte Abwehrstrategie zu erwarten. Wie die genau aussehen könnte, ist ohnehin offen. Nur eines ist klar: Die Leute, die aus Europa ein Kalifat machen wollen, sollten nicht auch noch mit Steuergeld dafür bezahlt werden. „Wenn die Bundesregierung es ernst meint damit, Front zu machen gegen die Muslimbruderschaft und assoziierte Organisationen“, so Adamek, „muss sie sofort die Förderung von CLAIM und ähnlichen NGOs einstellen, die seit Jahren das Muslimbruder-Narrativ vom ‚antimuslimischen Rassismus‘ verbreiten.“
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